Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 23 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 426 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 426 scmitismus sich im Niedergange befindet, 2. die Partei durch politische Heuchelei wieder an Boden zu gewinnen sucht. Königsberg. Am Beginn des Sommersemesters vollzog sich an der Universität Königsberg der Rcctoratswechfel unter den hergebrachten Formalitäten. Nachdem bei dem Festgottesdienste in der Domkirche, dem der gesammte Lehrkörper, Curator und Senat der Universität beigewohnt, der Geistliche den Segen Gottes aus die Universität und den neuen Rector herabgcfleht wurden dem Letzteren in feierlichem Aetus in der Universitäts-Aula die Insignien der neuen Würde von seinem Amtsvorgäng r übergeben, worauf er seine Antrittsrede hielt. So auch diesmal, wie alljährlich. Aber was der diesjährigen Feier eine so außergewöhnliche, geradezu historische Bedeutung verliehen hat, das ist der Umstand, daß zum ersten Male seit dem 3'/r hundertjährigen Bestände der Universität ein Jude mit dieser Würde bekleidet worden: Geh. Medicinalrath Professor Dr Ludimar Hermann. Mit der Wahl und dem Eintritt eines Inden in das Rectorat ist die Gleichberechtigung des akademischen Lehramtes auch äußerlich besiegelt, und vor einigen Stunden waren wir Zeuge, wie Se. Majestät der Kaiser sich von dem jüdischen Rector an der Spitze des Professorencollegiums durch Händedruck verabschiedete. Gott schütze weiter! Königsberg, 21. Mai. Die Judenaustreibung in Rußland scheint nunmehr auch auf die Grenzdistricte ausgedehnt worden zu sein, denn gestern Abend trafen mit dem Zuge Judenfamilien von Eydtkuhnen auf dem hiesigen Ostbahnhos ein, welche, ausgewieseu, sich auf der Reise nach Amerika befanden. Die Berichte der Leute, welche Schindelfabrikanten und Dachdecker waren, lauteten geradezu haarsträubend. Sie alle waren verheiratet, hatten Familie und waren feit 12—15 Jahren in Rußland ansässig. Die Aus' weisungsordre traf sie gänzlich unvermuthet, da sie annahmen, daß die Austreibung nur aus den größeren Städten stattsände. Innerhalb 36 Stunden hatten sie unwiderruflich ihren Wohnort zu verlassen ohne Rücksichtnahme auf ihre Familien und Wirthschaften. Da die Bitten der Familien um Aufschub der Ausweisungsfrist rücksichtslos zurückgewiesen wurden, so mußten die Leute ihre Wirthschaftssachen thatsächlich verschenken, da sich mit dem Eintreffen der Ausweisungsordre auch die russischen Freunde, bei denen sie noch Geldforderungen von 100—400 Rubel haben, zurückzogen. Natürlich ist dieses Geld gleichfalls verloren. Große Berge fertig lagernder Schindeln, die einen Werth von mehreren tausend Rubeln darstellten, wurden über Nacht von den Russen angezündet und verbrannt. Kurzum, die Leute wurden mit einem Schlage bettelarm. Amsterdam, 4. Juni. Es hat sich hier jetzt auch eine Vereinigung gebildet, um den Juden, welche aus Rußland vertrieben sind und über Amsterdam nach Nordamerika befördert werden, hier ein gutes Unterkommen zu verschaffen und ihnen in jeder Hinsicht die erforderliche Unterstützung zu gewahren. Es ist bereits eine öffentliche Subscription eröffnet worden, und in dem ersten Zuge, der heute die große Reise nach der neuen Welt angetreten hat, konnten bereits für ungefähr 150 Gulden Kleider, Schuhe u. dgl. gespendet werden. Es sind aber noch mehrere und zahlreichere Züge in Aussicht und deshalb beabsichtigt man auch hier, wie in Charlottenburg eine ständige Einrichtung zu treffen, wo alle durchziehenden Juden nicht nur ein Unterkommen, sondern auch nach den Vorschriften der strengen mosaischen Lehre, welche die russischen Juden sehr genau beobachten, zubereitetes Effen bekommen können. Mom. Ein hochherziger Act wird im Zusammenhang mit der vor kurzem in Rom stattgehabten Pulverexplosion von der Königin Margherita berichtet. Unter den Verwundeten befand sich auch eine junge Jüdin, an deren Bette die Königin im Hospital stehen blieb, um sich theilnahmsvoll nach der Größe des Unglücks, das sie betroffen, zu erkundigen. Nr. 23 Als sie erfuhr, daß das Mädchen beide Füße verloren hatte, und weder Vater noch Mutter besitze, versprach Ihre Majestät, sie werde persönlich für die Zukunft der Unglücklichen sorgen.