Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 24 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 447 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 447 Der Rabbiner gerieth nach seiner unglücklichen Derascha sofort in, eine unbehagliche Stimmung. Wenn er auch mit voller Ueberlegung gesprochen hatte, wenn es ihm auch allen Ernstes darum zu thun war, den Vorsteher und sein Haus moralisch zu vernichten, so hatte er sich doch im Eifer weiter hinreißen lassen, als es ursprünglich seine Absicht gewesen war, und der Gedanke an die gekränkte schuldlose Frau und Tochter des Vorstehers machte ihn nichts weniger als selbstzufrieden mit seiner Derascha. Aber die auch bis zu ihm gedrungene Kunde von der bevorstehenden Verlobung seines Sohnes mit der Vorsteherstochter und die Meldung, daß sein Sohn Josef selbst die Reformbewegung leite — brachen ihm das Herz. Der fromme Mann faßte einen Entschluß. Am zweiten Tag Peffach ließ er vor dem Gottesdienste eine Derascha ankündigen. Alles war gespannt, denn man vermuthete mit Recht, daß diese Derascha in Beziehung zur letzten stehen werde. Niemals zuvor hatte der Rabbiner inniger, rührender, ergreifender gesprochen, als diesmal. Mit weit tönender, aber öfters vom Schluchzen unterbrochener Stimme rief er : „Ich kann den Kampf gegen Neuerungen nicht weiter führen, weil ich nicht mehr wie Mathatias der Hasmonäer, sagen kann: „Ich und mein Haus sind treu dem alten Herkommen." Mein eigener Sohn ist mein Gegner. Ich erkenne, die Zeit fordert ihre Rechte und das Alte kann sich nicht länger halten. Ich resignire freiwillig auf meinen Posten und bitte nur die Gemeinde bei allen beabsichtigten Reformen dem Thora unterrichte wenigstens ein Asyl zu gönnen. Zum Schlüsse bat er Alle um Verzeihung, die er gekränkt und flehte den Segen herab auf die Gesammtheit wie auf jeden Einzelnen. Am Nachmittage sah die „Welt" mit Staunen, den ganzen Gemeindeausschuß mit dem Vorsteher an der Spitze dem Rabbiner einen Besuch abstatten. Nach dem Bewillkommnen sagte der Rabbiner mit ernster tiefbewegter Stimme: „Herr Vorsteher, ich biete Ihnen meine Hand zum Frieden und zur Versöhnung und^flehe Sie nur an, mein Fürsprecher zu sein, bei meinem Sohne, der sich von mir abwendet, wie von einem Feinde. Ich will sein Glück und gebe ihm meinen vollen Segen zu seiner Verbindung mit Ihrer Tochter." Die Verlobung ging in Anwesenheit des Rabbiners vor sich. Vater und Sohn waren ansgesöhnt. Bis die Pensionsangelegenheit des Rabbiners vollkommen geregelt war, vergingen noch einige Monate. Seine letzte Amtshandlung war: Die Trauung seines Sohnes mit der Tochter des Vorstehers i 11 v a t « f. Aus der Merküätle der Keaction. VonDr. Oscar Hein. Wien,l89l. Man könnte unser Decennium das der Specialisten nennen. Die Sonderung in Unterabtheilungen aus allen Gebieten der physischen Thätigkeit — die Arbeitstheilung — macht rapide Fortschritte. In geistiger Hinsicht ist dieselbe Tendenz bemerkbar. Jedes Individuum sucht sich ein kleines Gebiet zur ausschließlichen Wirksamkeit heraus, um nur dies abgezirkte Feld gründlich pflegen zu können. Ueber diese selbstgesteckte Grenze wird nicht gegriffen, aber innerhalb derselben die größtmögliche Vollkommenheit, Sicherheit und Festigkeit zu erreichen gesucht. Erhöhte Gründlichkeit — man merke, was das bei Deutschen noch heißen will! — ist der Vortheil, einseitige Ausbildung der Nachtheil solchen Principes. Specialisten giebt es heute auf allen Gebieten menschlicher Wirksamkeit. Auch auf politischem. Dr. Oskar Hein ist einer der interessantesten, die uns je unter gekommen. Sein ausschließliches Instrument, dem er sich mit eisernem Fleiße gewidmet, das er mit Vituosität beherrscht, dem er alle Feinheiten (oder Grobheiten) der Behandlung abgenommen — heißt Ernst Schneider. Diesem Instrumente ist er, was Liszt dem Clavier und Paganini der Geige. Er hat eine Serie Etüden für dasselbe unter dem oben angeführten Titel geschrieben, actenmäßige Belege, werthvolle Studienblätter, die, so weit sie Neues melden, des Interesses weiter Kreise würdig sind. Dr. Oscar Hein ist ein verhältnißmäßig noch junger Mann. Er bringt den frischen fröhlichen Idealismus der Jugend mit in den Kampf, das durch nichts zu erschütternde Vertrauen in den endlichen Sieg der guten Sache. „Es muß doch Frühling werden!" Aber wann? Ja, das ist eben die Frage. — In Sachen Ernst Schneider ist Dr. Oscar Hein eine competente Person. Die Causa hat er gründlich studirt. Er citirt Nummern des „Reformer", die längst bei den Salamucci vergriffen sind, mit erstaunlicher Sicherheit. Er ist in die Privatcorrespondenz Schneiders eingcweiht und darin zu Hause, wie nur Ecker mann in der G o e t h e's war. Er kennt die geheimsten Seelenregungen seines Studienobjeclcs. ob dieselben Stampiglien oder Lithographien betreffen mögen. Er weiß, um welche