Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 24 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 433 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Hesterrerchifche Wochenschrift Seite 433 Manismus von den Schultern des Mutterlandes ab- und den Deutschen im Auslände aufwälzen. „Sie lvird wohl wissen warum." Die Antisemiten liebten es, den Juden den Rath zu ertheilen, daß sie ihre „allgemeinen Anstoß gebenden specifisch jüdischen Eigenschaften auf's Schnellste zu entfernen suchen". Allein man dürste billiger Weise zur Frage geneigt sein, warum die Deutschen die specifischen, allgemeinen Anstoß gebenden Eingenschaften nicht auf's Schnellste zu entfernen suchen, welche sie in Rußland „so verhaßt" gemacht haben? Die „Kölnische Ztg." klagt: „Der russische Bauer und Taglöhner sagt sich aber nicht, daß der Deutsche jenen Wohlstand der Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Nüchternheit verdankt, sondern meint, daß er dem Russen durch L i st im Handel das Geld aus der Tasche ziehe und daß all' jener deutsche Reichthum durch russischen Schweiß erworben sei." In Bezug aus die Juden haben sich die Antisemiten zu dieser Erkenntniß noch weniger entschlossell. Die Berliner Zeitschrift „Die. Gegenwart", ein strengnationales Blatt, brachte im Jahre 1887 eine Artikelserie über den russischen Deutschenhaß, welche wir damals in der Oest.-Wochenschrift verwertheten. Dem Verfasser der.Zeichnung ist die Aehnlichkeit und Blutsverwandtschaft zwischen der ruffischen Derfolgungswuth und dem deutschen Antisemitismus nicht entgangen und er ist sogar gerecht genug, der ersteren eine ungleich höhere moralische und politische Berechtigung zuzuerkennen. Wir entnehmen dem Aufsatze nachfolgende Stellen: „Der russische Bauer kümmert sich wenig um den Pflug, aber viel um den Deutschen. So friedlich er im Allgemeinen sein mag, einem Krieg gegen Deutschland würde er zujauchzen, wie dem Anbruch einer nationalen Morgenröthe. Der russische Bauer glaubt nämlich unter der erdrückenden Herrschaft der Deutschen (das heißt der Ausländer) zu seufzen. Er klagt über das „deutsche Joch" wie seine Vorfahren über das tartarische. Das „I o ch" aber, unter welchem erleidet, nennt man anderswo „C o n c u r r e n z" und da hat denn allerdings bis jetzt der Russe fast in allen Gebieten des so-cialen und des st aatlichen Lebens den Kürzeren gezoge n." Bei den Deutschnationalen und Deutsch-clericalen Antisemiten begegnet uns dieselbe Terminologie, die jüdische Eoncnrren; heißt „Judenjoch", „Judenknechtschaft", und in vorstehender Zeichnung braucht man blos an Stelle Rußlands Deutschland oder Oesterreich zu setzen und für den Germanen den Juden zu denken, und man hat das Bild des deutschen Antisemitismus mit seinem inner» Ursachen, seinen äußerlichen Borwänden, seinen widerlichen Treiben und seinen traurigen Folgen. Der Verfasser fügt hinzu: Der Deutschenhaß des russischen Volkes ist mithin dem Judenhaß anderer Nationen nahe verwandt. Während indessen der Jude seine Thätigkeit vorwiegend den geschäftlichen Gebieten zuwendet, begegnet der Russe der siegreichen Eoncurrenz des Ausländers Überall innerhalb des gesammten Lebens. Denken wir uns Deutschland von jüdischen Ministern, Generälen, Höflingen, Beamten und Officieren regiert und von jüdischen Prosefforen, Lehrern und Künstlern erzogen, denken wir Deutschland dem größten wirthschaftlichen Elend anheimgefallen, in welchem allein die Juden gediehen, denken wir uns, der deutsche Hof heirate seit Jahrhunderten lauterjüdische Damen, denken wir uns dies und Aehnliches und stellen wir dann an die Seite Deutschlands ein mächtiges, unabhängiges