Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 24 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 438 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 438 Hesterreichtsche Wochenschrift Nr. 24 dann abermals im Speisesaal zu versammeln. Lebhafter als die Zusammenkünfte am Mittag gestalten sich wohl jene am Abend, da an denselben auch die im Laufe des Tages von auswärts angekommenen Mitglieder theitnehmen. Der Orden unterhält nämlich die weitreichendsten Verbindungen, und ist das Reisen seinen Delegirten sehr erleichtert. Sie nehmen aus ihre weiten Wanderungen nichts mit, weder Gepäck noch Nahrungsmittel, da Ordensbrüder in jeder Stadt wohnen, die sie mit allem Nöthigen versorgen, und bei denen sie, wenn sie dieselben auch niemals vorher gesehen, wie bei vertrautesten Freunden einkehren. Das Abendmahl scheint also mindermonoton zu sein, da die daran theilnehmenden auswärtigen Mitglieder ein bunteres Leben in dasselbe bringen. Gleichwohl dringt kein Laut hinaus, so dicht gedrängt von Brüdern auch der Speisesaal ist. Aber auch draußen ist das Haus von Wißbegierigen förmlich belagert, unter denen auch wir uns bestnden. Hinein dürfen wir selbstverständlich nicht, da ja das gemeinsame Mahl das eigentliche Mysterium des Ordens bildet. — Wer aber sind die Massen, die sich da draußen angcsammelt, in lautloser Stille, in heiliger Scheu verharrend, als gelte es einer göttlichen Offenbarung zu lauschen? Gs sind Novizen, die den Augenblick nicht erwarten können, wo auch ihnell der Zutritt zu dem gemeinsamen Mahle, dem Gipfel esscnischer Glückseligkeit, gestattet sein wird, was jedoch nicht so leickt zu erzielen ist. Denn wenn Jemand seinen Beitritt erklärt, wird er nicht ohne weiters in den Orden ausgenommen. Er muß vorerst ein volles Jahr außerhalb der Gesellschaft leben, sich aber gleichwobl der strengen Lebensweise derselben unterwerfen. Er erhält eine Hacke, einen Badeschurz und ein weißes Kleid. Hat er während dieses Zeitraums hinreichende Proben der Enthaltsamkeit an den Tag gelegt, so tritt er der Gesellschaft um einen Grad näher, wird mit reinem Wasser geweiht, aber noch nicht zu dem gemeinsamen Mahle zugelassen. Erst nach einer weiteren zweijährigen, gut bestandenen Prüfung erfolgt die förmliche Aufnahme in den Orden. Bevor er jedoch zu dem gemeinsamen Mahle zugelassen wird, muß er einen furchtbaren Eid schwören — es ist dies der erste und letzte, denn der Essener darf sonst niemals schwören, da ihm das bloße Wort höher als ein Eid gelten müsse, und derjenige schon gerichtet sei, dem man ohne Namen Gottes nicht Glauben schenken dürfe. Bei seiner Aufnahme schwört er: „daß er die Gottheit verehren, gegen die Menschen Gerechtigkeit üben, Niemand weder aus eigenem Antriebe noch auf fremden Befehl verletzen, stets die Ungerechten hassen und den Gerechten beistehen, Treue gegen Jederman, besonders gegen die Obrigkeit üben wolle, denn Niemand habe die Macht, sie sei ihm denn von Gott gegeben. Ferner muß er geloben, im Falle, daß er selbst zur Herrschaft gelangen sollte, nie seine Macht mißbrauchen, noch seine Untergebenen in Kleidung oder Schmuck überglänzen zu wollen, die Wahrheit stets zu lieben, die Lügner rücksichtslos zu entlarven, die Hände von fremdem Gut, das Gewissen von Unrechtem Erwerb rein zu halten, vor den Brüdern nichts zu verheimlichen, Andern aber nichts zu verrathen, selbst wenn es das Leben kosten sollte; endlich die Lehre der Gesellschaft Niemandem anders mitzw theilen, als er sie selbst empfangen und die Bücher des Ordens heilig zu halten". — Was aber geschieht da drinnen bei dem gemeinsamen Mahle, das selbst in dem Draußenstehenden den Eindruck eines erhabenen Mysteriums hervorruft, obgleich er trotz athemlosen Lauschens nicht einen Laut vernimmt? Die Antwort, die wir auf diese Frage erhalten, will uns keineswegs befriedigen. Man will uns glauben machen, daß die hier in Speise und Trank herrschende Nüchternheit das ganze Mysterium bilde. Welche naive Erklärung! Zum Glück wissen wir, daß der Orden eine geheimnißvolle, mit Hilfe der Allegorien ausgebildete, tiefsinnig religiöse Lehre besitzt, welche die Mitglieder bei Strafe der Excommunicirung nicht verrathen dürfen. Wir wissen ferner, daß die