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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-26 · 25 (26.6.1891) · p. Seite 455

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
25 (26.6.1891)
Date
1891-06-26
Page
Seite 455 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 Hesterreichische Wochenschrift Seite 455 Lei Len socialistischen Serien des Lndenthnms im letzte» vorchristlichen Lahrhnndert. Von Dr. M. F r i e d l ä n d e r. (Schluß.) II. Wir haben in Begleitung unseres Alexandriners, der uns so belehrende Winke über das Wesen des Essenismus gegeben, Engedi verlassen und uns nach Egypten an den mareotischen See begeben. Die mäßig aufsteigenden Hügel, welche hier den See bekränzen, sind in weitem Bogen mit prächtigen Villen geschmückt, in welchen die Vornehmen Alexandriens die Sommerfrische genießen. Und in der That ist kaum ein anmuthigerer und erquickenderer Erdwinkel anzutreffen, als es der Umkreis des mareotischen Sees ist. Die Mischung der doppelten Luftströmung vom See und vom Meere her, deren erstere dichter, letztere aber reiner ist, wirkt überaus wohlig und aufheiternd auf die Gemüther der Bewohner, deren beschauliche Lebensweise sie außerordentlich fördert. Mitten im Kranze dieser Landhäuser dehnt sich ein langgestrecktes Dorf hin, dessen Hütten grell abstechen von der Pracht der sie umkreisenden Villen. Es sind die einfachsten Häuschen von der Welt, die keinen anderen Zweck haben, als vor des Sommers Glut und des Winters Frost zu schützen. Die Bewohner derselben sind eben Essener, oder wie man sie hier zu Lande nennt, Therapeuten, Diener Gottes. Beim Eintritt in das Dorf begrüßt uns eine feierliche Sabbathstille. Hier giebt es keine Werkstätten, in denen sich fleißige Hände regen, keine Menschen, die aus dem Acker oder sonstwo arbeiten, Alles scheint hier, selbst an den Arbeitstagen zu feiern. Was bedeutet diese Todtenstille? So fragen wir unfern Begleiter. Doch der ist hier in seinem Element, denn hier braucht er seiner Zunge keine Gewalt anzuthnn. Hier — so ruft er jauchzend aus — bin ich Essener, hier darf ich es sein! Und nun ringt sich ein langverhaltener Redestrom dem Gehege seiner Lippen los: „Hier hat" — so berichtet er — „die äußerste Linke des Essenismus ihren Sitz aufgeschlagen. Ich nenne sie die äußerste Linke, weil unsere Therapeuten über die Essener darin hinausgehen, daß sie den ceremoniellen und nationalen Theil der mosaischen Lehre überfliegen und nur den ihr innewohnenden tieferen Sinn zu erforschen streben, während die Essener bei aller geistigen Auffassung des Gesetzes doch immer an dem Buchstaben hangen und die hergebrachten Ceremonien auch dann noch haarscharf beobachten, wenn sie deren eigentlichen Gehalt längst erkannt haben. Allein mit dem Bleigewicht des todten Buchstabens an unseren Flügeln kommen wir nicht vorwärts, und wir wollen doch die uns anvertraute göttliche Lehre nicht in den engen Grenzen des Judenthums eindämmen, sie soll ja vielmehr das Gemeingut der gesammten Menschheit werden, und da müssen alle einengenden Formen fallen, alles einschränkende Nationale schwinden. Darum wirst du auch Leute unserer Gesinnungsart und Anschauungen in allen Weltgegenden, wo es nur denkende und gebildete Menschen gibt, thätig finden, da es ja billig, daß Griechen und Barbaren in gleicher Weise des vollkommen Guten theilhaftig werden. Am häufigsten jedoch sind sie in Egypten und auch hier vornehmlich in der Umgebung von Alexandria anzutreffen. Denn aus allen Gegenden kommen die vorzüglichsten der Therapeuten hieher gesandt, als ob hier ihr Vaterland wäre. Hier wird die heilige Lehre in ihren Tiefen erforscht und der hemmende Buchstabe und die gedankenlose, wenn auch durch hohes Alter geheiligte Ceremonie ohne Scheu aus die Seite geschoben, da es sich um die höchsten Interessen der Menschheit handelt. Wir Therapeuten betrachten nämlich die ganze Gesetzgebung als ein organisches Wesen, indem wir mit den Worten den Leib, mit der Seele aber den tief unter den Worten verborgenen Sinn vergleichen, weshalb auch unser ganzes Streben einzig und allein aus die