Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 23 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 427 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Hesterreichifche Wochenschrift Teite 427 sein Amt als Präsident des Staatsraths, sowie sämmtliche Ehrenämter niedergelegt. Großfürst W l a d i m i r, der Bruder des Czaren, soll an seine Stelle treten. H^etersöurg. Nach einer Petersburger Meldung der „Kreuzztg." ist der Prachtbau der dortigen Synagoge mit der Motivirung geschlossen worden, es sei nicht abzuseden, zu welchem Zwecke eine Synagoge in einer Stadt nothwendig sei, in der die Juden überhaupt nicht das Recht hätten, sich seßhaft zu machen. Und noch dazu ein Bau, der die christlichen Gotteshäuser an Pracht überrage. Der Zar ist s u d e nfeindlicher denn je. Jaffa Die erste Section der Eisenbahn zwischen Jaffa und Jerusalem, nämlich von Jaffa bis Ramleh, wurde in der letzten Woche für den Verkehr eröffnet. Iamilikublatt. Wochen- Juni j 1891 Siwan 5651 Kalender Freitag 12 _ 1. Pfingstfeiertag Samstag 13 7 2- Sonntag 14 8 Montag 15 9 . Dienstag 16 10 Mittwoch 17 11 Donnerstag 18 12 , ^Freitag 19 13 Der Loh« der Tugend. Im vergangenen Winter und Frühjahre konnte man Tag für Tag zwischen sechs und sieben Uhr Morgens ein etwa achtzehnjähriges schönes Mädchen in einem Trauerhute und dunklem Regenmantel, einen kaum noch schulpflichtigen Knaben an der Hand führend, den weiter! Weg von der Wallensteinstraße in der Brigittenau bis in die Malzgasse in der Leopoldstadt machen sehen, wo sie sich vor dem Thore, welches in den Tempel des Talmud-Thora-Vereines führt, mit einem Kuß von dem Kinde trennte, das in das Thor schlüpfte, während sie der Kälte oder Niederschläge trotzend, draußen wartete, bis es nach etwa einer Viertelstunde mit den wenigen Besuchern dieses Gotteshauses wieder herauskam, worauf beide denselben Weg, den sie gekommen zurück eilten. Es ist nicht schwer zu errathen, daß der Knabe täglich zur Verrichtung des Kadisch-Gebetes beim Morgengottesdienste in das nächstgelegene Gotteshaus geführt wurde und die ihn führte, feine Schwester war. Der Knabe sagte Kaddisch um beide Eltern, die innerhalb eines Monates nach einander starben.-und drei Kinder zurückließen: Das Mädchen und zwei Knaben, von denen der ältere, ein zehnjähriger, kränkelte und das Zimmer hüten mußte. Der Vater war ein armer Hausierer. Bertha hatte nun sür ihre zwei kleinen Brüder zu sorgen. Sie war eine tüchtige Kleidernäherin. Während der Lebzeiten ihrer Eltern arbeitete sie außer dem Hause; jetzt konnte sie selbstverständlich die Kinder nicht allein lassen. Aber die guten Beziehungen, die sie hatte und die Tugend der Wohlthätigkeit, die in Wien zuhause ist, verschafften ihr bald im Hause so viel Arbeit, daß sie sich mit den Kindern vor drückender Noth bewahren konnte. Fleißig mußte sie allerdings dabei sein, doch das Opfer an Zeit konnte sie nicht unterlassen, das kleinere Brüderchen täglich in das Gotteshaus zu führen, um den theuren Eltern Kaddisch nachzusagen, das sie ihm einstudiert hatte. Als das Mädchen mit dem Knaben eines Morgens des Frühjahrs aus dem Wege vom Tempel nach Hause waren, wurden sie von einem Schauerregen überrascht. Ein Windstoß zerb' ach ihren Schirm und sie war fassungslos, denn sie mußte nach Hause eilen, schon wegen des kranken Brüderchens, und die Kleider verderben, wenn man nicht mehr besitzt, als man