Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 24 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 443 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Hesterreichische Wochenschrift Seite 443 Aaris. (Jules Simon über die Judenverfolg ung e n.) Der ehemalige Ministerpräsident und Unterrichtsminister, Herr Jules Simon, Senator und Mitglied der französischen Akademie, der hervorragendste Philosoph und Redner Frankreichs, äußert sich im „Hemps" über die Vorfälle auf der Insel Corfu und die Maßregeln, welche der Czar gegen die Juden ergriffen hat. „Es gibt drei Systeme," schreibt Herr Jules Simon: „Die Juden vertreiben oder ausrotten, sie in ein Ghetto sperren oder sie aus dem Fuße der Gleichberechtigung mit den anderen Staatsbürgern behandeln, indem man ihnen dieselben Pflichten auferlegt und die nämlichen Rechte zuerkennt. Die letzte Weise herrscht seit eineiu Jahrhundert in Frankreich vor. Sie wurde nach und nach von allen civilisirten Staaten angenommen. In England, wo es allerdings keine Staats-Religion, aber wohl eine „anerkannte" Kirche gibt, wurde der Eintritt eines Juden in das Oberhaus als eine Errungenschaft des Zeitgeistes betrachtet; heute ist es eine Thatsache, gegen welche Niemand ankämpft. Die Emancipirung ist eine vollständige und sie hat im Gefolge die vollständige Assimilirung." Herr Simon schildert nun in einer von ihm verfaßten Ueberschrist die Judenverfolgungen im Mittelalter und hebt gewisse Episoden dieser Leidensgeschichte hervor: „Als im Jahre 1-492 die katholischen Könige sich Granadas bemächtigten, faßten sie zwei Entschlüsse: Erstens den Mauren, die sie besiegt hatten, ihre Güter, ihre Freiheit, ihre Waffen, ihre Religion zu lassen und die Juden, welche an dem ganzen Streit unschuldig waren, zu vertreiben. Man ließ ihnen vier Monate Zeit, um ihre Angelegenheiten zu ordnen, Nach diesen vier Monaten mußten sie sich entfernen oder sich bekehren. Und mit der Bekehrung war es ein ernstes Ding. Bei der geringsten Versündigung gegen den neu angenommenen Glauben gab es den Scheiterhaufen. Siebzigtausend Familien zogen die Verbannung vor. Es war ein Schauspiel, des ewigen Mitleids Werth, der Auszug dieser siebzigtausend Familien, die man verurtheilt hatte, ohne daß gegen dieselben ein anderes Verbrechen vorlag, als der hundertjährige Fluch, der auf dem Geschleckte lastete. Und man war am Morgen — beinahe — dieses sechzehnten Jahrhunderts, welches das Zeitalter der Renaissance genannt wurde. Allerdings ist das bedeutendste und unvergeßliche Datum dieses Jahrhunderts die Nacht vom 24. August 1572 geblieben! (Die Bartholomäus-Nacht.) O, wie viel Zeit die Menschlichkeit bedarf, um wahrhaft menschlich zu werden! Wir rühmen uns täglich unserer brüderlichen Empfindungen, unserer großen Gefühle, unserer wachsenden und blühenden Eivilisation, ans einmal inmitten dieser Hosiannahs kommt die Meute blutdürstiger Wölfe und erinnert uns, daß die Eivilisation obenauf ist und die Barbarei im Grunde unserer Herzen lebt". Manchester. Der Eorrespondent des hier erscheinenden „Guardian" schließt einen interessanten Artikel über „jüdische Auswanderungs-Vorschläge" mit folgenden Worten: „Unter allen merkwürdigen Völkermassen der Erde gebührt unstreitig der jüdischen die Palme. Keine andere kann mit derselben in Bezug auf ihre ungewöhnlich lange Lebensdauer, die Versuchungen, die sie erfahren und überstanden, die mannigfachen Leiden, die sie erlitten, die Geduld, mit welcher sie dieselben ertragen, und die Tapferkeit, mit welcher sie alle Hindernisse besiegte, rivalisiren. Das Martyrologium der Christen ist Nichts im Vergleich mit dem der Juden. Wo das erstere seine Leiden nach Hunderten zählte, zählt das letztere sie nach zehn und hundert Tausenden. Die Juden wurden in allen Staaten Europas verfolgt, ihre Güter confiscirt, ihre Kinder geraubt, sie selbst zum Abschlachten verurtheilt, und das nicht ein oder zwei Mal während eines Jahrhunderts, sondern Jahrtausende nacheinander. Hier und da erfreuten sie sich zeitweilig einer glücklichen Ruhe, wenn sie dem Lande, welches sie beschützte, diese durch Mithilfe'zur Förderung des Wohlstandes bezahlten und dasselbe mit den tüchtigsten Kräften ihrer Zeit in fast allen Zweigen des philosophischen und allgemeinen Wissens versorgten. Aber ein Wechsel in der Politik oder ein Ausbruch religiösen Fanatismus