Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 24 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 439 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Hesterreichische Wochenschrift Seite 439 Ordens fügen müssen. Jünglinge der letzteren Art werden zwar keine Essener, aber sie nehmen, wenn es ihnen auch nicht gegönnt war, in das Mysterium des Ordens einzudringen, mit den hier erworbenen Kenntnissen ein geläutertes Verständnis für die mosaische Lehre und eine reinere Lebensweise in die große Welt mit und ebnen dadurch dem Essenismus allenthalben die Wege. Voll der erhebendsten Eindrücke, begeben wir uns zur Ruhe mit dem Vorsatze, am nächsten Morgen abermals die verschiedenen essenischen Gruppen bei ihren körperlichen Arbeiten und sonstigen Beschäftigungen zu belauschen. Mit Tagesanbruch verlassen wir unser Lager, finden aber zu unserer großen Ueberraschung die Straßen, die sonst um diese Zeit von Menschenmassen wimmeln, wie ausgestorben. Wir eilen ins Freie, keine menschliche Seele ist ringsum zu erblicken. Wir stürmen aufs Feld, es liegt verödet. Wir suchen die Werkstätten auf, sie sind geschlossen und menschenleer .... Wohin mögen unsere Essener wohl gerathen sein? Doch sieh', da erscheint wieder unser Alexandriner von gestern und erklärte uns Alles: „Heute ist Sabbat" — sagte er — „und dieser wird bei den Essenern weit strenger als bei den übrigen Juden gefeiert. Denn sie bereiten nicht nur ihre Speisen den Tag vorher, um am Sabbat kein Feuer anzünden zu müssen, sie wagen nicht einmal ein Gefäß von der.Stelle zu rücken. In die Synagoge komme, dort wirst Du sie zur Andacht versammelt finden." In der That finden wir sie sämmtlich in ihrem Gotteshause, und zwar in strengster Ordnung sitzend, die Jüngeren hinter den Aelteren, der Vorlesung. mit verhaltenem Athem lauschend, welche Einer aus ihrer Mitte aus der heiligen Schrift hält, worauf ein Anderer, in der göttlichen Lehre Erfahrener, die unverständlichen Stellen tiefsinnig erörtert, zumeist symbolisch. Denn die Erklärungsweise ist hier die allegorische, durch welche die tiefste Weisheit zutage gefördert wird. Sie befaßt sich vorzugsweise mit der Lehre vom Dasein Gottes und der Weltschöpfung, pflegt aber ganz besonders den ethischen Theil, indem sie sich dabei als Führer der von den Vätern ererbten Gesetze bedient, welche der menschliche Geist ohne göttliche Inspiration nimmer ersinnen könnte. Sie unterweisen sich in der Frömmigkeit, Heiligkeit, Gerechtigkeit, Häuslichkeit und in den sonstigen Tugenden. Sie prüfen alle Dinge nach den folgenden dreifachen Regeln: Ob sie mit der Liebe zu Gott, ob sie mit der Liebe zur Tugend und ob sie mit der Liebe zum Nebenmenschen übereinstimmen. Die Liebe zu Gott bekunden sie auf mehrfache Weise: durch die Keuschheit, deren sie sich das ganze Leben hindurch befleißigen, durch die strenge Enthaltung von jedem Eide und jeder Unwahrheit und dadurch, daß sie Gott als Ursache alles Guten, nicht aber des Bösen ansehen. Die Liebe zur Tugend bekunden sie damit, daß sie jede Habgier, Ehr- und Vergnügungssucht verachten, enthaltsam, nüchtern, bescheiden, gesetzestreu, standhaft und musterhaft in allen Dingen sind. Die Liebe zu dem Nebenmenschen bethätigen sie durch ihr Wohlwollen, durch ihre gegen Alle auf gleiche Weise geübte Menschenliebe und ihre bewunderungswürdige Gütergemeinschaft. . . . Soviel in allgemeinen Umrissen von den charakteristischen Merkmalen, die wir der essenischen Colonie während unseres flüchtigen Besuches abgelauscht haben, und welche hinreichen, um eine ungefähre Vorstellung von dem Wirken und Streben der Essener zu ermöglichen. Man glaube aber ja nicht, daß wir hier fabulirt haben. Jeder Zug ist den Quellen, u. zw. den ältesten, meist zeitgenössischen entlehnt, und nichts in dieselben hineingetragen. Wir haben bei der Skizzirung dieser Merkmale nichts weiter gethan, als den Philo und Josephus, den Plinius u. A. ausgeschrieben