Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 24 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 437 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Hesterreichische Wochenschrift Seite 437 er, nun ist es Zeit, baß ich sterbe, da vor mir die Wahrheit > hinweggestorben ist; denn noch lebt dieser Antigonns, der j heute sterben sollte. Der Ort, der ihm zum Tode bestimmt war, ist der Stratons-Thurm, und dieser ist 600 Stadien von hier entsernt und der Tag bereits stark vorgeschritten." — Nach diesen Worten schließt der Greis erschöpft die Augen und steht da, eine versteinerte Statue. Nachdem wir uns vom ersten Schrecken erholt, blicken wir unfern Führer fragend an. Dieser erklärt uns mit zitternder' Stimme: Der Greis da ist der hundertjährige Essener Judas. Seine Prophezeiungen sind noch nie unerfüllt geblieben. Er hat den Tod des Antigonns auf den, heutigen Tag vorhergesagt und genau den Ort angegeben, wo er erfolgen werde. Dieser Ort aber — Stratons- Thurm genannt — ist weit ab von hier, bei Cäsarea an der Küste gelegen und in einem Tag nicht zu erreichen — und Antigonns wurde eben erst hier gesehen, somit hat sich die Prophezeiung des Esseners diesmal nicht erfüllt. In Gedanken versunken gehen wir eine Strecke weiter. Es dauert jedoch nicht lange, und abermals werden wir aufgescheucht. Ein grauser Lärm dringt an unser Ohr: todt! todt! so ertönt es aus hundert Kehlen. Was ist geschehen? fragen wir entsetzt, einen Vorübereilenden anhaltend, der aus der Burg zu kommen scheint. Der meldet in fliegenden Worten, daß Antigonns, als er, um den König zu besuchen, den unterirdischen, zur Burg führenden Gang, gleichfalls Stratons - Thurm genannt, betrat, auf Anstiften der Königin von der Wache niedergemetzelt wurde. „Judas, der Essener hat leider Recht behalten", bemerkt unser Führer, unter tiefem Seufzen, „er vergaß nur, indem sein Augenmerk auf Cäsarea gerichtet war, daß wir auch hier in der unmittelbaren Nähe einen sogenannten Stratons - Thnrm haben. Armer unglücklicher Antigoi ns! Verehrungswürdiger Judas!" „Was für eine Bewandtniß aber hat es mit diesem Judas? Wer sind diese Deine Essener?" so fragen wir nach einer Weile unfern Führer. „Wie", antwortet dieser erstaunt, „Ihr habt keine Kunde von den Essenern, diesen gottgeliebten Männern, auf welche der Geist der Propheten übergegangen ist? wißt nicht, daß wir hier in Judäa allein mehr denn 4000 dieser Frommen besitzen, welche zumeist in heiliger Abgeschiedenheit, mehr dem Himmel als der Erde leben? O, diese von aller Welt bewunderten Menschen müßt Ihr in der Nähe kennen und verehren lernen. Denn wisset, sie sind die wahrhaft Frommen, deren Anblick jedes Laster verscheucht, jede Härte und Grausamkeit verbannt. So viele Tyrannen und Machthaber schon dieses Land mit ihrer Tücke, ihren Schlächtereien heimgesucht, den Essenern vermochten sie nichts anzuhaben. Ihre hohen Tugenden, ihre göttliche Heiligkeit entwaffneten der Feinde Bosheit und zwangen selbst den ruchlosesten Tyrannen Ehrerbietung und Bewunderung ab. Doch ich will Euch nichts weiter von diesen über alles Lob Erhabenen sagen. Geht hin und überzeugt Euch mit eigenen Augen. Sie wohnen in großer Anzahl an der Westküste des Asphaltsee's. Es verlohnt sich diese Colonie aufzusuchen. — Engedi, diese schöne und palmenreiche Oase, ist ihr Hauptort." „Gut denn, auf nach Engedi!" I. Wir haben 300 Stadien zurückgelegt und langen nach einer zweitägigen, überaus instruktiven Wanderung am dritten Morgen vor Sonnenaufgang in Engedi an, einer durch Fruchtbarkeit und Palmenreichthum ausgezeichneten Stadt. Noch graut der Tag kaum, und schon regt es sich an allen Enden und Ecken der Stadt. Die Bewohner dieser ganzen Umgegend sind nämlich sehr matinal. Sie erheben sich mit Tagesanbruch von ihrem Lager und ziehen gruppenweise, von ihren Oberen geführt, ins Freie hinaus. Vergebens bemühen wir uns, ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, sie sind in tiefste