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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-26 · 25 (26.6.1891) · p. Seite 453

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
25 (26.6.1891)
Date
1891-06-26
Page
Seite 453 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25 Hekerreichische Wochenschrift wurde gerade iu einem Momente, wo die scheußlichste Ausgeburt des „arischen" Kasten- und Racenvorurtheils, der moderne Antisemitismus, seine wildesten Orgien feiert. Dem Kasteninstincte, dem Geiste der Unduldsamkeit und Unterdrückung tritt hier der jüdische Freiheits- und Gleichheitsgedanke in seiner reinsten, höchsten Form entgegen, dem haßerfüllten Kriegsrufe unserer Feinde antwortet ein jüdischer Denker mit einem großartigen Versuche, die Freiheit, die Moral und das Glück aller Menschen auf Grundlage jener ewigen Wahrheiten aufzurichten, welche die heiligen Bücher unseres Volkes von Uranfang verkündet haben. Denn daß alle politischen Rechte und Freiheiten werthlos sind, so lauge der Mehrzahl der Menschen das wichtigste, nothwendigste aller Freiheitsrechte fehlt, dasjenige nämlich, unabhängig von fremdem Willen das Leben zu fristen, daß der Knecht unmöglich frei sein könne im wahren Sinne des Wortes, das haben die Lehrer und Propheten Israels — wie unzählige Belegstellen aus all' unseren heiligen Schriften beweisen — schon zu einer Zeit gepredigt, wo alle anderen Nationen Sclaverei und Knechtschaft noch für eine, mit dem innersten Wesen des Menschenthums unlöslich und für ewige Zeiten verknüpfte, allen Göttern und Menschen wohlgefällige Institution hielten; und selbst der Weg, auf welchem allein Erlösung für die geknechtete Menschheit gewonnen werden könnte, war ihnen wohl bekannt. Das Gotteswort: „M e i n ist das Land, Du sollst es nicht dauernd in Deinen Besitz nehmen", das Jubeljahr mit seiner periodisch wiederkehrenden Ackervertheilung, die Freilassung der Knechte im siebenten Jahre, das Zinsverbot — was sind sie anders, als die Vorbilder und Vorläufer der freiländischen Einrichtungen? Ist es nach alldem zu viel gesagt, wenn wir behaupten, daß Freiland, wenn es seinem begeisterten Verfasser gelingt, es in die Welt der Thatsachen einzuführen, nichts anderes sein wird, als das neue Zion, an welches zu glauben unsere Vorfahren inmitten aller Unterdrückung, aller Schmach und alles Unglücks niemals aufgehört haben? Und dieser unerloschene felsenfeste Glaube wird nicht zu Schanden werden; wer Freiland liest, der muß dem Verfasser zustimmen, daß die Zeit der Erfüllung gekommen sei. Die Knechtschaft, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen war eine unerbittliche, durch keinerlei Idealismus zu überwindende Culturnothwendigkeit, so lange Reichthum und Muße — diese beiden Voraussetzungen jedweder höheren Cultur — nur mit Hilfe der Knechtesarbeit ausgebeuteter Nebenmenschen zu erlangen waren. Jetzt aber hat der Fortschritt des menschlichen Geistes uns in den Stand gesetzt, „eiserne und stählerne Knechte an die Stelle unterdrückter Nebenmenschen zu setzen, die in den Dienst der Menschheit gezwungenen Elemeutar-Kräfte zur Gewinnung grenzenlosen Reichthums für alle vom Weibe Geborenen zu benützen"; und das — so belehrt uns H er tzka — wird die wirtschaftliche Gleichberechtigung, die bisher trotz allen Feuereifers gotterleuchteter Seher doch nur ein Ideal gewesen, in das Gebiet praktischer Wirklichkeit übertragen. Wir haben diese Zeilen nicht geschrieben, lediglich um unseren Lesern Stoff zu Unterhaltung und interessanter An¬ Seite 453 regung zu bieten; wir sind der Zuversicht, daß die Bekanntschaft mit Hertzka's Buch viele von ihnen veranlassen wird, das große, in Ausführung begriffene Werk nach Kräften zu fördern. Wir geben ihnen zu bedenken, daß es nicht blos ein allgemein menschliches, sondern ein eminent jüdisches Interesse ist, welchem damit gedient wird. Freiland wird, wenn es gelingt, eine der größten Thaten im Dienste der ganzen Menschheit sein; aber selbst wenn es mißlänge, wenn des Verfassers edle Absichten auch nicht im vollen Umfange sich verwirklichen lassen sollten, würde doch für alle Fälle selbst der Versuch zu solcher That ein unermeßlicher moralischer Sieg für Israel sein. Die sociale Erlösung der Menschheit — wenn auch erfolglos — versucht zu haben, während rings das antisemitische Wuthgeheul gegen jüdisches Kapital, jüdische Ausbeutung erschallt, schon das wäre ein Beginnen dessen Früchte unmöglich ausbleiben könnten. Aber Freiland wird nicht mißlingen, das „neue Zion" wird greifbare Wahrheit werden und daß mit dem Momente, wo dies geschieht, die Zeit der Heimsuchung für unser Volk abgelaufen ist — das brauchen wir wol nicht erst ausdrücklich zu sagen. In der Erwartung, daß unser Appell kein vergeblicher bleiben wird, erklären wir uns mit Freuden bereit, Anfragen und Anerbietungen in Sachen „Freilands" entgegenznnehmen und an Dr. Hertzka zu übermitteln. Dr. Adolf Iellinek. (Z UM 70. G e b u r t s t a g.) Von k. Wolf. Die erste Predigt, die Dr. I e l l i n e k in Wien hielt, hatte den ersten Vers im Wochenabschnitte Noa zum Texte und behandelte das Thema: „Jede Zeit hat ihren Mann und jeder Mann hat seine Zeit". In dieser Predigt schilderte er das Wirken des Predigers Mannheimer, des Mannes, der die Wiener Gemeinde gewissermaßen geschaffen, dessen Collega er nun werden sollte; — und wahrlich, dasselbe Thema ließe sich behandeln, wenn man die Wirksamkeit J ellinek's, der nun seinen siebenzigsten Geburtstag begeht, in der Wiener israelitischen Gemeinde schildern wollte; denn auch er war der Mann der Zeit. Ich möchte kein Plagiat begehen, es möge jedoch gestattet sein, einige Momente zu markiren. Jellinek ist als Kanzelredner, als Prediger bekannt und berühmt. Nun ist es keine Frage, daß es an bedeutenden Kanzelrednern nicht fehlt. Auch unter uns Juden gibt es eine stattliche Reihe von vortrefflichen Predigern, obschon die Predigt bei den Juden in der Landessprache und speciell in deutscher Sprache noch nicht ein Jahrhundert alt ist. Wir brauchen nur an S a l o m o n, Geiger, Sachs, Mannheimer, P h i l i p p s o n u. s. w. zu erinnern. I e lli n e k's Predigten sind ein Spiegelbild der Zeit. Sie wirken nicht nur, wir möchten sagen, mit elementarer Gewalt auf die Zuhörer, sie wirken auch auf jene, die sie nach Jahr und Tag lesen, weil sie zeitgeschichtliche Bilder vorführen und sind daher auch von geschichtlichem Werthe. Wer die Geschichte unserer Zeit und speciell die Culturgeschichte unserer Zeit und insbesondere die Geschichte der Juden der Gegenwart schreiben wird, wird die Predigten Jellinek's benutzen müssen. Wir wollen diese These durch einige Bei spiele

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