Enthüllung der erhabenen Gedanken gerichtet ist. Doch es befremdet dich, inmitten der therapeutischen Colonie keine Therapeuten zu sehen? Nnn, diese leben die ganze Woche hindurch in ihren Zellen, im Studium der heiligen Schrift versunken, worüber sie die Welt und ihre Freuden vergessen. Du mußt nämlich wissen, daß die Bewohner dieser Colonie allen irdischen Genüssen entsagt haben, sobald sie den Entschluß gefaßt, sich dem Bunde der Therapeuten anzuschließen. Sie überlassen dann, als ob sie aus dem Leben zu scheiden gedächten, Hab und Gut ihren Söhnen und Töchtern, oder sonstigen Verwandten und in Ermanglung solcher ihren Freunden, indem sie dieselben noch bei ihren Lebzeiten freiwillig zu ihren Erben einsetzen. Wenn sie sich nun auf diese Weise aller irdischen Sorgen entschlagen haben, reißen sie sich ohne Rücksicht auf ihre Familie von ihren Wohnsitzen los. Sie verlassen jedoch nicht eine Stadt, um eine andere aufzusuchen, wie es bejammernswürdige Sclaven thun, welche froh sind, ihre Herren wechseln zu können, ohne dabei die Freiheit zu erlangen; sie meiden vielmehr die Städte überhaupt, weil jede derselben, und wäre sie von den besten Gesetzen geleitet, von Unruhe und Verwirrung erfüllt, der Beschaulichkeit daher wenig förderlich ist. Sie ziehen sich vielmehr, um ein heiliges Leben führen zu können, in die Einsamkeit zurück, suchen stille Gärten und Plätze auf, aber nicht etwa aus Menschenscheu, sondern um nicht mit Individuen Umgang pflegen zu müssen, die sich in Lebens- und Denkweise stark von ihnen unterscheiden und nachtheilig auf sie wirken müssen. Betrachte einmal diese kahlen und armseligen Hütten da; in ihrem Innern strahlt ein heiliges und beseligendes Licht. Hier pflegen die Therapeuten in strengster Abgeschiedenheit das Mysterium eines weihevollen Lebens. Nicht Speise noch Trank profanirt dieses ihr Heiligthum, darin sich nichts weiter vorsindet, als die heiligen Gesetzesbücher, die Schriften der Propheten, Hymnen und sonstige Dinge, durch welche Weisheit und Frömmigkeit gefördert und der Vervollkommnung zugeführt werden. Sie sind der Gottheit so voll, daß ihnen selbst in den Träumen nichts anderes als die Schönheit der göttlichen Mittelkräfte vorschwebt. Im Gegensätze zu den Essenern entsagen die Therapeuten, die sich der Theorie widmen, jeder körperlichen Arbeit. Die ganze Zeit, vom Morgen bis zum Abend, verwenden sie auf fromme Betrachtungen, forschend in der heiligen Schrift, sie in der von den Vätern ererbten Weise allegorisch auslegend. Daneben beschäftigen sie sich mit der Abfassung von Hymnen und heiligen Gesängen, die sie mit entsprechenden Melodien versehen. In dieser Weise verleben sie die sechs Wochentage, jeder für sich in seiner Zelle, und nehmen oft drei Tage lang keine Nahrung zu sich. Am siebenten Tage jedoch, an welchem sie zur gemeinsamen Versammlung Zusammenkommen, gönnen sie neben dem Geiste auch dem Körper mehr Fürsorge. Aber auch an diesem Tage genießen sie nicht mehr als Brod, mit Salz gewürzt, die Schwächeren unter ihnen nehmen auch Mop dazu. Denn die Mäßigkeit bildet ihnen den Grundstein, auf welchen sie alle übrigen Tugenden aufbauen. Durch sie unterdrücken sie die beiden das Menschengeschlecht bändigenden Gewalten: den Hunger und den Durst, indem sie ihnen nur soviel gewähren, als zur Erhaltung des Lebens unumgänglich nöthig ist. Darum essen sie nur, um nicht Hunger und trinken nur, um nicht Durst zu leiden, jede Ueberladung, als für den Geist und Körper gleich schädlich, meidend. Denn über Alles geht ihnen die Einfachheit, welche sie als Quelle der Wahrheit, sowie sie die Hoffahrt als die Quelle der Unwahrheit ansehen, und wie aus der Unwahrheit alles Laster, so entspringe wieder aus der Wahrheit alles göttliche und menschliche Gute. . . . Wenn sie sich nun zum gemeinsamen Mahle versammelt haben, in weißen Gewändern, senden sie vorerst, Augen und Hände gen Himmel gerichtet, Gebete zu Gott, er möge ihr Mahl wohlgefällig aufnehmen. Bei dem Mahle selbst herrscht feierliche Stille. Niemand wagt ein Geräusch zu erregen,

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