an bat, ist eine Katastrophe. In diesem Augenblicke naht ihr ein Mann, der über sie und das Kind einen großen seidenen Schirm breitete, einer jener Zelt-Schirme, die man Familiendach zu nennen pflegt. „Erlauben Sie mein Fräulein. . . ein schauderhaftes Wetter!" Das Mädchen sah den Regenschirm bewundernd an; dann erst dessen Besitzer und bewunderte diesen nicht weniger. Der Retter war ein großer starker Mann von einigen und fünfzig Jahren, mit klaren Angen, aus denen warme Güte sprach. Die ganze Erscheinung hatte etwas Angenehmes. „Sie erlauben ... mein Fräulein ..." „Nicht doch .... ich danke Ihnen .... Sie sind wirklich zu liebenswürdig . . . ." „Ganz und gar nicht ... Ich bin von dieser Begegnung entzückt. Wochenlaüge beobachte ich Sie aus diesem Wege ... Ich wäre glücklich gewesen, Ihnen bereits früher meine Hochachtung ausdrücken zu ^können; aber Sie rennen in einer Weise, daß man mit meiner Figur davon abstehen muß, Ihnen zu folgen. Das Mädchen fand in der Verlegenheit keine Antwort und beschränkte sich deshalb auf ein Lächeln, was oft vielsagender ist, als die Frauen im Allgemeinen glauben. Der Mann mit dem Regenschirm setzte seine Rede fort: „Nehmen Sie, bitte, meinen Arm . . . fürchten Sie nichts, ich gehöre schon zur alten Garde, meine grauen Haare sind Ihnen gewiß nicht entgangen . . . Ich heiße Werner, Jakob Werner, man kennt mich auf der Börse, ich bin reich, sehr reich, Sie sind gut und fromm. . . das habe ich gern . . . inan könnte einig werden, tvenn man nur wollte. Was meinen Sie?" Das Mädchen wollte schon bestürzt ihren Arm zurückziehen. Aber gerade in diesem Augenblicke schickte die Vorsehung, deren Wege nnerforschlich sind, einen wahren Wolkenbruch vom Himmel herab, so daß es ein Wagniß gewesen wäre, ans dem Schutzkreis des Schirmes zu treten. Herr Werner nahm ohne Weiteres wieder ihren Arm. „So . . . bitte, machen Sie keinen Unsinn . . . Ich meinte, meine F rau könnten Sie werden. Ich bin noch Junggeselle. Hunderte Mal hätte ich schon heirathen können, schöne Mädchen, reiche Mädchen, könnte es auch jetzt noch trotz meines Alters, aber keine war mir religiös genug. Unsere modernen jüdischen Damen sind aus der Art geschlagen, die Tugend, die unsere Mütter zierte, ist ihnen fremd. Bei Ihnen habe ich diese Tagend wieder gefunden, und ich würde Sie wählen, wenn ich auch um fünfundzwanzig Jahre jünger wäre. Wenn Sie mein Alter nicht zurückschreckt, würden Sie mich glücklich machen." Das Mädchen erröthete. Dieser Antrag schien ihr verdächtig . . . aber — nein . . . ein so gesetzter Herr! Sie konnte kein Wort hervorbringen, und der alte Herr fuhr mit seinen Erklärungen fort: Man findet eine solche Partie, wie ich bin nicht alle Tage. Und was sind Sie, was treiben Sie . . . Mein Gott, Ihr blasses Gesichtchen verrathet das. . . Sie sind Näherin . . . An die Nähmaschine gekettet . . . Sie Aermste! Sie lassen sich von den Damen, die Sie beschäftigen, wie einen Dienstboten behandeln. O, ich. kenne das aus den Häusern meiner Bekanntschaft. So ein blödsinniges reiches Fräulein glaubt, Ihnen womöglich eine Gnade zu erweisen, wenn sie ihnen gestattet, sich sür sie brustkrank zu machen, und durch Nachtarbeit zu erblinden. Nein, das ist kein Leben, nein . . . noch dazu, wenn man jung uns schön ist und Ansprüche an das Leben haben kann." „Mein Herr!" „Ach was Herr! Nennen Sie mich Jakob oder Jaques, wenn Sie wollen!"