Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 25 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 456 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 456 Hesterreichlsche Wochenschrift Nr. 25 oder nur vernehmlich Achem zu holen, denn jetzt wirft Einer eine Frage auf, die sich auf eine Stelle in der heiligen Schrift bezieht, oder er beantwortet eine solche an ihn gerichtete, ohne dabei nach schönen Worten zu Haschen. Denn keiner von ihnen strebt nach dem Ruhm großer Beredsamkeit, ihr ganzes Sinnen zielt vielmehr dahin, die Sache gründlich zu erforschen und das Erforschte den minder scharfsinnigen, dafür aber lernbegierigen Genossen zu enthüllen. Darum befleißigen sie sich denn auch eines langsamen Vortrages, um die zu entwickelnden Gedanken den. Seelen desto bester einzuprägen, da nicht alle Zuhörer einem beschleunigten Jdeengange zu folgen vermöchten und vieles ihnen verloren gehen müßte. Sie aber hangen an den Lippen des Vortragenden, seine Worte gierig verschlingend, ohne dabei ihre Haltung zu verändern und geben nnr durch Blicke oder Mienen zu verstehen, daß seine Ausführungen ihnen einleuchten; wo aber der Vortrag ihnen nicht ganz klar ist, da schütteln sie den Kopf, oder geben mit einem Finger der rechten Hand ein Zeichen. Nicht minder eifrig lauschen die Jünglinge, welche nicht wie die Allen, auf Lagerstätten liegend, sondern stehend den Vortrag anhören. . . Soweit lassen wir unsern Alexandriner sprechen. Denn was er sonst noch vorzubringen hat, stimmt im Allgemeinen mit dem bereits über den Essenismus Mitgetheilten überein, daß wir es füglich übergehen können. Nun wollen wir auch das Jncognito dieses unseres alexandrinischen Führers, der uns so schätzenswerthe Aufklärungen gegeben, lüften — so weit es eben zu lüften geht: es ist derselbe, welcher die den Werken Philo's einverleibte Schrift de yita contemplativa, „über das beschauliche Leben", verfaßt hat, eine Schrift, die sich als Anhang gibt zu dem die praktischen Essener schildernden Philon'schen Buch, Quod omnis probus Uber, und als Ergänzung ein Bild von den beschaulichen Essenern, oder Therapeuten entwirft. Dieser Schrift verdankt man die ganze Bekanntschaft mit den Therapeuten — ihr haben auch wir die hier mitgetheilten Züge entlehnt. Hat es aber in Wirklichkeit solche jüdische Mönche gegeben, wie die Therapeuten es waren, welche jedem irdischen Besitze, jeder körperlichen Arbeit entsagend, die höchste Glückseligkeit darin fanden, sich in die Tiefen der göttlichen Lehre zu versenken? Sollte auf dem Boden des Judenthums ein solches Mönchthum möglich gewesen sein? So fragte, allerdings erst nach etwa achtzehnhuudert Jahren, die Kritik und war schnell fertig mit dem Urtheil: daß der Bericht über die Therapeuten eine bloße Fiction, das Product einer tendenziösen Phantasie sei. Was uns betrifft, so gestehen wir offen, daß wir uns für den Therapeutismus, der bei allen seinen Vorzügen im Großen und Ganzen doch nur eine krankhafte Zeiterscheinung war, nicht zu sehr ereifern würden, wenn nicht die gegen ihn geführten Streiche auf das Empfindlichste den Essenismus treffen würden. Es ist merkwürdig, wie leichten Herzens man die Therapeuten fallen ließ, wie Freund und Feind, Jude und Christ vereint über sie herfielen und sie mit Schimpf und Schande aus der Geschichte stießen. Der Erste, der das Zeichen zum Angriff gab, kam aus dem jüdischen Lager, und wie wenig Sympathie sonst den von jüdischen Gelehrten auf theologischem Gebiete aufgestellten Hypothesen cntgegengebtacht wird, diesmal hatte sich unser jüdischer Angreifer nicht zu beklagen. Eine stattliche Anzahl christlicher Mitkämpfer schaarte sich um ihn, galt es doch der Bekämpfung eines gemeinsamen unbequemen Gegners. Warum aber waren die Therapeuten unserm jüdischen Gelehrten so unbequem? Eine leicht zu beantwortende Frage: Der alexandrinische Therapeutismus verlieh seinem palästinensischen