Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 25 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 457 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Hesterreichische Wochenschrift Seite 457 der Kirchenväter, welches erst Eusebius brechen durfte, hat einen etwas tiefer liegenden, wenn auch unschwer zu errathenden Grund, und es ist nur auffallend, daß man ihn nicht herausfinden wollte. Wir fragen: wie kann man von den Kirchenlehrern verlangen, daß sie der Therapeuten hätten erwähnen sollen, der Therapeuten, welche schon als bloße „Mosesjünger", also als Juden, weitab vom Christenthum, das sie noch gar nicht kennen konnten, die Palme der Frömmigkeit errangen, welche also zeigten, daß man schon vom Boden des Juden - thums aus zur menschlichen Vollkommenheit und Gottesnähe gelangen könne? Wozu wäre dann das Christenthum nöthig gewesen, wenn schon der jüdische Therapentismus den Gipfel der Frömmigkeit bedeutete? Wir begreifen somit, daß die Kirchenlehrer vor Eusebius den Therapentismus auf Unkosten des Christenthums nicht hervorheben durften, daß also ihr Stillschweigen keineswegs ihre Unbekanntschaft mit demselben beweise. Nun aber wird man fragen, warum im vierten Jahrhundert der Kirchengeschichtsschreiber Eusebius hierin eine Ausnahme machen und aus der Schrift de vita contempl ativa die Schilderung von den Therapeuten excerpiren durfte? Die Antwort liegt auf der Hand: erst Eusebius durfte dieses ominöse Stillschweigen brechen, nachdem er ein erst zu seiner Zeit aufgetauchtes Gerücht, ein zweifellos all hoc erfundenes „man sagt" zur Verfügung hatte, wonach „Philo zu den Zeiten des Kaisers Claudius mit dem Apostel Petrus, welcher den Einwohnern Roms damals das Evangelium predigte, in dieser Stadt zusammengekommen sei." An der Hand dieses Gerüchtes folgert nun Eusebius also weiter: „Und dieses dürfte auch nicht so ganz unwahrscheinlich sein, da die Schrift de vita contemplativa, welche er erst einige Zeit später abfaßte, ganz offenbar die noch jetzt bei uns geltenden Kirchenregeln enthält. Und da er auch die Lebensweise unserer Asketen so genau als möglich beschreibt, so dürfte man daraus wohl mit vollem Rechte schließen, daß er die zu seiner Zeit lebenden apostolischen Männer, welche, wie es scheint, hebräischer Abkunst waren und deshalb größtentheils die alten jüdischen Sitten mit ängstlicher Strenge beobachteten, nicht blos gesehen hat, sondern ihnen auch beistimmt, weil er sie bewundert und erhebt." So war denn mit Eins der Bann gelöst, der bislang auf den Therapeuten lastete! So war denn das Buch de vita contemplativa freigegeben und durfte nun von Hand zu Hand gehen! Waren doch die Therapeuten Christen. Zeichnet doch der angeblich durch Petrus für das Christenthum erwärmte Philo in de vita contemplativa nichts Anderes a l s d i e e n t st e h e n d e K i r ch e. Was doch ein zur rechten Zeit auftauchendes Gerücht nicht alles vermag! Es hat die sonst verschollen gebliebenen Therapeuten in's Leben zurückgerufen, ein Kunststück, das allerdings nur durch Vornahme eines Confessionswechsels zu Stande gebracht wurde. — Nun aber ist es historisch festgestellt, daß Philo niemals mit Petrus in R o m zusammenkommen, also von ihm für das Christenthum nicht erwärmt werden konnte. Noch mehr, Philo hatte überhaupt noch nicht die geringste Kenntniß von einem Christenthum. Doch was thut das? Eusebius sieht einmal in den Therapeuten Christen, und das genügt. III. Treten wir nun der Frage bezüglich des Entstehens und Verschwindens des Essenerordens näher, so ist vor Allem zu bemerken, daß allgemein angenommen wird, der Essenismus habe seinen Anfang nach den Makkabäersiegen genommen. Wir unserererseits schließen uns gleichfalls dieser Ansicht an, jedoch mit der einschränkenden Bemerkung, daß wohl der Orden als solcher sich erst nach den Makkabäersiegen allmälig herausgebildet, daß aber der Essenismus selbst in die vormakkabüische Zeit zurück reiche. Die Gründe für diese Behauptung können wir hier nur andeutungsweise