reichte hin, sie wieder zu beschuldigen und ins Exil zu treiben. Israel schien erloschen zu sein, als der letzte König Zidkiah vor seinen Feinden fliehen mußte, aber es lebte wieder auf in Babylon und aus ihm ging die Synagoge hervor. Ein anderer'Schlag traf es, als seine tüchtigsten Männer nach Alexandria weggeführt wurden, aber auch ein anderes Judenthum entstand hier, deffen philosophische Speculation einen mächtigen Einfluß auf die Theologie des Christenthums üben sollten. Wir haben eine große Schuld an Israel abzutragen, wir dürfen aber auch sagen, daß wir in England schon seit einer langen Reihe von Jahren unsere Verpflichtung nicht vergeffen haben, obschon man sich derselben in Moskau und Korfu nur unvollkommen zu erinnern scheint." Hdmbnrgh. Das Juni Heft von „Blackwoods Magazin11 enthält einen Artikel über „Jüdische Colonien in Palästina" von Major Conder, der das Thema völlig erschöpfend und mit jener gründlichen Sachkenntnis behandelt, wie sie den Schriften dieses tapferen Offici.rs eigen ist. Er schildert mit unparteiisch r Feder die geschichtlichen Beziehungen der Juden zu den anderen Nationen. „In unseren Tagen wird der Jude in jenen Ländern am meisten gehaßt, wo er durch größere Tüchtigkeit, entschieden überlegeneres Organisationstalent und Unternehmungsgeist den Handel und stnanciellen Verkehr fast ausschließlich in seine Hände zu bringen wußte". Die folgenden Nachrichten über jüdische Unternehmungen am Eap der guten Hoffnung basieren ans des Verfassers eigenen Erfahrungen! „In jedem Lande, wo es Geld zu verdienen gibt durch rechtzeitiges Ergreifen der günstigen Gelegenheit, Unternehmungslust und Geschäftsgeist, ist sogleich der Jude da. Die Diamanten Händler, deren Läden in Kimberley entlang der Straße hebräische Namen führen, die Goldverkäufer in Transvaal und viele andere jüdische Eolonisten bezeugen die kurze Entschlossenheit des Juden, in neuen Gebieten sein Glück zu versuchen. Als die britische Expedition im Jahre 1884 nach dem Bethnanaland veranstaltet wurde, schloffen die Boers lungs des Weges ihre Häuser und Läden. Sofort erschien der jüdische Unternehmer auf dem Plan und lieferte zu billigen Preisen jeden Bedarf, ja er brachte zu der Colonne alle erdenklichen Annehmlichkeiten und jeden Eomfort, der leicht getragen werden konnte und billig zu haben war. In Frieburg, wo früher ein halbes Dutzend Lehmhütten eine Hauptstadt der Boers repräsentierten, enstand binnen sechs Monaten eine Stadt mit eisernen Häusern, mit einem Hotel, das ausgezeichnete Billardzimmer und einen französischen Koch hatte. Alles dies war eine Folge des jüdischen Unternehmungsgeistes und hatte nur den Zweck, einem augenblicklichen Bedürfnis zu dienen, denn es war vorauszusehen, daß die Abberufung der Truppen Hotel und Billardzimmer ohne einen Besucher zurücklassen werde". Drenc. ILukarest, 14. Juni. Ich habe leider wiedereine militärische Schlägerei ans den Körper eines Glaubensgenossen zu verzeichnen; es ist dies die allerneueste und ein wirklicher gänzlicher Todtschlag mit obligater, seit vielen, vielen Jahren üblicher ärztlicher — Ableugnung. Aus Folticeni wird gemeldet, daß der Lieutenant Oimcec; bei einem aus B u c e c n a zu Bedungen einberufenen israelitischen Soldaten vom 16. Dorobanzerregiment, Janku Jutta rin, schwere „dienstliche" (aber im Militärkodex nicht vorgeschriebene) Malträtirungen durch Kolbenschläge sich zu Schulden kommen ließ, die den Tod desselben zur Folge gehabt haben. Durch Denunciation beim (Civil ) Staatsanwalt kam die Sache zur Untersuchung, wobei der Dr. R osi g n o n (Ehr.) zunächst T od durch Mißhandlung constatirte. Das Protocoll aber, welches im Vereine mit den Aerzten Dr. C i o n ac, I aff und S a p hi r a (letztere beide Israeliten) ausgenommen wurde, giebt chronische Nierenkrankheit an. Was wir von solchen „Befunden" zu halten haben, wissen wir schon längst. In der That berichten Briefe aus Folticeni, daß „der Lieutenant der Typus eines Schlägers ist, mit Manieren, die eines Officiers unwürdig sind, daß Zeugen den Todtschlag zugesehen haben, die linke Lunge schwarz, zerrissen und mit geronnenem Blut angefüllt, sowie daß die Milz angeschwollen gefunden wurde — was Alles den Dr. R o s i g n o n eben zur Abgabe seines ersten Gutachtens veranlaßte daß aber die Aerzte auf Andringen des gesammtcn Offiriercoi ps ihr Urtheil in