Andacht versunken, (die Augen gell Himmel erhoben) und kein profanes Wort kommt über ihre Lippen, solange die Sonne nicht ihren ersten Morgengruß hernieder sendet. Jetzt erscheint sie, die Gipfel der Berge vergoldend, und nun ertönt ein erhebendes, von den Vätern überkommenes Morgengebet, worauf sich die Menge in die Felder, Wälder und Gärten zerschlägt. Die überwiegende Mehrzahl begibt sich aufs Feld, um den Acker zu bestellen, denn die meisten Essener sind Bauern, die übrigen gehen ihren verschiedenartigen friedlichen Beschäftigungen nach, wir überraschen sie dabei und finden überall dieselbe Freudigkeit am Schaffen, dieselbe Lust an der Arbeit, welche diese auch immer sein mag. — Aber wir möchten doch auch gar so gern in das Mysterium des Ordens ein wenig eindringen, wer möchte uns wohl dabei als Führer dienen? Doch sieh, da kommt uns, wie gerufen, einer der Ordensverwalter in den Wurf. Machen wir uns an ihn, vielleicht gönnt er uns einige Augenblicke... Er hört uns freundlich an und giebt uns, allerdings nur über die Äußerlichkeiten des Vereins, folgende Information: „Wir sind Verächter des Reichthums, fliehen die sinnlichen Genüsse und halten die Mäßigkeit und die Unterdrückung der Leidenschaften für die höchste Tugend. Darum haben wir auch in unserem Verein eine Gütergemeinschaft eingeführt, und Keiner ist bei uns zu finden, der sich vor den anderen durch Reichthum auszeichnen würde; denn es ist bei uns Gesetz, daß die in unsere Gesellschaft Eintretenden ihr Vermögen dem Orden überlassen müssen. Daher giebt es bei uns weder Arme, die in drückender Lage, noch Reiche, die bevorzugt wären. Vielmehr bildet das Vermögen der Einzelnen den gemeinsamen Besitz der Brüderschaft. Es wird aber Keiner in unseren Verein ausgenommen, der nicht vorher wahrend eines dreijährigen Noviziates Proben der Enthaltsamkeit, der Treue, der Unschuld und der Würdigkeit geliefert. Denn wer sich eines Vergehens schuldig macht, wird, und wollte er durch noch so großes Vermögen den Eintritt anstreben, unnachsichtlich entfernt. — Wir meiden gern die großen Städte wegen der daselbst herrschenden Laster, befassen uns mit Ackerbau und anderen den Frieden beglückenden Beschäftigungen, womit wir uns und unseren Nebenmenschen nützen. Wir sammeln weder Gold noch Silber, noch streben wir nach Erwerb größerer Grundstücke, sondern trachten nur das zum Leben Nothdürftige zu erwerben. Während wir aber ohne Güter und Besitz sind, dünken wir uns als die Reichsten, indem wir Genügsamkeit in den Bedürfnissen und frohen Sinn für den wahren Reichthum halten. Handwerker, welche Pfeile, Lanzen, Schwerter, Helme, kurz, zum Kriege gehörige Dinge, oder auch nur solche verfertigen, die im Frieden zur Schlechtigkeit verleiten könnten, sind bei uns nicht zu finden. Handel, Gastwirthschast und Schiffahrt kennen wir auch nicht im Traume, da wir jede Anregung oder Veranlassung zur Geldgier verbannen. Es giebt bei uns auch keine Sclaven, sondern alle sind gleich frei und leisten einander Dienste. Wir verdammen die Besitzer von Sclaven, nicht nur als ungerecht, da sie die Gleichheit verletzen, sondern auch als gottlos, da sie das Gesetz der Natur aufheben, die ja wie eine Mutter alle auf gleiche Weise geboren und erzogen und zu leiblichen Brüdern gemacht hat." Plötzlich bricht unser Gewährsmann ab. Er bedauert nicht länger verweilen zu können, da die fünfte Stunde herangerückt sei, und eilt von dannen. Neugierig folgen wir ihm und erfahren, daß um diese Zeit — es ist elf Uhr Vormittags — sämmtliche Essener die strenge Arbeit ruhen lassen, um mit Linnentüchern umgürtet, «in Reinigungsbad zu nehmen, worauf sie, in weiße Gewänder gehüllt, in feierlich gehobener Stimmung, als wäre es der Tempel, den Speisesaal betreten, wo sie das gemeinsame Mahl erwartet. Nach aufgehobenem Mahle legen sie die Kleider, die sie bei Tische getragen, als heilige, wieder ab und gehen neuerdings an die Arbeit, bei der sie bis zum Abend ausharren, um sich