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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-26 · 25 (26.6.1891) · p. Seite 461

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
25 (26.6.1891)
Date
1891-06-26
Page
Seite 461 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 25 ^österreichische Wochenschrift Seite 461 wöchentlich den Wochenmarkt zu N. so oft ich jedoch nach abgemachtem Geschäfte in das Gasthaus „zum goldenen Kreuz" gehe, um mich daselbst zu restauriren, bemerke ich, wie mehrere Dienstboten einer nach dem anderen in das Zimmer kommen und der im Billard- oder Kartenspiele begriffene Cantor das Queu oder die Karten niederlegt, um die von denselben mitgebrachten Gänse, Enten und Hühner zu schlachten. Die Herabwürdigung einer der heiligsten Ceremonien unserer Religion erregt den Ärger der dortigen Religionsgesellschaft, sowie der in der Umgegend Wohnenden, besonders, da es sprichwörtlich geworden: Die Juden in N. lassen ihr Federvieh beim goldenen Kreuz schlachten. Ich glaube, diesem abfälligen Treiben dadurch Einhalt zu thun, wenn ich Sie, geehrter Herr Redakteur höflichst ersuche, diesen auf W a h r h eit beruhenden Bericht vorläufig anonym zu veröffentlichen, sollte dieses aber wirkungslos sein, sehe ich mich genötigt, die betreffende Gemeinde und den Cantor namentlich zu bezeichnen. Kremsier, 16. Juni 1891. Ohew emes. C-n. Aerlin, 21. Juni. Die Antisemiten sind eine grausame, erbarmungslose Zunft. Nichts ist ihnen heilig, kein noch so großes Elend kann sie rühren und ihnen wenigstens aus Mitleid Schweigen auferlegen, selbst in Sachen die sie ohnehin nichts angehen. Unser deutscher Abschaum hat sich gewiß nicht um die vertriebenen russischen Juden zu kümmern, wenn er schon nicht die Menschlichkeit besitzt, ihr bitteres Los durch Geldspenden zu mildern. Er könnte darum recht gut seinen wilden Leidenschaften, die sich doch in der Hauptsache gegen die Israeliten des Deutschen Reiches kehren, Zaum und Zügel anlegen jund angesichts des sicht- und greifbaren Elends der hier anlangenden Flüchtlinge mindestens sein Gebelfer gegen diese einstellen. Aber mit einer wahren Gier und Stoffhunger fallen die antisemitischen Zeitungen über jede Nachricht, welche die russischen Israeliten betrifft, her, um sie skalpirt und tranchirt und nach ihrem Kochrezept mit Gift und Galle zubereitet, ihren Lesern aufzutischen. Die armen Russischen haben ja von ihren eigenen Regierungsantisemiten mehr als genug zu leiden, aber hier noch ein Stoß von deutschen Privatantisemiten. Und Alles was sich darauf bezieht, ist ihnen willkommen. Die gestrige Nr. des Stöcker'schen Leiborgans „das .Volk" macht die für das Wohlthätigkeitsfest zu Gunsten der russischen Juden eingegangenen Autographen zum Gegenstand ebenso frecher wie hämischer und nergelnder Ausfälle und Verdrehungen, nach denen die Selbstschriften angeblich gerade das Gegentheil von dem, was sie wirklich enthalten, sagen sollen. Alle die Größen, die von der ganzen Welt bewundert sind, werden vom „Volk" in den Schmutz gezerrt, weil sie ein fühlendes Herz haben und ein Autograph spendeten. Merlin. Wie dem „Berliner Tageblatt" aus Athen telegraphirt wird, hat die offiziöse „Proia", das specielle Organ des Ministerpräsidenten Delyannis, ein geharnischtes Dementi der bekannten Lügen der „Kreuzzeitung" veröffentlicht. Die „Proia" schreibt: „Die „Kreuzzeitung" behauptet, der Premierminister Delyannis habe die Untersuchung gegen die jüdischen Mörder eines Christenmädchens niedergeschlagen, und zwar gegen die Zusicherung der Auswanderung sämmtlicher korfiotischen Juden bis Ende Juni. Wir kennen nun die athenischen Correspondenten der „Kreuzzeitung" zwar nicht, allein die obigen Nachrichten der „Kreuzzeitung" enthalten so schamlose Lügen, daß man unschwer ersieht, wer sich dahinter verbirgt. Daß es leider auch in Athen Individuen gibt, die sich mit