und die Lücken des Einen durch die Daten des Anderen ergänzt. Nun wird man aber mit Recht fragen, wie es gekommen, daß dieser so hochverdiente Verein so wenig gewürdigt und so wenig außerhalb der Gelehrtenstube bekannt wurde? Wir antworten, daß eben diese Gelehrtenstube, welche sich frühzeitig des Ordens bemächtigte und ihn nicht eher freigab, als bis er weidlich ausgesogen und nach allen Richtungen arg bestutzt war, es verschuldet hat, daß der Essenismus der ihm seitens der Nachwelt gebührenden Anerkennung verlustig gegangen. Die Kritik hat an den über die Essener Vorgefundenen Berichten so lange herumoperirt, bis von demselben nichts übrig blieb, als eine Sippe von Chasidäern, welche sich nach den Makkabäersiegen, unzufrieden mit den damals zur Herrschaft gelangten Hohepriestern, zurückzogen, um einen eigenen Bund zu bilden. Fürwahr ganz besondere Chasidäer diese Essener, welche principiell keine Opfer darbrachten, da sie „höhere Neigungen zu haben vermeinten", während doch die Chasidäer, wie der Talmud berichtet, nach wie vor nicht nur opferten, sondern sogar jede Gelegenheit gierig ergriffen, um nur ein Opfer darbringen zu können. Von einer philosophischen Vertiefung des Mosaismns, auf welche Philo den Essenismus aufgebaut sein läßt, will unsere moverne Kritik nichts wissen. Nach ihr war der Essenismus eine vorübergehende, bald in den Sand verrinnende Erscheinung, waren die Essener nichts weiter als einfache Chasidäer, welche nur strenger noch als die übrigen Chasidäer die levitischen Reinheitsgesetze beobachteten, etwa wie R. Pinchas b. Jair, den eine moderne Kritik bereits zu einem Essener vom reinsten Wasser stempelt! Wenn aber dem wirklich so wäre, warum der Lärm, den Josephus und Philo mit diesem Orden machen, woher die Anerkennung, die ihm von hoher und höchster Seite, ja sogar von heidnischen, dem Judenthum sonst wenig gewogenen Schriftstellern entgegengebracht wurde? Doch verziehen wir nicht allzulange. Wir haben ja noch dem linken Flügel des Ordens, den eigentlichen Mönchen, den Therapeuten in Egypten, einen Besuch abzustatten. Wohlan denn, rasch unser Flügelroß gezäumt, und hinüber nach Alexandria! (Fortsetzung folgt.) iowksiwudknzk». Wie«. Der am 12. Juni zu Wiener-Neustadt beendete Antisemitenprozeß hat wiederum einmal die Helden des Judenhasses in ihrer Nacktheit gezeigt. Prof. F i e g l, der gewesene antisemitische Abgeordnete, hatte zwei Anhänger Schönerer's vor Gericht gestellt, weil sie ihm in einem Wahlaufrufe W o r t b r u ch, Felonie und Feigheit vorgeworfen hatten. Diese Worte enthalten so ziemlich Alles, was an Schimpflichem einem Manne nachgesagt werden kann. Die Geschwornen fanden selbstverständlich, daß diese Vorwürfe Ehrenbeleidigungen bilden, allein sie erkannten gleichzeitig, daß die Beleidigungen nicht fälschlich vorgebracht worden seien, weshalb die Angeklagten freigesprochen werden mußten. Die ^Verhandlung selbst entrollte wieder ein Bild von „hinter den Coulissen" der antisemitischen Parteien, gewährte einen Einblick in das terroristische Getriebe und die intimen Vorgänge derselben. Herrn F i e g l half all' sein Beweismaterial nichts, nützten nichts die Enthüllungen, er ist durch das Verdikt der Geschwornen gerichtet und vernichtet. Wortbruch, Felonie, Feigheit! Es wird wohl kaum möglich sein, Jemandem eine schwerere Beschuldigung entgegenzuschleudern. Und dieser so gezeichnete Mann war jahrelang Reichsrathsabgeordneter und ist heute noch Jugendbildner, dennoch ist dieser Herr Fiegl noch ein Ehrenmann seinen Gegnern gegenüber, welche den schamlosen Landesverrath zur nationalen Tugend erheben. Das Linzer Programm, auf welches Schönerer sich beruft, ist bloßer Schein und Lüge. Die deutschnationale Partei hat aber noch ein anderes, ein „geheimes" Programm, wie Herr Fiegl in einem unbewachten Momente verrieth und dieses Programm, das offenbar nur in jenen „geheimen Kundmachungen" besprochen wird.