Jahreszeit herum Schneider „unruhig" zu werden pflegt — dafür ist Dr. Hein ja eben Specialist! Und in seinem Büchlein ist Alles so hübsch beisammen, so übersichtlich geordnet, so nett gedruckt, für Jedermann der's lesen will, was auf tausend Zeitungsblärtern zerstreut in der Welt herumflattert. Ich glaube dem Ernst Schneider wird der Freund Hein viel lieber sein, wie der Doctor . . . „Was liegt da uns d'ran. Da liegt uns gar nichts d'ran! Ich weiß nicht — die schönen Verse wollen mir beim Schreiben dieser Zeilen weder aus dem Sinne noch aus dem Ohre, wie ich auch sie zu scheuchen bemüht bin. Denn fie haben einen innen, Bezug auf die Sache. Sie könnten die Motto-Stampiglie Ernst Schneiders, des wackeren Kämpen für Freiheit und Recht sein, der nichts so sehr fürchtet, als den gerichtlichen Weg. auf den ihn Dr. Hein so oft zu drängen bemüht war. Der Mann ist so fühllos gegen alle Beschuldigungen, wie eine Stampiglie. Schneider läßt sich Alles sagen von seinem Freunde Hein. Vielleicht wagt dieser einmal, ihn einen Ehrenmann zu schelten. Möglich, daß er alsdann den Weg zum Schwurgerichte findet. In dem Buche ist auch der famose Brief an Attenberg er in Sachen der Mödlinger Schuhfabrik in Faksimile zu sehen. Wer sich für die Handschrift des Mechanikers, für seine großen „M*. eleganten „S“ und schönen interessirt, verabsäume nicht, ihn zu begucken. Gerne möchten wir das Dokument einem Hondschriftenforscher unterbreitet wiffen. Was der da wohl für einen Charakter (oder gar keinen) herauslesen würde? Eines aber fehlt dem Buche und was recht Wichtiges. Warum hat denn der Dr. Hein unterlaffen, uns die gefälschte Stampiglie in Lichtdruck vorzuführen? Das ist ein großes Uebersehen und bei etwaigem Neudrucke gewiß nachzuholen. Ernst Schneider, der Vertraute, der Freund des Fürsten Alois Lichtenstein darf sich was einbilden auf den Werth, den man seinen Schriften und Worten beimißt. Er darf stolz sein auf seinen E ck e r m a n n, aus den lieben Dr. Hein. Aber auch dieser soll dem Schneider dankbar sem. So ein intereffantes Studienobject findet er sobald nicht wieder nnd gar nie wieder, ein so zur Vivisection geeignetes, das so still hält, sich derart Alles ge» fallen, sagen und thun läßt. Schneider, der im offenen Parlamente den denkbar schärfsten Angriff quasi dankend quittirte, der auf das freundlich, liebenswürdig einladende Wort „Sie gehören in's Zuchthaus" n,r schalkhaft auf die Religion des geehrten Herrn Vorredners hinzuweisen für nöthig fand — als ob irgend jemand noch dümmer gewesen wäre, zu bezweifeln, daß die Rabbiner „mehrschtendeehls" Juden zu sein pflegen — dieser Schneider ist ein so sonderbar geartetes Individuum und aller Betrachtung und Beachtung vollauf werth, die sein Specialist ihm widmet. Wenn dessen Mühe und Arbeit wieder ein Buch darüber gezeitigt haben wird, wollen wir es mit demselben guten Glauben an seine Gründlichkeit und Competenz zur Kenntniß nehmen,! wie das vorliegende. Stampiglius.! ^ichtstrahken aus de« Aeden Ar. Adolf Zelllneks Hefammelt von! Ar. Aurrei«. Wien t«91. Das hübsch ausgestattete Büchlein wird Jedermann gerne zur i Hand nehmen, mit vielem Genuß lesen und nicht ohne die Befriedigung! fortlegen, welche eine empfangene sittliche Förderung in edler gearteten! Naturen zurück läßt. Jede Seite bietet eine Fülle anziehender Weisheit, j geistreicher Weltkunde im Gewände der formschönsten Sprache. Der j Wortreichthum, die Bilderkraft und die Plasticität dieser Sprache sind j bewunderungswerth. Die Präcision des Ausdruckes umzirkelt scharf j die Begriffe. Nirgends findet sich eine kalt die Wirkungen berechnende j Nüchternheit, aber im kleinsten Sätzchen der hohe Schwung wieder,! der den trefflichsten, jüdischen Kanzelredner der Jetztzeit so glänzend auszeichnet. Jellinek ist ein Krösus an Worten, er hat die glänzendsten. leuchtendsten Farben eines Makart auf seiner rednerischen Palette, und doch werden selbst seine Neider, die sicheren Symptome wahrhafter Bedeutung, vergeblich nach bombastigem Wortschwall und! leeren Phrasen in dem Buche Umschau halten. Da jeder die Fehler seiner Vorzüge hat. lägen gerade diese Fehler am nächsten. Er hat sie vermieden und das ist nicht das kleinste Verdienst unter so viel Großen. Das Buch lohnt reichlich ein eingehendes, genaues Vertiefen.! Ein weites Panorama erhabener und großer Gedanken thut sich auf,; die Alles umspannen, was das jüdische Herz bewegt und erfüllt. Die ' Totalität des Geisteslebens dieses wahrhaft seltenen Mannes ist ■ imponirend! i Die Mineralogie lehrt, daß auch das winzigste Fragmentchen > des zerschlagenen Kristalls wiederum ein Kristall ist, derselben Form! und Art, des gleichen Systems, mit ganz den nämlichen Eigenschaften ausgerüstet wie der größte. So auch hier. Der kleinste Lehrsatz in der Mikrokosmus des ganzen Systems. Jellinek ist ein selbstständiger.