derartigen Schwindelmanövern aufs eifrigste befassen, darf Niemand wundern. Dies sind eben Geschwüre am Körper unseres Volkes, die man kauterisiren muß, und als wirksamstes Kauterisirungsmittel erscheint uns eben die Publicirung jener schamlosen Lügen, die sicher das ganze griechische Volk vernrtheilen wird." Als classischen Zeugen für die Blutbefchuldigung, welche die Berliner „Kreuzzeitung" gegen die Juden in Korfu erhob, citirte dieses perfideste aller Antisemitenblätter den griechischen Deputirten Georg. Serros. Der Specialberichterstatter des „Berliner Tageblatt", Herr Dr. Barth, hat nun bereits nachgewiesen, daß es in. der Kammer zu Athen einen Abgeordneten dieses oder eines ähnlichen Namens überhaupt nicht gebe. Das ehrenwerthe Organ der preußischen Junker und Mucker verharrt aber bei seiner Lüge, daß in Korfu ein Knabe von den dortigen Juden zu rituellen Zwecken ermordet worden sei, obwohl der einzige Zeuge, den es anzuführen wußte, gar nicht existirt. Aber vielleicht lebt er doch, nur ist er eben nicht Abgeordneter, sondern — Mörder. Dieser Tage wurde nämlich merkwürdigerweise aus Athen berichtet, daß die dortigen Behörden nach einem gewissen Georg Stero fahnden, welcher während der Judenkrawalle in Korfu zwei Juden getödtet und dann die Flucht ergriffen hat. Georg Serros und Georg Stero, das klingt fo ähnlich, daß am Ende die kleine Verschiedenheit auf einen Fehler des Telegraphen zurückgeführt werden kann. Dieser saubere Cumpan scheint demnach der Gewährsmann der „Kreuzzeitung" zu sein, der, nach bewährter Gaunerart „Halt's ihn auf!" schreit, während er selbst der gesuchte Mörder ist. Karlsruhe. Die Titel und Ordensverleihungen, welche aus Anlaß seines Militärjubiläums vom Großherzoge ergangen sind, haben auch eine Anzahl verdienter Israeliten ausgezeichnet. Ohne den Anspruch auf Vollzähligkeit zu machen, wird das Verzeichniß (ich möchte aus dem Namen allein auf das Bekenntniß nicht schließen) zeigen, wie von ungleicher Behandlung der Israeliten den andern Bürgern gegenüber in Baden gottlob nicht gesprochen werden kann. Der practische Arzt Max Weill in Karlsruhe wurde zum Medicinalrath ernannt. Das Ritterkreuz erster Classe des Ordens vom Zähringer Löwen erhielten: Bezirksrabbiner Dr. Loewenstein in Mosbach, Regierungsrath Dr. David Hugo Mayer beim Verwaltungshofe, Verlagsbuchhändler und Consul Josef Bielefeld in Karlsruhe, Kaufmann Samuel Jonas Darmstaedter, Vicepräsident der^ Handelskammer in Mannheim, und Consul Karl Reiß ebenda. Das Verdienstkreuz vom Zähringer Löwen wurde dem Bezirksältesten Abraham Schloß in Tauberbischofsheim zu Theil. Hervorgehoben zu werden verdient auch, daß der Bezirksrichter neben den Geistlichen der christlichen Confessionen aufgeführt ist, sowie der Bezirksältester einen Bezirksvorsteher bezeichnet, diesem Herrn die Auszeichnung in seiner Eigenschaft als weltlicher Vertreter der Interessen des Judenthums verliehen worden ist. Herr Regierungsrath Dr. Mayer ist das verdiente Mitglied des Oberrathes der Israeliten. vrono. Ankarelt, 21. Juni. Es ist possierlich, wie man bei uns sich dreht und windet, um officiell und privatim den Juden zu bezeichnen und als solchen von allem Möglichen ausgeschlossen, zu kennzeichnen. Nachdem von 1879 ab die damalige bis 1888 bratianische Regierung das Umschreiben des Wortes „Jude" erfunden, welches in oft ganz lächerlichen Formen in allen seitherigen Gesetzen, amtlichen Weisungen jeder Art, Licitationsausschreiben, Stellen- und Stipendienvergebungen, Regulativen rc., jedesmal anders und vorsichtiger formulirt vorkommt, haben seitdem auch uns feindliche Privatleute und -Vereinigungen dieses kindische und komische Versteckensspiel sich angeeignet, und diese, die im Gesetze-, d. h. Statutenfabriciren, die Erfahrung und Gewandtheit unserer Regiernngskreife nicht besitzen, machen

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