Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 24 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 432 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 432 Hesterreichische Wochmfchrift Nr. 24 „Es ist diese Katholikenverfolgung in Rußland eben nichts mehr als Eonsequenz. Wenn einmal das Princip der Religionsverfolgung im Walten ist, bleibt es vor keiner einzigen Religion stehen. Und das „Vaterland" hat die russischen Judenverfolgungen stets bejubelt. Heute sehen wir die Fortsetzung. Das mögen aber auch unsere Protestanten beherzigen, die bei uns mit den Clericalen gemeinschaftliche Sache machen den Jud en gegenüber. Da sind schon die Katholiken Preußens klüger. In freiheitlichen Fragen geht das Centrum im deutschen Reichstage immer mit den Freisinnigen; Windhorst hielt niemals mit Stöcker, wie unsere deutsch-nationalen Protestantenschwärmer mit dem Fürsten Liechtenstein." „Wer um seine eigenen National- und Glaubensgenosien wirklich besorgt ist, kann nicht die Unterdrückung einer anderen Nationalität oder Religion zugeben und Gott hat die Nationalitäten und Religionen absichtlich so untereinander gemischt, daß jede derselben Ursache hat, besorgt um das Schicksal ihrer eigenen Genossen zu sein." Der Jude hat den Verfolgungen Andersgläubiger nie gleichgiltig zugesehen — „er weiß auch warum" — die Berliner Hilfscomit e's, sowie die überall eingeleiteten Sammlungen zu Gunsten der russischen Flüchtlinge kommen den Unglücklichen ohne Unterschied der Confession zu Gute. In dem Werke: „Umständliche Nachrichten von den S a l z b u r g i s ch e n Emigranten" (Berlin 1735) liest man folgende interessante Notiz: „Und was soll man von den Juden sagen? Männer und Weiber unter denselben haben diesen verjagten Leuten nicht allein bey ihrem Einzuge in die Stadt vieles zugeworffen, sondern sie haben auch so gleich des anderen Tages in ihrer Synagoge freywillig eine Collecte gesammelt. Diese brachten die beiden Vorsteher derselben noch selbigen Tages an gehörigen Ort, und stellten dabey folgende eigenhändige Erklärung aus: Nachdem auf Verlangen der hiesigen Juden Gemeine die Aeltesten am heutigen dato in der Synagoge eine Collecte für die Saltzburgische Emigranten aufgebracht (gleich wie wir in der Thora oder Alten Testament von Gott gar vielfältig dergleichen zu adsistiren ermahnet sind) und dann obige Collecte 33 Reichsthaler 8 Groschen sich belauffen; als haben wir solche Gelder an des Herrn Geheimder Rath von Herolds Hochwohlgebohren zu weiterer Beförderung in Gottes Nahmen abgeliefert. Berlin, den 1. May 1732 Mayer Samuel und Benedictus Mayer". So handelten selbst die alten Juden gegen die Opfer religiöser Verfolgungswuth. Wahr ist blos, daß die antisemitischen Organe diese Seite der russischen Regierungspolitik nicht gerne berühren und „sie wissen wohl warum", weil diese gar zu geeignet ist, auch dem einfältigsten Wähler die letzten Eonsequenzen des Judenhasses vor Augen zu führen. Als Herr Türk j m A bgeordnetenhause die Weisheit des Czaren pries, welcher die Juden ausweise, und ihn Herr Dr. Bloch erinnerte, wie dieser selbe weise Czar die Deutschen und Katholiken behandelt, da schwieg Herr Türk, er blieb die Antwort schuldig, denn er konnte die gegen die Deutschen und Katholiken verübte Unduldsamkeit unmöglich verdammen, wenn er sie gegenüber den Juden als höchste nationale That gepriesen. Dr. Bloch hat auch daraus hingewiesen, daß die nationalen Interessen der Deutschen unlöslich mit dem Gastrechte verknüpft sind, daß kein Volk Europas soviel Gastfreundschaft genießt, so auf die Heiligkeit des Gastrechtes angewiesen ist, als gerade die Deutschen. Er sagte: „Das Deutsche Volk zählt zu