Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 24 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 441 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Hesterreichifche Wocheuschrift Seite 441 Bukarest, den 28. Mai (9. Juni). Euer Hoch wohlgeboren habe ich die Ehre mitzutheilen, daß Se. Majestät der König Karl I. von Rumänien, mein allergnädigster Herr, die von Ihnen ehrfurchtsvoll erbetene Widmung des „Schir Hakowot" der türkisch sephardischen Gemeinden anzunehmen geruht haben. Seine Majestät haben den geehrten Verfassern durch diese hohe Gunst den Beweis zu geben beliebt, daß Allerhöchst dieselbe, deren ebenso pietätvolles als künstlerisches Bestreben die lithurgischen Gesänge in ihrer Reinheit zu bewahren, gnädigst würdigen und schätzen. Se. Majestät haben mir bei diesem Anlaß den Befehl ertheilt, den beiden Componisten zwei Erinnerungsmedaillen des diesjährigen Regierungs-Jubiläums, als Andenken zukommen zu lassen. Ihnen die baldige Zusendung derselben ankündigend, unterzeichne ich mit der vorzüglichsten Hochachtung Euer Hochwohlgeboren ergebenster B a ß c o na. p. Wrünn. (Eine versuchte Neuauflage von Tisza-Eszlar in Mähren.) Wie sehr die germanischarische Civilisation am Ende des 19. Saeculums fortschreitet und welche mittelalterliche Blüthen sie treibt, ist nebst vielen bekannt gewordenen Bestialitäten, auch aus nachfolgendem, höchst betrübenden Ereigniß, ersichtbar: In dem Markte Deutsch-Liebau im nördlichen Mähren, wohnt seit mehr als 25 Jahren als einziger Jude im Orte der jüdische Gastwirth Jakob S ko pal, der nebst dem Gastgewerbe auch Landwirthschaft betreibt, sich schlicht und recht ernährt, und da er freundlich im Umgänge und streng rechtlich im geschäftlichen Verkehre ist, lebte er dort bis vor Kurzem unangefochten und war sehr beliebt. — Das sollte aber nicht so bleiben, denn seit einem Jahr, seitdem der berüchtigte Schönerer und seine Cohorte der dortigen Gegend wiederholte Aufwiegelungsbesuche abstatteten, begann sich eine gewisse Animosität gegen den jüdischen Gastwirth bemerkbar zu machen und fehlte es von da ab nicht an hämischen Bemerkungen und Nergeleien. In einer dortigen Leinwandfabrik arbeitete ein Schlossergehilfe aus Böhmen, der das Gasthaus des genannten jüdischen Gastwirthes sehr ost besuchte. Anfangs Mai l. I. ging er eines Abends mit dem Knechte des jüdischen Gastwirthes in ein anderes Gasthaus, wo sie beide bis Mitternacht zechten und als sie sich dann auf den Heimweg machten, ersuchte der selbstverständlich betrunkene Schlossergehilfe den Knecht, er möge ihn zu sich in den Stall des Juden nehmen und ihn dort übernachten lassen, was der Knecht ihm zugestand. Gegen zwei Uhr Nachts weckte der Schlossergehilfe den Knecht und schrie: „Laß mich heraus, man wollte mich jetzt hier erstechen!" Der Knecht sprang auf, sah nach der Thür und als er diese von innen versperrt sah, erwiederte er ihm: „Du bist besoffen." Der Schlossergehilfe lärmte aber weiter, weshalb der Knecht die Thür öffnete und ihn herausließ. Am nächsten Tage verbreitete dieser lumpige Schlossergehilfe (und sein Anstifter) die Schauermäre: „dass er im Stalle des Juden geschlafen habe, dort von dem Juden überfallen worden sei, wobei der Jude ihm ein Messer in die Brust stoßen wollte, während die Jüdin eine Schüssel bereit hielt, um das Blut aufzufangen." — Man sieht das bekannte antisemitische Reeept in optima, forma nachgeahmt! — In Folge dessen sah sich der betreffende jüdische Gastwirth in seiner persönlichen Sicherheit bedroht; er gerieth dadurch in den größten Schrecken und da er leidend ist und gerade zur Cur nach Carlsbad reisen wollte, verschlimmerte