Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 23 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 424 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 424 Hekerreichische Wochenschrift Nr. 23 dienst unserer Glaubensgenossen der einzelnen Person zuerkannt wird, während ein Fehler des einzelnen Juden allen seinen Glaubensgenossen zur Last gelegt wird. In weinseliger Laune hatten einige sunge Leute einen Straßenscandal verursacht, der zu einer eause eÄebre anfgebauscht wurde und zu einer bisher noch nicht beendigten Gerichtsverhandlung führte. Wir nehmen für unsere Glaubensgenossen das Recht in Anspruch, daß jeder nach seiner Ueberzeugung sich zu rer oder jener nationalen Partei zuneigt, und ist es nicht gerechtfertigt, wenn die Berichterstatter ans der Gerichtshalle auf das Glauvensbekenntniß der Zeugen aufmerksam machen, freilich nur dann, wenn derselbe zufällig Jude ist. Dieß geschah auch in dem Blatte, welches aus Parteihaß zuerst Miltheilung über diese Affaire brachte. Aber gerade weil ein jeder unserer Glaubensgenossen für unsere vollste Gleichberechtigung einzutreten und dieselbe zu wahren hat, sollte ein jeder derselben jedwede Provocation zu vermeiden suchen. Pardubitz, am 9. Juni. Gestern schwebte bier ein christlicher Knabe in der Gefahr des Ertrinkens, sein Vater sprang ihm nach und versuchte ihn retten, allein dadurch kam er selber in Lebensgefahr. Tie beiden Ertrinkenden schrieen um Hilfe. Als aber von den am Ufer stehenden Leuten, Christen, keiner wagte, rettend einzutreten, sprang ein wackerer junger Mann, Israelit, Namens Adolf Wohryzek, Produkten- Händler, Cohn einer hiesigen achtbaren Familie, trotz großer Gefahr, sich blos seines Rockes entledigend — denn zum weiteren Auskleiden war nicht mehr Zeit — in's Wasser und rettete nach hartem Kampf und großer Mühe die beiden schon Bewußtlosen. Stampfen, 8. Juni. (T e m p e l - E i n w e i h u n g.) Herr Sigmund G e i r i n g e r aus Wien ließ zum Andenken au seine verstorbenen Eltern die hiesige Synagoge vollständig renoviren. Tank seiner edelherzigen Freigebigkeit wurde ein so effectvolles Werk geschaffen, daß es zu den Sehenswürdigkeiten gezählt werden kann. Gestern fand die Einweihungsfeier dieses Gotteshauses statt. Bei dieser Gelegenheit legten sowohl Eomilatsbehörde, wie auch unsere christlichen Mitbürger einen Act wahrer echter Toleranz an den Tag, der dem brüderlichen, einträchtigen Zusammenleben der verschiedenen Confessionen der hiesigen Gesellschaft ein wahrhaft glänzendes Zeugniß ausstellt; zur Einweihungsfeier waren erschienen: Stuhlrichter Herr Paul B i n c s i k aus Preßburg in Vertretung der Comitatsbehörde, der Ortsvorstand , die Gemeinde-Repräsentanz, der Ortspfarrer, Hochwürden Ignatz Goud sammt dessen Cooperator L. Kopcsänyi; von dem Beamtenkörper der hiesigen Karoly'scheu Herrschaft: Hofrichter K r u p i c z e r , Rentmeister Macsai, Babics, Szikora. Tr. Heim sammt Gemalinnen; die Apotheker R a y m a n n und M a ch a l s k y; der Schulstuhl der Gemeinde- und katholischen Schulen sammt dem Lehrkörper dieser Anstalten; Ingenieur Goldner u. n. v. a. Herr Sigmund G e i r i n g e r wurde mittelst eines mit Blumen decorirten Wagens von der Station Theben-Neudorf abgeholt, bei seiner Ankunft in Stampfen vom Gesammt-Vorstande empfangen und um 11 Uhr Vormittags in festlichem Zuge in den Tempel geleitet. Beim Gemeindehause angelangt, wurde der Gemalin des Spenders, Frau Regine G e i r i n g e r vom Frl. Recha K o h n im Namen des Cultus-Vorstandes ein Bouquet überreicht, und die Thora- Rollen im Festschmucke unter Psalmgesängen vor die Pforte des Gotteshauses getragen, wo dem Spender nach Begrüßungsansprache des Cultus-Vorftehers Herrn Leopold K u g l e r, welcher dem Werke Zeit, Mühe und sein hohes Verständnis widmete, durch Frl. Jetti Weiß auf in Gold gesticktem Polster ein vergoldeter Schlüssel zum Oestuen der Tempelpforte überreicht wurde. Die Einweihungsfeicr selbst war höchst eindrucksvoll. Ein gut geschulter Chor celebrirte die Psalmen in erhebender Weise. Die Festpredigt hielt der greise Ober rabbi Ehrwürden Lasar Winter. Nach