Essener bis auf die beiden gemeinsamen Mahle die ganze übrige Zeit des Tages bei der körperlichen Arbeit beschäftigt sind. Wann also pflegen sie diese Lehre, welche doch das Wesen des Essenismus bildet? Zum Ueberfluß wird uns berichtet, daß bei dem gemeinsamen Mahle immer nur Einer sprechen darf, wie ihn gerade die Reihe trifft, während die Andern andächtig lauschen. Was aber mögen das für Wechselreden sein? Liegt da nicht die Vermuthung nahe, daß diese so heilig gehaltene, so sorgfältig gehütete Lehre des Ordens den eigentlichen Mittelpunkt des essenischen Mahles ausmache? Und erklärt sich von diesem Gesichtspunkte aus nicht vollkommen der mysteriöse Nimbus, der dieses Mahl umgiebt? Doch während uns diese und ähnliche Gedanken beschäftigen, nähert sich uns ein egyptischer Jude, ein Adept des alexandrinischen Essenismus, und flüstert uns die folgenden Worte ins Ohr: „Du bist falsch berichtet, wenn du glaubst, daß bei dem Mahle da drinnen nichts weiter geschieht, als daß nüchtern gespeist wird; es handelt sich hier vielmehr um weit wichtigere Dinge, als um ein frugales Essen: Hier wird die mosaische Lehre in ihren Tiefen erfaßt, vermittelst der Allegorie und der göttlichen Inspiration, welche diese Männer von Jugend auf anstreben, erläutert und ausgelegt. Dieser Auffassung des Mosaismus, welche die einzig richtige, da sie von den äußerlichen Formen absieht und in den Kern der Lehre eindringt, welche ferner das Wesen der Gottheit und der Dinge Urgrund erforschen lehrt, wird bei uns, in Alexandrien, wo Gedankenfreiheit herrscht, wo die Menschen auf einem höheren Niveau der Bildung stehen und einen den groß angelegten Verhältnissen entsprechenden weiten Gesichtskreis haben, frank und frei gehuldigt; hier in Jndäa jedoch, wo jede andere als die herrschende, im Laufe der Zeit getrübte religiöse Anschauung verketzert wird, muß sie sich in ein undurchdringliches Geheimniß hüllen. Darum leben auch diese Essener zumeist in Zurückgezogenheit, suchen einsame Plätze ans, um ungestört in ihrer Weise an der göttlichen Lehre arbeiten, an ihr glätten und feilen zu tonnen, auf daß sie endlich den siegreichen Lauf durch die Welt antreten könne, um ihrer Bestimmung, die ganze Menschheit zu beglücken, gerecht zu werden. So hat es auch unsere Sibylle verheißen, indem sie spricht: „Und es werden alsdann die Inseln und alle die Städte Sagen, wie sehr der unsterbliche Gott lieb hat jene Männer; Denn Alles ist fürsorgend um sie her und bringt ihnen Hilfe: Himmel und Sonne, gcführet von Gott, selbst der Mond ist ein Beistand. Aber die Erde, die Mutter des All, bebt an jenen Tagen, Und in Gesängen dann fließt vom Munde die liebliche Rede: Auf und fallt allesamnit auf die Erde und lasset uns anflehn Den unsterblichen König, Gott, den großen und höchsten. Lasset zum Tempel uns senden, denn er allein ist der Herrscher. Lasset uns all das Gesetz des höchsten Gottes erwägen; Denn das gerechteste ist's von allen hienieden auf Erden. Wir aber hatten vom Weg des Unsterblichen irrig entfernt uns. Ehrten der Hände Gebilde, erfüllt vom thörichten Sinne, Bilder der Götzen geschnitzt und der Menschen, dem Tode verfallen. Solches rufen sie aus, die Seelen von gläubigen Menschen: Auf, laßt unter dem Volke des Herrn uns fallen auf's Antlitz, Laßt durch Hymnen erfreu'» überall Gott, unfern Erzeuger." So spricht unser Alexandriner, und er hat das Nichtige getroffen. Wer aber sind die zahlreichen, kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglinge, die uns allenthalben in der essenischen Colonie begegnen? Die sind doch wohl nicht hier, wo die Ehe verpönt ist, geboren? Gewiß nicht, sie sind vielmehr von auswärts gekommen. Die Einen wurden früh von den Essenern ausgenommen, welche gern fremde, im zarten, noch bildungsfähigen Alter stehende Kinder annehmen, um sie in ihrer Lebensweise und Lehre zu erziehen. Die Andern, unter denen nicht selten Kinder vornehmer, den höchsten Gesellschaftskreisen gehöriger Eltern sich befinden, sind aus der Stadt herbeigezogen gekommen, um sich hier während eines dreijährigen Noviziats ein gründliches Wissen anzueignen, allerdings unter vielen Entbehrungen und Entsagungen, da sie sich während der ganzen Zeit der strengen Lebensweise des