sich sein Zustand derart, daß er einige Tage unfähig war, etwas in dieser Angelegenheit zu thun. Als er endlich, um diese Nichtswürdigkeit aufzudecken und um sich den nothigen Schutz der Behörde zu bewirken, zum competenten Gerichte begab, war die Staatsanwaltschaft bereits in Kenntniß von dem Vorgänge und dürften einige eifrige Antisemiten solches zur Kenntniß der Staatsanwaltschaft gebracht haben, um sich den Braten nicht entgehen zu lassen. Zum Glück leben wir aber nicht in Rußland oder in Marokko, denn die competente Behörde fand bald das Richtige heraus und ließ den Angeber sofort verhaften. Als endlich nach vielen kummervollen Tagen und Nächten und nach vielen Aufregungen für den verleumdeten jüdischen Gastwirth die Verhandlung in Mährisch-Schönberg gepflogen wurde, wurde die Schuldlosigkeit des Angeklagten sofort erwiesen, derselbe selbstverständlich freigesprochen, während der Denunciant einen zweiten dortigen Bewohner als Anstifter angab und diese Beiden behufs Abstrafung an das Kreisgericht nach Olmütz transportirt wurden und dort der verdienten Strafe entgegensehen und es steht zu erwarten, daß den Missethätern eine angemessene Strafe zu Theil werden wird, um ein Exempel zu statuiren, damit den Schergen Schönerers die Lust zu weiteren solchen Unthaten genommen werde. Dertin, 10. Juni. Auf Einladung des geschäftsführenden Ausschusses des deutschen Centra l-Comit«s für die russischen Juden tagte gestern hier eine Versammlung von Vertrauensmännern aus den wichtigsten Städten des Auslandes und Deutschlands, um über die Hauptfragen, welche bei der Auswanderung der Juden aus Rußland zu lösen sind, einig zu werden. Es waren anwesend: die Herren Isidore Loeb und M. Erlanger-Paris, Elkan Adler-London, Dr. Alfred Stern-Wien, Dr. Goldziher-Budapest, Justizrath F o uld, Direktor Dr. Bärw a ld u. PH. Schiff-Frankfurt a. M., Justizrath Josephthal-Nürnberg, Dr. Lion-Breslau, Rabbiner Dr. Bamberger-Königsberg, Herm. Gumpertz-Hamburg, Rabbiner Dr. Bloch und Friedenthal-Posen, H einem an n-Lünei bürg, ferner aus Berlin die Herren Justizrath Mako wer, Commerj zienrath Goldberger, General-Consul L and au,.Dr. Heinrich Meyer Cohn, Rechtsanwalt Breslauer, Carl Emil Franzos, Bernhard Croner, Dr. Lach-mann, Sigismund Simmel. Julius Jakoby, Ferdinand Reichenheim, Sanitätsrath Neumann, Dr. Preuß und Georg Jsaac-Charlottenburg. Das Präsidium bestand aus den Herren Makower-Berlin, E. Adler-London, Michael Erlanger- Paris, Dr. Stern-Wien; als General-Referent si'ngirte Commerzienrath Goldberger-Berlin, als Schriftführer die Herren Carl Emil Franzos-Berlin, Rechtsanwalt Breslauer-Berlin und Dr. Goldziher-Budapest. — Es ist erfreulich, den Eifer und das Zielbewußtsein zu sehen, mit welchem die Versammlung unter Makower's geschickter Leitung die schwierigen Probleme der russischen Judenfrage behandelte. Bis 5»/2 Uhr Nachmittags wurde — mit einer einzigen größeren Pause — unausgesetzt debattirt. Ohne den Schleier des Geheimniffes, der nothwendig über den Einzelheiten der Berathung liegen muß, auch nur im Geringsten lüften zu wollen, möchten wir doch sagen, daß wir trotz vieler schönen Resultate den Eindruck hatten, als habe der Erfolg den Erwartungen der Einberufer noch nicht ganz entsprochen. Sollte dies wirklich der Fall sein, so ist die Schuld nicht den ausländischen Herren beizumeffe n, die aus die Vorschläge des Berliner Comitös gern eingingen, sondern einigen Deputirten deutscher Städte, welche den ost gerügten Fehler der Deutschen, die Zersplitterung der Einheit vorzuziehen, auch in der vorliegenden Frage zur Geltung zu bringen suchten. In letzter Linie muß sich allerdings auch