vollendetem Gottesdienste hielt der Vorsteher Herr Leopold Kugler die Dankrede an den Spender nnd die zahlreichen Anwesenden, die ihre Namen in das im Vestibüle des Gotteshauses aufgelegte Gedenkbuch eintrugen. Als erster zeichnete seinen Namen ein der hochwürdige katholische Ortspfarrer, sodann der Stuhlrichter aus Preßburg und alle anderen Notabilitäten. Unmittelbar hierauf fand die erste Trauung im Gottcshause statt. Noch muß ich die Namen der Handwerker, die in wahrhaft künstlerischer Weise ihre Aufgabe vollendeten, anführen. Es sind: Maler K o m n i k, Vergolder K. G o l l a, Anstreicher Petri, Steinmetz F. Teigler ans Preßburg, Tischler Earl Binder aus Stampfen. Candelaber und Wandleuchter lieferte die Wiener Firma Metzer & Neuh ard t, den schönen aus bordeauxrothem Sammt verfertigten, mit reicher Goldstickerei versehenen Vorhang zur heiligen Lade sammt einem gleichen Mantel für die Thora-Rolle, welches Alles von Herrn Sigmund G e i r i n g e r gespendet wurde, die Wiener Firma Klier L Rumpf. Erwähnenswerch ist die Thatsache, daß, als Herr Sigmund G e i r i n g e r sich bei dem Ortspfarrer für seine Antheilnahme an der Feierlichkeit bedankte, der humane Geistliche die Antwort gab: „Da ist nichts zu danken, ich gehöre überall hin, wo der Name Gottes angerufen wird." ßonstantinopel, 4. Juni. An die geehrte Redaction der „Oesterr. Wochenschrift" in Wien! Der Vorstand des „Israel. Bruder-Vereins zu Constantinopel" sieht sich nothgedrungen e'nen Warnungsrufergehen zu lassen, um unsere armen Glaubensgenossen, die von hier aus weiter fortgeschafft zu werden glauben, vor Enttäuschung zu verwahren. Die Herzlosigkeit, mit der jetzt .die Judenausweisung in Rußland betrieben wird, spottet — wie I wir täglich von Betroffenen vernehmen — jeder Beschreibung. Auch der Jude, welcher dort dem mittlerem Stande angehörte, wird durch diese Maßregel buchstäblich zum Bettlergemacht, und wenn er sich schon bis zu irgend einer Hafenstadt durchschlagen kann, dann langt er da vollends mittellos an-. Constantinopel ist zunächst die Haltestelle für diese Unglücklichen, deren Ziel Palästina ist, und während in früheren Jahren bei der Emigration unsere Gemeinde vom Auslande unterstützt tvnrde, um den Auswanderern zum Weiterkommen zu verhelfen, fehlt jetzt selbst jede Anregung hierzu. Daß es mit unserem Gemeinde- und Vereinswesen pekuniär sehr schlimm bestellt ist, geht schon daraus hervor, daß unsere kleine Colonie von jeher auf sich selbst angewiesen, nur sehr wenige Mitglieder unter sich zählt, die den Kampf um das alltägliche Brod nicht zu führen haben. Soweit jedoch es irgend welche Möglichkeit vorhanden war, ist den Unglücklichen, selbst unter Hinansetzung der eigenen Interessen, beigestanden worden, allein unsere Casse ist jetzt so sehr ge^ schwächt worden, daß bis lange hinaus jede Hoffnung auf Besserung geschwunden ist. Und wie oftmals hatten wir nicht durch diese Verhältnisse bitter zu leiden! Folgender Fall ist nur ein blasser Schimmer hievon: Da kamen vier aus Rußland ausgewiesene Familien, bestehend ans 18 Seelen, deren Hab nnd Gut jeder in einem Bündlein trug und lagerten sich vor der Thüre unseres Bethauses. Die nöthigen Reisespesen waren nicht zur Hand, um diese Familien mit dem nächsten Dampfer nach Jaffa zu befördern und so mußte ihnen mittlerweile Unterkunft verschafft werden. Nach 6 Wochen der größten Anstrengung erst konnten wir diesen Armen die Weiterreise ermöglichen, aber da hatten wir schon ebensoviel für Kost und Quartier zu zahlen, als die Reisespesen ausmachten. Da aber jetzt unsere letzten Mittel erschöpft sind, warnen wir alle diejenigen Ausgewiesenen oder Auswanderer, deren Blick nach Zion gerichtet ist, sich nicht eher auf den Weg zu machen, bis sie nicht die erforderliche Reisespesen haben werden, denn in Constantinopel kann ihnen bei dem Stand der Dinge absolut keine Hilfe zu Theil werden. Wir bitten schließlich alle jüdische Zeitungen zur Verbreitung dieser Warnung beizntragen, es werden hierdurch so Manchem bittere Erfahrungen erspart bleiben. Für den Vorstand des „Israel. Bruder-Verein's"! Jacques Aachtigal. W. Hacker.