berühren. Unsere Ansicht geht nämlich in Abweichung von der herrschenden, welche behauptet, die Essener seien eine Fraction der Chasidäer gewesen, dahin, daß sie eine Elaste griechisch gebildeter Juden waren, welche die von der jüdisch« alexandrinischen Schule im Schmelzofen der Zeitphilosophie präparirte mosaische Lehre practisch zu bethätigen, will sagen, diese Lehre nicht blos zu lehren, sondern auch nach ihr zu l e b e n bemüht waren. — Man weiß, welche Macht der Hellenismus in der makkabäifchen Periode geworden, wie gewaltig er auch die jüdischen Geister bewegte; wir dürfen nun ohne Zaudern annehmen, daß er auch in Judäa auf religiösem Gebiete ähnliche edle Früchte, wie in Alexandria, gezeitigt hat. Wenn aber diese dort weniger in die Erscheinung traten, so lag es an dem, daß die mit allen ihren Reizen unvermittelter als in Alexandria über Judäa hereinfluthende fremde Cultur die Gemüther berauschte und überwiegend schädliche Wirkungen erzeugte. Man erzählt uns aber immer wieder nur von diesen, nur von dem gottlosen, das Judenthum in seinen Grundfesten erschütternden Treiben der Hellenisten Judäas, nur von den Schatten-, niemals aber von den Lichtseiten des Hellenismus. Wie, der Hellenismus, welcher in Alexandria so Großes und Schönes zuwege brachte, er sollte in Judäa allein nur Spuren der Verheerung und keine einzige wohlthuende Wirkung zurückgelasseu haben?! Gewiß, es gab auch hier eine, wenn auch verhältnißmäßig kleine Gemeinde redlich strebender Hellenisten, welche die von dem jüdischen Alexandrinismus angebahnte religiöse Richtung auf palästinensischem Boden weiter verfolgte und entwickelte. Was aber ist aus dieser Gemeinde geworden? Nun, sie mußte sich nach den ebenso glorreichen als berauschenden Makkabäersiegen, wo gegen alles Griechische gewüthet und das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde, in sich zurückziehen. Diese Gemeinde, welche den edlen Hellenismus, wie er sich in Alexandria herausgebildet hatte, in ihrem Schoße hegte und pflegte und gleichsam eine griechische Insel innerhalb des nachmakkabäischen, griechenfeindlichen Judenthums bildete, erzeugte den Essenerorden. Inmitten einerfeindlichen Welt, welche jede griechische Bildung perhorrescirte, mußte diese Gemeinde ihre Lehre, die in Alexandria öffentlich vorgetragen wurde, in ein undurchdringliches Geheimniß hüllen. Dieses führte zur strengen Abschließung und zur allmäligen Bildung eines Ordens und seiner Eigenthümlichkeiten. Dieser Abschließung bei peinlicher Beobachtung in's Auge fallender religiöser Gebräuche, sowie dem tiefen Dunkel, das ihre Lehre umgab und endlich der hohen Verehrung, welche das Volk für die im Rufe prophetischer Begabung stehenden Essener hegte, ist es zuzuschreiben, daß sie unangefochten von Seite der zur politischen Macht gelangten Pharisäer blieben, obgleich diese wiederholt den. Bannstrahl gegen die Pflege griechischer Wissenschaft schleuderten, sobald deren Wogen höher zu gehen anstngen. Wohin aber ist der Essenerorden, der einen so tief einschneidenden Einfluß auf seine Zeit ausgeübt, gerathen? Die Beantwortung dieser Frage hängt mit der Erörterung eines anderen bisher noch wenig beachteten Punktes eng zusammen. Wir lesen im Josephus, daß die Essener in dem großen Aufstand gegen Rom, welcher den Untergang des jüdischen Reiches herbeiführte, einen hervorragenden Befehlshaber ins Feld stellten. — Weiters berichtet derselbe Josephus wörtlich: „Im Kriege mit den Römern haben die Essener erstaunliche Proben von Standhaftigkeit und Geistesgröße gegeben. Sie wurden zu Tode gemartert, auf die Folter gespannt, ihre Glieder wurden ihnen verrenkt und gebrannt — doch keine Todespein vermochte ihnen Lästerungen wider ihren Gesetzgeber zu erpressen. Sie versuchten nicht einmal die Raserei ihrer Peiniger zu besänftigen, vergoßen im Übermaße der Schmerzen keine Thräne, lächelten vielmehr unter den Martern, spotteten ihrer Henker und gingen willig in den Tod, überzeugt, daß sie in ein ewiges Leben eingehen."