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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-26 · 25 (26.6.1891) · p. Seite 454

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
25 (26.6.1891)
Date
1891-06-26
Page
Seite 454 (sequence 4)
Language
German
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Hesterreichische Wochenschrift Nr.".25 Seite 454 illustriren, die sich auf seine Wirksamkeit in Wien beschranken*). — Kurz bevor Iellinek nach Wien kam, wurde der „unselige Vertrag", das Concordat, abgeschlossen. Das Concordat betras zunächst die Katholiken, aber unmittelbar wurden auch die Akatholiken und speciell die Juden betroffen und erinnern wir daran, daß Versuche gemacht wurden, die Principien, die in dem Concordate in Betreff der katholischen Kirche zur Geltung kamen, auch nach Thunlichkeit auf die Juden zu übertragen und die Orthodoxen wurden nicht nur als die Rechtgläubigen, sondern auch als die alleinigen Patrioten aufgestellt. Später kam die Zeit des „Talmudjuden", der Talmud wurde als ein Werk der elendesten Niedertracht, als eine Ausgeburt des Blöd- und Wahnsinnes dargestellt, und in unserer Zeit haben wir hart und schwer an dem Antisemitismus zu tragen. Man lese nun die betreffenden Predigten, die sich mit diesen Fragen befassen, soweit sie gedruckt sind, nach und man wird über die vortrefflichen Waffen, die I e l l i n e k gegen die feindlichen Gewalten führt, staunen. Will man sich jedoch über das Wesen des Judenthums, über die erhabenen Lehren desselben belehren lassen, so lese man den Predigtcyclus übet das Glaubensbekenntniß „Sch'ma Jisroel." Fragt man, welche Momente es sind, die Jellinek zum großen Kanzelredner, zum hervorragenden jüdischen Prediger machten, so ist die Antwort bald gegeben. I e l l i n e k ist auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judenthums von ihren Anfängen bis auf ihre letzten Ausläufer heimisch und beherrscht geradezu das Gebiet des Midrasch, auf welchem er sich gewissermaßen als Schliemann bewährte, indem er vergessene und verschollene Midraschim neu edirte. Gesprächsweise erklärt Jellinek, die Hagada habe das Judenthum erhalten und man p»ird zugeben, daß die scharfsinnigen und oft haarspaltenden Deduktionen des Talmuds und der Decisoren aus gesetzlichem Gebiete wohl nicht im Stande gewesen wären, die Juden dem Judenthum während der Jahrhunderte langen Zeit der Leiden und Drangsale zu erhalten, wenn die Hagada nicht ihr Herz und Gemüth gefangen genommen hätte. Die Hagada hat deu Trübseligen und Leidenden Trost und Erquickung gebracht; sie hat ihre Schmerzen gelindert und die Gebeugten richtete sie auf, und Jellinek beherrscht eben, wie bemerkt, dieses Gebiet. Man würde jedoch irren, wenn man glauben wollte, daß Jellinek ausschließlich das Gebiet der Wissenschaft des Judenthums pflegt; es bleibt ihm keine bedeutende Erscheinung auf dem Büchermärkte fremd (selbstverständlich meinen wir damit nicht etwa eine Fachliteratur, wie die medicinische u. s. w.). Seine Predigten ruhen daher aus der großen und breiten Unterlage einer gründlichen Gelehrsamkeit und sein Stil ist nach den besten Mustern gebildet. Dazu kommt aber noch ein wichtiges Moment, er hat, wie man sagt, die Volksseele seiner Glaubengenossen belauscht. Er kennt sie in ihrem Wesen, in ihrem Kerne, *) Wir haben von der Wtrksamleit I e l l i n e k's als Prediger in Leipzig ganz abgesehen, aber wir können es nicht übergehen, daß seine Predigten in der damals kleinen israelitischen Gemeinde zu Leipzig das schöne Gotteshaus daselbst ins Leben riefen. in ihren Ausläufern, Abarten und Unarten, wie er solches in den vortrefflichen Studien „Der jüdische Stamm" bewiesen hat. Jellinek hat aber nicht blos als -Prediger gewirkt, er war auch als Gelehrter thätig und hat die Wissenschaft auf verschiedenen Gebieten bereichert, u. zw. indem er selbstständige Werke, ferner Manuscripte aus alter Zeit oder neue , Editionen k. veröffentlichte. Wir können hier eine Characteristik derselben nicht geben, da uns dies zu weit führen würde. Und in derselben Weise, wie er es versteht, gelehrte Abhandlungen zu verfassen, in gleicher Weise weiß er für das große Publikum zu schreiben und seine Zeitungsartikel und speciell seine Feuilletons werden mit großem Interesse gelesen. Falls Jellinek nicht Prediger geworden wäre, so hätte er als Schriftsteller und als Journalist geglänzt. Sein Verdienst besteht jedoch nicht blos darin, was er selbst als Gelehrter und als Schriftsteller geleistet hat; ihm gebührt auch das Verdienst, daß er in vielfacher Weise auf Andere gewirkt und sie zu wissenschaftlichen und literarischen Leistungen angeregt hat. Zahlreiche Werke, die thatsächlich die Wissenschaft gefördert haben, sind erschienen, zu welchen er den betreffenden Autoren die Anregung gegeben hat. Alle, die mit ihm verkehren, wissen, daß er auch im gewöhnlichen Gespräche voll Geist und Witz ist; aber mitten im Scherze fehlt es nicht an allerlei Anregungen, die noch lange nachklingen. Jellinek ist aber nicht nur ein Mann des Wortes, er ist auch ein Mann der T h a t. Wir hatten erst jüngst Gelegenheit, in diesen Blättern darauf hinzuweisen, daß Jellinek es war, der der Wissenschaft des Judenthums in Wien eine Stätte errichtet hat, das Beth-Hamidrasch. Diese Anstalt hat viel für die Förderung der Wissenschaft des Judenthums geleistet. Jellinek selbst hielt mehrere Jahre Vorträge über Midrasch rc. Er hielt auch häufig Vorträge in populärer Form und wird Jeder, der sie gehört hat, gewiß mit Vergnügen sich an dieselben erinnern. Man empfing bei denselben nicht blos Belehrung, sondern man ging auch tu gehobener Stimmung erheitert fort, da sie voll von Witz und Humor waren. Jellinek hat auch bewiesen, daß er ein Mann der Thal sei, da er bei der großartigen Stiftung des Baron Hirsch sozusagen Gevatter stand. Jahrelang stand er in briefllichem Verkehre mit diesem edlen Wohlthäter uub trug dazu bei, daß dieses großartige Werk in's Leben trat. (Vergl. „Neuzeit" a. m. O.) Wir haben bisher von Jellinek als Prediger, als Gelehrter, als Schriftsteller und Journalist und als Mann der That gesprochen; es sei uns schließlich gestattet, von Jellinek als Mensch zu sprechen und da können wir uns kurz fassen, indem wir sagen, daß er ein Mensch im besten und edelsten Sinne des Wortes ist. Wir schließen diese Skizze, die nicht im Entferntesten das Thema erschöpft, mit dem Wunsche, daß die Wünsche, die dem hochverehrten Jubilar von Tausenden und aber Tausenden bei Gelegenheit seines siebenzigsten Geburtstages dargebracht werden, in Erfüllung gehen mögen.-.

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