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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-19 · 24 (19.6.1891) · p. Seite 446

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
24 (19.6.1891)
Date
1891-06-19
Page
Seite 446 (sequence 16)
Language
German
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Seite 446 Hesterreichtfche Wochenschrift Nr. 24 „Ich habe Sie aber auch schon lange, sehr lange da nicht gesehen, wo doch jeder zu finden sein sollte, der noch Sch'ma-Jsrael schreit." „Mit Verlaub, Herr Rabbiner", unterbrach ihn der Vorsteher, „Sie mögen mir meine Sünden bei guter Gelegenheit Vorhalten, und ich werde Ihnen. dann mit gebührender Achtung Rede stehen; jetzt aber handelt es fich nicht um mich, sondern um meine Tochter und — Ihren Sohn." „Weiß schon, weiß schon leider genug davon. Aber daraus wird nichts. Ich habe es bereits allen Vermittlern gesagt, die Sie geschickt haben, und mein Josef kennt auch meine Meinung. Ich mag keine Verwandtschaft mit Ihnen haben, der Sie nicht nur für sich sündigen, sondern die ganze Gemeinde zur Sünde verleiten." „Aber der Herr Rabbiner wiffen vielleicht nicht den Umstand, daß Ihr Sohn in meine Tochter verliebt ist." „Verliebt? Verliebt? Hat denn mein Sohn Romane gelesen? Ein frommes jüdisches Kind verliebt sich nicht, sondern heiratet, wen ihm der Vater bestimmt, und eine solche Zusammenfügung ist vom Himmel." „Was vom Himmel ist, müsien Sie Herr Rabbiner wohl besser wiffen als ich; aber ich meine, es sei auch keine schlechte That, ein Kind zu versorgen, und eine bessere Partie könnte Ihr Sohn ja nicht machen." „Sieht man also wieder Ihre wahre Gestalt. Geld ist bei Ihnen Alles. Bei mir nicht. Soll mein Sohn meinetwegen die Tochter eines blutarmen, aber frommen Juden heiraten. Wenn Sie mich mit solchen Lockmitteln fangen zu können glauben, habe ich nichts mehr mit Ihnen zu reden." Er schlug ein Blatt in dem offenen Folianten um und neigte sich darüber, als wollte er andeuten, daß er „lernen" und nicht weiter gestört sein wolle. Der Vorsteher athmete schwer und bohrte fast in gewaltiger innerer Erregung den Stock, den er in der Hand hatte, in die Diele des Bodens. Aber er ging nicht. Und nach einer minutenlangen drückenden Sttlle sagte er mit erzwungener Ruhe von Neuem: „Lassen Sie mich nicht so davon gehen, Herr Rabbiner. Es mag ja sein, daß Sie mich Haffen, verdammen, wie auch ich für Sie gerade keine göttliche Verehrung hege. Aber warum sollen es unsere Kinder entgelten, die nicht ohne einander leben wollen?" „Meinem Sohne werde ich schon den Kopf zurecht setzen, um den brauchen Sie sich nicht zu kümmern, er wird Gott sei Dank leben auch ohne Ihr Mädel", entgegnete der Rabbi, ohne aus der Gemarah aufzublicken. „Ist das Ihr letztes Wort, Herr Rabbiner?', „Wir haben nichts weiter über' den.Gegenstand zu reden, Herr Vorsteher." Der Vorsteher erhob sich. In seinem Gesichte zuckte es und seine Stimme hatte nicht mehr den bescheidenen Klang, wie bis jetzt, als er sagte: „Mein Mädel" — dieses Wort betonend — wird den „Rabbinerssohn doch heiraten. Adieu!" „Nichts für ungut, Herr Vorsteher, damit Sie nicht ganz umsonst bei mir gewesen seien, gebe ich Ihnen noch die Ermahnung auf de» Weg mit: Lassen Sie von Ihrem sündhaften Treiben. Es wird Ihnen nicht gut ausgehen!" Schon an der Thür drehte sich der so Angeredete um und sagte: „Ihre Ermahnungen sind Heuchelei, Ihre Prophezeiung Lüge, Ihre Frömmigkeit finsterer Aberglaube. Meine Religion hat mit der Ihrige» nichts zu schaffen, und ich will lieber unter die Gottlosen gezählt werden, als unter die Frommen, welche Ihnen ähnlich sehen!' Er wartete keine Erwiderung ab, sondern ging mit wuchtigen Schritten zur Thüre hinaus. Bald darauf fand zwischen Vater und Sohn ein heftiger Austritt statt und noch am selben Tage quartterte sich der Sohn vom Vaterhause aus. Josef, der einzige Sohn des Rabbiners war seit einem Jahre von der Jeschiwah, wo er heimlich von profanem Wiffen „genascht" und Appettt zu stärkerer Kost bekommen hatte, zu Hause, um ungehinderter seinen Wiffensdurst stillen zu können, weil der Vater, der Tag und Nacht über seinen Folianten saß, kein Auge auf die Beschäftigung seines Sohnes haben