Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 25 (26.6.1891)
- Date
- 1891-06-26
- Page
- Seite 452 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 452 Hefterreichrfche Wochenschrift Nr. 25 keinerlei behördliche Bevormundung eingeengte Freiheit gewahrt werden soll, zu arbeiten, was, wo und wie viel ihm beliebt. Das sind Utopien, werden wohl die meisten unserer Leser ausrufen, und sie werden in dieser ihrer Meinung nur noch bestärkt werden, wenn wir ihnen die Grundlage des in „Freiland" entwickelten Organisationsplanes skizziren. Die Grundprincipien, auf denen sich das freiländische Gemeinwesen aufbaut sind nämlich: 1. Absolute Herrenlosigkeit des Bodens. Freiland anerkennt keinerlei Grundeigenthum, weder für den Einzelnen, noch für den Staat. Der Boden soll frei sein, gleich der Lust; er soll Niemand zu Eigenthum gehören, aber Jeder ohne Ausnahme soll das Recht haben ihn zu benützen. 2. Die Betriebscapitalien werden im Wege auf den Reinertrag jeglicher Production gleichmäßig ausgeworfener Steuer von der Gesammtheit aufgebracht und den Arbeitenden zinslos, aber gegen Rückzahlung, zur Verfügung gestellt, ohne daß sich die Gesammtheit irgend ein Recht der Einmischung oder Ueberwachung betreffs der Verwendung dieser Eredite anmaßt. 3. Zum Zwecke der Production (im weitesten Sinne des Wortes) vereinigen sich die Arbeitenden zu Associationen, welche sich ihre Leiter selber wählen und nach Vereinbarung honoriren. Der Reinertrag wird unter die Mitglieder der Association, je nach ihrer Arbeitsleistung vertheilt. Jedermann hat das Recht, sich jederzeit jeder beliebigen Association anzuschließen und sie nach eigenem Ermessen zu verlassen. Es versteht sich von selbst, daß in obigem blos ein dürftiges Gerippe des freiländischen Organisationsplanes wiedergegeben erscheint; aber das Gebotene genügt, um erst recht die Frage zu provociren, wie ein Volkswirth von der Bedeutung H e r tz k a's an die practische Durchführbarkeit solcher Grundsätze glauben und wie er so zahlreiche Anhänger selbst in den höchsten Gesellschaftsschichten finben konnte. Denn — um es sofort zu sagen — man begleitet die Her tz ka'schen Ideen auch in solchen Kreisen mit warmer Theilnahme, die gemeinhin als die vorsichtigsten in sollen Dingen zu gelten pflegen. Wir glauben keine Jndiscretion zu begehen, wenn wir erzählen, daß österreichische sowohl als ausländische Staatsmänner und Minister sich lebhaft für Freiland intereffiren, ja daß eine hohe Frau, auf derem Haupte die Krone zweier der mächtigsten Staaten glänzt, alle Phasen des kühnen Unternehmers mit lebhaftem Wohlwollen verfolgt. Das Alles wäre unmöglich, wenn es dem Verfasser von „Freiland" nicht gelungen wäre, in seinem Buche den scheinbaren Widersinn seiner Forderungen zu klären, ja in einer geradezu verblüffenden Weise darzulegen, daß vollendetste Ordnung und Harmonie das naturnothwendige Ergebniß der obenbeschriebenen Grundsätze sein müsse. Das Merkwürdigste an dem merkwürdigen Buche aber ist, daß es die schwierigsten Probleme der Nationalökonomie und Socialpolitik spielend, in erzählender Form und mit einer einleuchtenden Klarheit behandelt, die es auch dem Laien ermöglicht, allen Ideen des Verfassers zu folgen. „Freiland" ist als Staatsroman geschrieben. Was der Autor mit dem Buche erst herbeiführen will, nämlich die Heranziehung genügend zahlreicher