^ Nizza. Eudgiltige Schritte wurden unternommen, um Hierselbst ein Internationales Asyl für jüdische Invaliden zu errichten? Zu diesem Behufe gelang die Erwerbung der Villa Felice, die durch ihre Ausdehnung und ihre ausgezeichnete Lage für den in Aussicht genommenen Zweck vortrefflich geeignet ist. Mr. Manuel Castello, ein regelmäßiger Besucher Nizzas, widmete dieser Angelegenheit ein lebhaftes Interesse. Allem Anscheine nach dürften bis zum nächsten Winter bereits ein Dutzend Betten zur Verfügung stehen. Separate Räume werden für solche Kranke offen sein, die für ihre Unterbringung ein kleines Entgelt» zu zahlen in der Lage sind. Vor ungefähr drei Jahren spendete ein ungenannter Philantrop für das projectirte Institut die Summe von 100.000 Francs, zu denen er seitdem den ansehnlichen Betrag von 50.000 Francs hinzufügte. 'Maris. Präsident Carnot hat gelegentlich seines Aufenthaltes in Limoges dem Director der keramischen Staatsfabrik, M. B r a n d e i s, das Ossicierskreuz der Ehrenlegion verliehen. — M. Leon Philippe, Director für landwirthschaftliche Bewässerungsanlagen im Ackerbauministerium, wurde zum Gencral-Jnspector für Straßen- und Brückenbau ernannt. London, 8. Juni. In einem gestrigen Meeting der Anglo-Jewish-Association wurde beschlossen, Hcrmann Adler, den Bruder des Londoner Oberrabbiners, nach Berlin zu entsenden, behufs Berathungen über Maßregeln, durch welche der Strom der jüdischen Auswanderer von Rußland nach Amerika und anderen Ländern geleitet werde. London, 28. Mai. Einem vom Herrn Arnold White an die „Times" gerichteten Schreiben entnehmen wir folgende Stelle: „Es wird eine Schande für England sein, wenn das Geschrei des Antisemitismus sich in demselben erhebt. Wir haben diesen nicht nöthig und das Parlament wird wohl kein Gesetz erlassen, wodurch Hilfslose Fremde des Schutzes der Gesetze beraubt, der antisemitischen Agitation preisgegeben werden. Hilflose Fremde aller Glaubensbekenntnisse und ohne Glauben leiden unter uns keine Noth und über diesen Punkt wird sich keine Meinungsverschiedenheit erheben, so lange wir an den alten Traditionen Englands bezüglich der religiösen Duldung mit aller Macht festhaltcn." London. Am 4. Juni versammelten sich die Delegirten der vereinigten Synagoge in dem Rathssaale derselben behufs Wahl des Oberrabbiners. In Abwesenheit des Obmannes Lord Rothschild, übernahm der Vice - Präsident, Mr. Henry L u a s den Vorsitz. Nach einer Eröffnungsrede des Obmannes stellt Mr. B. L. Cohen den formellen Antrag, Reverend Dr. Hermann Adler zum Oberrabbiner der! vereinigten jüdischen Gemeinden des britischen Reiches zu ernennen. Nachdem mehrere Delegirte diesen Antrag unterstützt hatten, erfolgte die Wahl unter Acclamation. Die Jnstallirung des neuen Oberrabbiners wird am 23. Juni, 4 Uhr Nachmittags, in der großen Synagoge stattfinden. Ein vollständiges Orchester und Chor untter Leitung von Mr. Henry de Solla wird an dem Gottesdienste theilnehmen. Der Lord Mayor und dessen Gattin haben den Wunsch geäußert, bei der Installation zugegen zu sein. London. Ihre Majestät die Königin hat Mr. Julian Emanuel Solomons, L. C. Mitglied des gesetzgebenden Rathes von Neusüd-Wales und Mr. Gustav Nathan, Ihrer Majestät Generalconsul in Wien, in den Ritterstand erhoben. Aus Metersöurg, 2. Juni, wird telegraphisch gemeldet, der Großfürst Michael Niko laj ew it sch, der Oheim des Czaren, habe wegen seiner Bekämpfung der Judenhetze Hesterreichische Wochenschrift