Kanaan, mit einer selbstständigen und privilegirten Provinz Galiläa im eigenen deutschen Reich, so haben wir ungefähr die Bedingungen, in welchen der russische Bauer lebt oder wenigstens zu leben glaubt. Gewiß würde unter solchen Umständen der Antisemitismus in Deutschland elementare Kraft gewinnen, er würde in Haß und Drohungen gegen das nachbarliche Kanaan überschäumen, aus welchem sich die Eoncurrenz recrutirt, und unaufhaltsam zum Kriege treiben. Gerade so thut der russische Bauer; denn er betrachtet Deutschland als ein Heuschreckennest, das alljährlich seine verheerenden Schwärme über Rußland sende. — Wer dieses Motiv wegen der Ungeheuerlichkeit der Jrrthümer, die es voraussetzt, anzweifeln möchte, vergißt die stutzende, alle Phantasie übersteigende Unwiffenheit des russischen Bauern. Einmal vermag er nicht zwischen Russen deutscher Nationalität und Deutschen zu unterscheiden, da ihm jedes staatliche Bewußtsein abgeht- Er kennt nur orthodoxe russisch-sprechende Rüsten; alles Uebrige gilt chm für „deutsch", das heißt für Feind." Das „Deutsche Bolksblatt" klagt über die „hochg-adige politische Kurzsichtigkeit" des Ezaren, über seine „Mißachtung fremden Rechtes" und es hat Beides zwei Tage später als die höchste politische Weisheit empfohlen nnd wenn es aufrief die gesammte „öffentliche Meinung — nicht nur der Deutschen und Polen außerhalb Rußlands, sondern die der gesammten Welt — zu den Waffen, wegen der Glaubensverfolgung, welche die byzantinisch-russische Kirche den beiden großen Eonfessionen: der römisch-katholischen und der pro testantischen, neuerdings in ganz unverhüllter Weise zu bieten wagt" — so möchten wir diesen Appell gerne unterstützen. Wenn aber Herr B e r g a n i sich beklagt, daß die europäischen Mächte, welche einstens gegen Spanien energische Vorstellungen erhoben haben wegen der versuchten Ausweisung protestantischer Bürger, gegen das heutige Russenthum nachsichtiger geworden sind, so trägt die Verantwortlichkeit dafür ausschließlich der deutsche Antisemitismus im Vereine mit der preußischen Poleuhetze, welche Beide Deutschland die moralische Macht benommen haben, gegen die gleiche Behandlung der Deutschen in Rußland vor aller Welt zu protestiren. Und wenn Herr Vergani von dem „russischen Barbarismus" spricht, so erinnern wir an den Redner im deutschen Parlament, der es gelassen ausgesprochen hat: „Wenn unsere Bestrebungen barbarisch sind, so wollen wir Barbaren sein", und einer der Deutschnationalen Oesterreichs sormulirte das neuzeitliche Programm in folgender Art: „Unsere Lehre und Weisheit liegt weit ab von dem vornehmen Weltbürgerthum des vorigen Jahrhunderts, welches seine Liebe vergeudet hat an den wesenlosen Schemen der Menschheit, während ihm für das Ideal in Fleisch und Blut, für das eigene Volk mit dem Verständniß auch die Liebe verloren ging; weitab von jener mattherzigen Lebensanschauung, welche alles Menschliche überhaupt der menschlichen Theilnahme empfiehlt, welche den einen guten Mann heißt, der Alles gut sein läßt." Diese Lehranschauung des Deutschnationalismus hat der Czar angenommen, er verfährt mit den Deurschen, den Katholiken und den Juden nach diesem Prinzip. Alle z e rstörten deutschen Existenzen im Czarenreiche, die Mißhandlung der Katholiken, die Verbannung protestantischer und katholischer Geistlichen nach Sibirien hat der Antisemitismus a uf dem Gewissen. Nur ein geschärftes empfindliches Rechtsbewußtsein, welches im gesammten Volke von den höchsten Spitzen bis in seine tiefsten Tiefen lebendig ist, ist für nationale und consessionelle Minoritäten - eine Bürgschaft und ein Schutz der Existenz