Bruder, dem Effenismus, zu viel Schwungkraft, umgab ihn mit einem fremdartigen Lichtglanz und machte ihn dadurch zu einer< in der talmudischen Literatur nicht mehr unterzubringenden Erscheinung. Der Therapeutismus mußte somit geschlagen werden, damit dem Effenismus ein starker Dämpfer aufgesetzt werde, damit er immer tiefer und tiefer bis ans die Basis des Chasidismus, mit dem er einige unbedeutende Aeußerlichkeiteu gemein hatte, herabgedrückt werden könnte, um aus der Geschichte des vorchristlichen pharisäischen Judenthums begriffen werden zu können. Mit anderen Worten: der Therapeutismus hatte zu viel dessen, w a s s p ä t e r imChristenthum zum Ausdruckgelangte, verfolgte zu sehr universalistische Tendenzen, welche im pharisäischen Judenthum unmöglich ihre Quelle haben konnten. Der über das Niveau des Pharisäismus sich so hoch emporschwingende Effenismus mußte somit vor Allem von der Umklammerung des Therapeutismus losgerungen werden, was um so leichter ging, ,als ja über die Therapeuten nur ein einziger Bericht vorhanden ist, und zwar in der bereits genannten Schrift de yita contemplativa, und die Autorschaft Philo's hier leicht angefochten werden konnte, so sehr auch diese Schrift die Geistesrichtung und die ^Darstellungsweise dieses größten jüdischen Alexandriners wiederspiegelt. De vita contemplativa wurde also Philo abgesprochen. Aber damit war sie noch immer nicht unschädlich gemacht; denn der in ihr über die Therapeuten enthaltene Bericht konnte ja immer noch von einem jüdischen Zeit- und Gesinnungsgenossen Philo's herrühren und den Thatsachen um so eher entsprechen, als sie ja nicht nur den jüdisch-alexandrinischen Geist athmet, sondern noch überdies in den wichtigsten Punkten mit den von Philo und Josephus über die Essener gebrachten Schilderungen übereinstimmt. Man ging nun um ein rechtschaffenes Stück weiter, indem man die kühne Behauptung aufstellte: die in de vita contemplativa gezeichneten Therapeuten haben nie gelebt, die Schrift se lb st sei erst um drei Jahrhunderte später, also im dritten christlichen Jahrhundert von einem Christen verfaßt worden, und dies zu dem Zwecke, um das damals eben erst aufdämmernde ch r i ft*l i ch e Mönchthum zu verherrlichen. So waren denn die jüdischen Therapeuten todt, und damit die ohnehin spärlich auf uns gelangten Berichte über die Essener, dermaßen verstümmelt, daß nur ein leicht in's Schwanken zu bringender Rumpf zurückblieb. Das Facit dieser Kritik ist: Solche ideale Menschen wie die praktischen Essener und die theoretischen Therapeuten hat es nie gegeben. — Es hat nicht sollen sein! Wie, es sollten wirklich weder diese Essener noch diese Therapeuten jemals gelebt haben, es wäre alles nur ein Traum? Und welches sind die Beweise für diese schwerwiegende Behauptung, die mit ein em Athemzug das Helle Licht ausbläst, welches der Effenismus über das Judenthum in dem letzten vorchristlichen Jahrhundert verbreitet? Wir können hier, in einer flüchtigen Zeichnung, diesen Gegenstand nicht ausführlich behandeln, wir thun dies an einem anderen Orte unter Beibringung des nöthigen Beweismaterials.*) An dieser Stelle mag es genügen, auf die H a u p t st ü tz e hinzuweisen, die man für jene kühne Hypothese in Anspruch nimmt. Diese Hauptstütze findet man in dem Stillschweigen der Kirchenlehrer der ersten christlichen Jahrhunderte über die Therapeuten. Hätten — so meint man — die in de vita contemplativa verherrlichten Therapeuten in Wirklichkeit gelebt und stammte diese Schrift aus der Zeit Philo's, wie wäre es zu erklären, daß ihrer kein einziger Kircheuschriftsteller vor Eusebius, der erst im vierten Jahrhundert schrieb, Erwähnung thut? Man muß gestehen, daß dieser Einwand auf den ersten Blick etwas Frappireudes hat. Sieht man aber näher zu, so erweist er sich als völlig haltlos: dieses Stillschweigen *) In einer demnächst erscheinenden Schrift: „Von der Septuaginta zum Evangelium".