und bemittelter Gesinnungsgenossen, um mit deren Hilfe den Staat der socialen Gerechtigkeit zu gründen, das wird als bereits geschehen erzählt. Den Schauplatz der Begebenheit verlegt H e r tz k a in die Hochlande des äquatorischen Afrika, an den Fuß des Bergriesen Kenia, au dessen Südostabdachungen sich nach den übereinstimmenden Berichten aller in dieses Gebiet kommender Afrikasorscher ein weites, fruchtbares, mit herrlichem Klima gesegnetes und der Hauptsache nach herrenloses Land erstreckt. Seiner hohen Lage halber (5—6000 Fuß über dem Meeresspiegel) ist das Keniaplateau zur Besiedelung durch Angehörige der kaukasischen Race vorzüglich geeignet. Kurz, H e r tz k a ist auf Grund sorgfältiger Studien und Erhebungen der Ansicht, daß eitle günstigere Wahl für seine Colonie schwerlich zu treffen sei. Es wird anschaulich geschildert, wie die „Pfadfinder" der „Internationalen freien Gesellschaft" von der afrikanischen Ostküste in das Innere Vordringen, die neue Heimat occupiren und die ersten Culturarbeiten vornehmen; wie daun das Gros der Einwanderer nachfolgt, wie die Arbeit auf den neuen socialen Grundlagen eingerichtet wird und von Statten geht, wie sich unermeßlich wachsender Reichthum, Glück und Zufriedenheit als nothwendige Folgewirkung entwickeln. Die Menschen, die H e r tz k a zu seinem Werke braucht, müssen mit keinerlei ungewöhnlichen Eigenschaften ausgerüstet sein, denn nicht die Tugend und nicht der Gemeinsinn, sondern ganz simpler Eigennutz ist die Triebfeder der Arbeit in Freiland"; wohl aber zeigt der Verfasser, daß Tugend und Sittlichkeit sich in Folge der neuen Einrichtungen in einer bisher nie und nirgends beobachteten Weise heben müssen, da Laster und Verbrechen doch meist nur Folgewirkungen des Elends wie überhaupt einer Gesellschaftsordnung sind, die da glaubt, im Interesse des Fortschrittes und der Eultur sich über das ursprüngliche Recht jeder Kreatur, über das Recht auf Leben und Lebengenuß hinwegsetzen zu müssen. Wie sich das Leben in Freiland gestaltet, wie das sociale Gemeinwesen im Laufe von 30 Jahren zu einem mächtigen Staate heranwächst, das schließlich seine erprobten Institutionen im friedlichen Wege auf die ganze übrige Welt überträgt, das Alles muß in dem Buche selber nachgelesen werden, dessen Lectüre ganz abgesehen von dem großartigen socialpolitischeu Inhalte einen Genuß bietet, für welchen uns alle Leser, die sich, dieser Anregung folgend, dasselbe anschaffen, sicherlich dankbar sein werden. Uns aber interessirt Freiland in erster Reihe dadurch, daß es sich als das gibt, was es in Wahrheit auch ist, als der entscheidende, und wie wir hoffen wollen, erfolgreiche Versuch, die welthistorischeMission z u e r f ü l l e n. Der Gedanke, daß das Wesen der jüdischen Geister in der Verkündigung vollkommene Gleichberechtigung aller Menschen zu suchen sei, daß nur dieser durch das Christenthum ihnen vermittelte „Sauerteig" es sei, was die arischen Völker allmählig mit der ihnen ursprünglich fremden Gleichheitsidee bekannt machte, ist nicht neu; niemals zuvor aber wurde es mit so überzeugender Klarheit dargelegt, wie in diesem Buche. Und deshalb erblicken wir eine jener eigenthümlichen Schicksalsfügungen, die noch stets unser Volk unmittelbar aus tiefster Bedrängniß und Verfolgung zu geistigen Siegen ge- > 'führt haben, in dem Umstande, daß „Freiland" geschrieben