jenen in Europa, welche mehr Gastfreundschaft genießen als gewähren. In Frankreich gibt es dreimal soviel Deutsche als Juden, in Italien zweimal soviel Deutsche als Juden, in England dreimal soviel Deutsche als Juden. Und in Nordamerika und in Rußland! Rußland, das der Abgeordnete so hoch hält, ist voller deutscher Colonien, die heute durch den angefachten Fremdenhaß gefährdet sind." Die Intoleranz, die Verfolgungswuth ist die schwerste Schädigung speziell des Deutschthums in allen Ländern Europas. Das „Deutsche Volksblatt" von Sonntag, den 14. Juni rief nach einer europäischen Coalition gegen Rußland. Herr Vergani, sonst ein eifriger Verehrer des Czaren, der mit seiner Judenpolitik nach dem Recepte der Antisemiten verfährt, der nie müde ward, die Weisheit des Czaren zu preisen, jede neue Maßregel, welche Rußland gegen die Juden in Anwendung brachte, um die „Fremden" zu bedrängen, mit Wohlgefallen registrirte, gleichsam zur Nachahmung empfohlen, nun dieser Herr fordert die europäischen Mächte auf, eine Coalition gegen Rußland zu bilden, denn Rußland verfährt mit den Deutschen gerade so wie mit den Juden. Es sind kuriose Kauze diese Herren Antisemiten! Die Berliner „Kreuz-Ztg." hatte kein Wort der Entrüstung über die russische Judenverfolgung, als aber auch Deutsche Pastoren, welche ihre Pflicht erfüllt haben, nach Sibirien expedirt wurden, drohte das Berliner Junkerblatt — mit dem göttlichen Fluch. Mit den verfolgten polnischen Katholiken aber hat es kein Mitleid, es verspritzt Gift und Galle auf die Hallenser Universität weil ein — katholischer Professor zum Rektor gewählt worden. Die Herren Antisemiten wollen allerdings zwischen den deutschen Protestanten und den polnischen Katholiken einerseits, und den Juden andererseits eine scharfe Grenzlinie ziehen, allein die Russen sind darin anderer Ansicht. Ihre Maßregel namentlich gegen die Deutschen motiviren die Russen ganz nach dem Rezepte des „Deutschen Volksblatt" „vom Gesichtspunkte der nationalen Selbsterhaltung" und „des nothwendigen wirtschaftlichen Selbstschutzes." Die giftigen Verleumdungen, welche die deutschnationalen Antisemiten gegen die Juden richten, werden von den Russen treu copirt, selbst die Anklage, daß die Deutschen „fremde Arbeit und fremden Reichthum exploitiren" (Moskauer-Ztg. vom 14. August 1888) fehlt nicht. Gesteht doch die „Köln. Ztg." in einem Leitartikel vom 5. November 1887 zu: „In allen Gegenden des Reiches, von Petersburg bis zum Kaukasus, befinden sich deutsche Ansiedelungen im blüh e n d st e n Zustande. Man erblickt da steinerne Häuser, wohlgepflegte Gärten, gut bestellte Felder, reinlich gekleidete Bewohner mit fröhlichen Gesichtern und vernimmt in allen diesen Dörfern die deutsche Mundart. Und in geradezu abschreckendem Gegensatz sieht man die russischen Dörfer, verfallene hölzerne Häuser, keine Gärten, Schmutz innen und außen, Trunkenheit und Unzufriedenheit." „Hierbei muß aber auch bemerkt werden, daß es kein Volk so schlecht versteht wie die in Rußland eingewanderten Deutschen, selbst etwas dazu zu thun, um sich die Zuneigung ihrer russischen Landsleute zu erwerben. Der Deutsche im Innern Rußlands geht nicht im Mindesten auf deflen Interessen ein und kümmert sich blutwenig um das Wohl und Wehe des Landes, dem er seine Wohlhabenheit verdankt. Er sieht Rußland ausschließlich als ein Mittel zum Gelderwerb an. Im Allgemeinen lebt er auch gern in Rußland, denn nicht nur, daß er Geld und Gut erwirbt, er hat auch weiter keine besonderen Pflichten gegen sein neues, wie gegen sein eigentliches Vaterland." Mit der letzten Bemerkung will das Rheinische Blatt die moralische Verantwortlichkeit für den russischen Antiger-