konnte. Das Bedürfniß, Zeitungen zu lesen, führte ihn in das Haus des bei seinem Vater als Ketzer verschrieenen Vorstehers, der als reicher, gebildeter Geschäftsmann mehrere Blätter hielt. Hier fand Josef auch eine Menge Bücher, die sein Selbststudium forderte, und hier keimte und wuchs die Liebe zwischen ihm und der einzigen schönen Tochter des Vorstehers, der Sympathie ftir den jungen Mann hatte, dessen Bildung denselben Entwicklungsgang machte, wie seine eigene, aus dem Wege der Autodidactie. Der nächste Sabbat nach dem Besuche des Vorstehers beim Rabbiner war der „große Sabbat", der Sabbat vor dem Paffahfeste, an welchem der Rabbiner eine Derascha (Predigt) zu halten hatte. Die Synagoge war voll. Schon im Anfänge der Derascha hatte die „Welt" bemerkt, daß der Rabbiner heute ernster und eindringlicher sprach als gewöhnlich. Seine mächtige Stimme widerhallte tönend an den hohen Wänden, und selbst diejenigen, welche sonst bei einer solchen Derascha eingcnickt waren, mußten heute wohl oder übel die Augen offen halten und den Worten des Rabbiners lauschen. Man war es gewohnt, daß er Sünden und Verirrungen mit unbarmherziger Schärfe geißelte, aber noch niemals war es vorgekommen, daß er dabei so bestimmt auf eine einzige Person hinzielte, wie heute. Sein Thema war die Schilderung der Tugenden des israelitischen Volkes in Egypten, um derenwillen es erlöst wurde, und er ging auf die heutige Reformsucht über, wobei er von dem Sünder sprach, der die ganze Gemeinde in's Verderben stürzen wolle, und Jeder wußte, daß damit kein Anderer gemeint sei, als der Vor» steher. Und als der Rabbiner in seinem Redeeifer fortfuhr: „Auch, wegen seiner frommen Frauen ist Israel aus Egypten erlöst worden; heute verstricken sie die arglose Jugend in ihre Netze und reizen die Kinder zum Ungehorsam gegen ihre Eltern an", wendeten sich Aller Augen auf die Frauengallerie, wo die Vorsteherin saß, die im Widerspruch zu ihrem Manne jeden Sabbat die Synagoge besuchte und auch heute anwesend war. Mit einem verzweifelten Aufschrei, der laut durch die Synagoge gellte, sank die tiefgekränkte Frau ohnmächtig gegen die Lehne der Bank zurück. Die Ohnmächtige wurde nach Hause getragen, aber durch den Lärm auf der Frauengallerie ward der Rabbiner genöthigt, die Derascha schnell zu beendigen. Auch der übrige Theil des Gottesdienstes wurde heute in einem rascheren Tempo durchgemacht. Der Rabbiner war der letzte, der die Synagoge verließ. Im Hofe derselben standen noch Gruppen, welche die heutige Derascha besprachen. Auch die Frömmsten unter ihnen hatten heute für den vor ihnen vorübergehenden Rabbiner einen weniger ehrfurchtsvollen Gruß als sonst. Jeder mißbilligte seine Schonungslosigkeit, besonders gegen die Frau und Tochter des Vorstehers, die solche Beleidigungen nicht verdient haben. Die Frau kam in ihrer Wohnung bald zu sich. Die geschäftige Fama hatte indeß schon ihrem Manne und der Tochter die Veranlassung des Ohnmachtsanfalles hinterbracht. Das Mädchen fühlte tief die ihr zugefügte Schmach. Todtenblaffen Antlitzes, mit heißen, thränenleeren Augen vor sich hin auf den Fußboden starrend, saß sie an dem Bette der Mutter, als Josef, der von dem heutigen Vorgänge in der Synagoge, die er wegen des Conflictes mit seinem Vater nicht besuchte, erst durch seine Quartiersfrau erfuhr, zur Thür hereinstürzte und die Damen flehentlich bat, nicht ihm das Unrecht seines Vaters entgelten zu lassen. Von diesem Tage an wurde das Verhältniß des Rabbinerssohnes zu dem Hause des Vorstehers ofsiciell bekannt gegeben. Man sprach allgemein davon, daß in den nächsten Halbfeiertagen die feierliche Verlobung stattfinden werde. Aber noch Eins wurde nun mit Eifer besprochen: die demnächst einzuführenden Reformen in der Gemeinde, die bis jetzt nur akademisch erörtert würben, ohne an deren wirkliche Einführung schon zu denken. Und an der Spitze dieser ernstlichen Reformbewegung stand — Josef, der Sohn des Rabbiners. Er holte seine Argumente dafür aus demselben Arsenal, aus dem sein Vater die Waffen gegen dieselben nahm, denn er besaß ein bedeutendes theologisches Wiffen, das er in den Dienst der Reform zwang.

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