Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 23 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 422 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seuc 422 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 23 Hieraus wird der Beschädigte, Simon Färber vernommen: j „Es ist Vieles nicht so, wie es in der Anklage steht," sagte er. „Ich j habe ihn nicht aus der Bank herausgezogen, er ist selbst herausgekommen,? um mich bei der Brust zu packen. Bei der Balgerei habe ich ihn aus-; gesordert, er soll das Messer sallen lassen, was er auch hätte thun! können, denn ich hatte nur sein Handgelenk erfaßt. Er hat sich! aber losgerisscn, die Hand dann erhoben und absichtlich aus mich gestoßen." Präsident: Sie sprechen heute viel schärfer wie beim ersten Richter, Sie dürfen nicht übertreiben. Alle Zeugen sagen, daß er nicht die Absicht hatte. Zeuge: Ich übertreibe nicht. Seine Zeugen hatten schon früher erklärt, sie werden ihren K ameraden nicht einsperrenlassen. Er hat mich gebeten, ich soll nichts sagen, ich Hab' es auch nicht gethan. Der Angeklagte E d e l m ü l l e r sagt, er habe cs nicht gern gemacht. Den beschimpfenden Ausdruck gibt er nicht zu. Befragt, wie die Verletzung entstanden sei, antwortete er: Das weiß ich nicht. Präsident: So, da schweigen Sie, wo es sich um das Wichtigste handelt? Sie scheinen überhaupt ein Krakehler zu sein. Angekl.: Es ist gar nicht wahr, daß ich ihn um Verzeihung gebeten; ich habe zu ihm gar nichts gesagt, nur dem Oberlehrer habe ich mitgetheilt, daß ich es gethan habe. — Der Vater des Beschädigten gibt bekannt, daß Professor Fuchs vor wenigen Tagen gesagt hat, das Auge sei nicht mehr zu retten, es müsse herausgenommen werden, um wenigstens das zweite zu erhalten. Der Gerichtshof hob das erstrichterliche Urtheil aus und wies die Angelegenheit zur neuerlichen Verhandlung an das Bezirksgericht. Zur Erhärtung der neuen Angaben müssen weitere Zeugen vorgeladen werden, man müsse sich über die Persönlichkeit des Geklagten bester informiren; auch seien die Lehrer der Anstalt zu vernehmen und schließlich müsse noch erwogen werden, ob nicht dieses Delikt vor ein ganz anderes Forum gehöre. Wien. (Der antisemitische W u ch e r v e r e i n.) Der allg. Beamtenverein der österr.-ung. Monarchie wurde in den jüngsten Debatten des österr. Rcichsrathes von den Herren Dr. Lueger und Tr. G e st m an n als ein „Wucherverein" gebrandmarkt. Tie beiden genannten antisemitischen Abgeordneten schilderten das ausbeuterische wucherische Treiben des genannten Vereines in nicht eben erbaulicher Art und es ist bemerkenswerth, daß von Seilen keiner Partei eine Vertheidigung dieses Vereines versucht worden. Dafür aber läßt dieser Verein durch sein Organ die „Beamtenzeitung" ein wenig aus die Juden schimpfen, was lvohl als ein Mittel angesehen werden soll, das wucherische Treiben nach Außen hin zu verdecken. In der letzten Nummer der „Deamtenztg." vom 30. Mai findet sich nachstehende Auslassung, die wir vollinhaltlich zur Kenntnis; unserer Leser bringen! „Ter H ausarzt — Unwissenheit und Aberglauben in Galizien. Ein Vereinsarzt des Beamtenvereines in Galizien, um ein hausärztliches Zeugnis; angegangen, schreibt der Centralleitung wörtlich Folgendes: „Bevor ich auf die eigentliche Frage komme, sei mir eine Bemerkung gestattet. Man darf nicht vergessen, daß die Juden in Galizien einen bedeutenden Theil der Bevölkerung bilden und dadurch sogar aus die Sitten der übrigen Mitbürger einen Einfluß ausüben. Bei dem Juden culminirt Alles in dem Worte „Geschäft". Von diesem Standpunkte betrachtet er auch Uden Arzt. Darum ist das Wort „Hausarzt" für ihn unbegreiflich, es ist für ihn sogar ein Unsinn. Wenn ein Jude erkrankt, so ruft man einen Arzt, dieser verschreibt eine Medicin; man zahlt ihm ein Honorar — oder man zahlt es ihm nicht, und zwei Stunden später ruft man wieder einen anderen Arzt, welcher natürlich etwas Anderes verschreibt, und so geht die Geschichte weiter fort. In sehr schweren Krankheitsfällen werden die Vornamen aller hierortigen Aerzte auf Zettel geschrieben, und solche Zettel werden an das Grab eines vor Jahren „berühmten" