Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 24 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 436 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 436 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 24 mehr mit dem ihnen verbliebenen Capital sich als Colonisten in Palästina niederlasien wollen. Einige von ihnen haben sich vorher als Abgesandte nach Palästina begeben, um die dortigen einschlägigen Verhältnisse zu ftudircn, und haben ihren zahlreichen Auftraggebern die beste Auskunft überbracht, während die letzteren inzwischen ihre Angelegenheiten geordnet, sich in Gruppen organisirt und die erforderlichen Capitalien gesammelt haben. Das sich in Odessa gegenwärtig darbietende Auswanderungsbild trägt daher keineswegs einen ausschließlich traurigen Character, sondern aus den Reihen der ausgetriebenen Juden schimmert auch ein nicht zu verleugnender Zug der Hoffnung und der ideellen Befriedigung, da sie guten Grund haben, an dem Erfolge ihres bevorstehenden colonialen Unternehmens in Palästina nicht zu zweifeln. Die Maffe dieser unbemittelten Auswanderer geht theils über Berlin, theils von Riga aus zunächst nach London, jedoch nicht mit der Absicht, in England zu verbleiben. Vielmehr bleibt ihr Endziel noch immer Amerika, wo sie ihre neue Existenz begründen wollen. Die Beunruhigung, welche in jüngster Zeit in London, wie von dort gemeldet wird, anläßlich der Zuströmung der russischen Juden entstanden ist, scheint daher durchaus unbegründet und für die letzteren handelt es sich dort nur darum, die für die Weiterreise erforderlichen Geldmittel aufzutreiben, sei es durch die Ersparnisse von einigen Monaten Arbeit oder durch den Beistand der dortigen Freunde. Sehr beträchlich ist die Zahl der Kinder, welche sich in der Begleitung der Auswanderer befinden, und zwar sind es Kinder in fast ausschließlich zartestem Alter beiderlei Geschlechtes, welche die weite und schwere Reise mitmachen. Von wesentlichem Einfluß scheint hierbei der Umstand zu sein, daß die sämmtlichen Dampsschifffahrtsgesellschasten, besonders die in Hamburg und Bremen, für ein Kind unter einem Jahr, welches sich in Begleitung von Erwachsenen befindet, freie Ueberfahrt gewähren oder nur eine geringe Taxe erheben. Dazu verfahren noch die genannten Dampsschiffgesellschaften bei der Festsetzung des einjährigen Alters der Kinder mit besonderer Coulance, so daß überhaupt jedes Kind, von einem der Eltern auf dem Arme getragen, als freier Passagier auf das Schiff gelassen wird, eine Zuvorkommenheit, von welcher die Auswanderer den weitgehendsten Gebrauch machen. Lei de« socialistischen Serien des Indenthums im letzte« vorchristliche« Jahrhundert. Von Dr. M. Friedländer. Wir versetzen uns nm zwei Jahrtausende zurück und machen im Geiste einen Ausflug nach dem wunderreichen Orient, und zwar zunächst nach Judäa, wo wir die Westküste des tobten Meeres misslichen wollen, um dann auch Egypten und die Umgebung des in der Nähe Alexandriens gelegenen mareotischen See's in Augenschein zu nehmen. An beiden genannten Orten flogen wir auf ganz eigenartige, höchst merkwürdige jüdische Eolonien, welche unsere vollste Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, unsere Bewunderung herausfordern. — Was in aller Welt sind das für sonderbare Menschen, die sich hier seit undenklichen Zeiten zu gemeinsamen körperlichen Arbeiten, frommen Uebungen und tiefsinnigen religiösen Betrachtungen zusammenfinden, deren Zahl, obgleich diese Colonisten zumeist unverheiratet bleiben, anstatt abzunehmen, immer mehr anwächst, so daß Plinius von ihnen rühmen konnte: Ita per saeculorum milia, incredibile dictu, gens aeterna est, in qua nemo nascitur. „So besteht denn seit Jahrtausenden — es klingt ganz unglaublich — ein ewiges Geschlecht, in welchem niemals Jemand geboren wird." Wer — so darf man billig fragen — sind diese Leute, denen Freund und Feind, Vornehme und Geringe, und was besonders schwer in's Gewicht fällt, Männer, die auf der Höhe griechischer Bildung stehen, die aufrichtige Bewunderung zollen? Wie stellten sie es an, daß sie die Aufmerksamkeit auch heidnischer, dem Judenthum sonst wenig sympathisch gesinnter Schriftsteller zu erregen und ihre Anerkennung zu erringen vermochten? „Geräth doch selbst der skeptische Römer Plinius in Sympathie und Erregung, wenn er die Weltmüden schildert, welche den von ihm selbst so tief empfundenen Jammer der Menschheit irgendwie überwunden haben." Die beiden Colonien, die uns hier beschäftigen sollen, beherbergen eine Art jüdischer Mönche, welche in Palästina „Essener" und in Egypten „Therapeuten" genannt wurden. — Man hat über diese vorchristlichen Vereine mehr als genug geschrieben und gestritten; gleichwohl ist es bis heute der Wissenschaft nicht gelungen, die Erscheinung des Essenismus und seines Seitengängers, des Therapeutismus, in den Entwickelungsgang irgend einer vorchristlichen philosophischen Bewegung einzureihen, sie aus der Zeitgeschichte zu begreifen und ihr gerecht zu werden. Noch heute ist das Räthsel des Essenismus nicht gelöst. Schon der Name „Essener" oder „Essäer" bietet der Erklärung große Schwierigkeiten dar, was allerdings nicht überrascht, wenn man bedenkt, daß man schon vor neunzehnhundert Jahren, also zur Zeit, wo der Orden noch blühte, über die Provenienz dieses Namens im Unklaren war. So spricht Philo die V e r m u t h u n g aus : es möchte wohl der Name „Essäer" mit dem griechischen Worte bcroioi, Heilige, identisch sein. Noch heute hält man den Essenismus für eine einfache Steigerung des Pharisäismus, so Grätz und mit ihm eine stattliche Reihe jüdischer und christlicher Gelehrter. — Was aber waren das für Pharisäer, welche, während der Tempel noch stand, sich princip i c l l von jedem O P f e r c u l t u s s e r n h i e l t e n, welche die Ehe mieden und die A u f e r st e h u n g der Körper leugneten? Nein, auf dem Boden des Pharisäismus wird sich der Essenismus nimmer begreifen lassen, darum'sind auch alle diesfalls aufgestellten noch so scharfsinnigen Hypothesen gescheitert und haben in die Sache, die sie zu entwirren suchten, nur um so größere Verwirrung gebracht. Wir müssen des Näthsels Lösung anderswo suchen. Statten wir zu diesem Zwecke der Colonie am todten Meere einen kurzen Besuch ab und besehen wir uns dieses Essenervölkchen in unmittelbarer Nähe, vielleicht, daß es sich bei näherer Bekanntschaft als minder spröde erweist, vielleicht, daß es uns Rede steht. Unser Besuch fällt in das Jahr 105 vor Ehr. Es ist Frühling. Die Natur hat ihr Prachtkleid entfaltet, au dessen Verschönerung unzählige fleißige Hände in gehobener Stimmung arbeiten. Es ist eine Freude in dieser Jahreszeit zu wandern. Wir sind in der gottgeliebten Stadt Jerusalem angelangt und feiern in der Mitte einer bunten hunderttausendköpfigen Menge, die sich aus allen Richtungen der Windrose hier eingcfunden, das Wochenfest mit. Wißbegierig, wie wir einmal sind, lassen wir uns über alle nur irgendwie bemerkenswerthe Eigentümlichkeiten, deren es hier, nebenbei bemerkt, in Hülle und Fülle giebt, unterweisen. Wir verlassen an der Seite unseres vielerfahrenen und kenntnißreichen Führers die Hallen des menschenwimmelnden Tempels und stoßen, draußen angelangt, auf einen herrlichen, reckenhaften, in königlicher Pracht und Haltung einherstolzirenden Jüngling. „Das ist Antigonus, der Bruder unseres Königs Aristobul" — so flüstert uns unser Führer zu — „er ist im Triumphe aus der siegreichen Schlacht gegen die Jturäer zurückgekehrt. Der König, der ihn liebt, liegt schwer darnieder, und ach, die Königin haßt diesen Antigonus und sucht ihn zu verderben. . Möge Gott ihm beistehen, er ist eben auf dem Wege nach der Burg, um seinen königlichen Bruder zu begrüßen." Noch sind die Worte unseres Führers nicht verhallt, da ertönt in unserem Rücken ein markerschütternder Schrei. Erschrocken wenden wir uns um und gewahren einen ehrwürdigen, in weiße wallende Gewänder gehüllten Greis, umgeben von einer großen Jüngerschaar. „Weh mir, so ruft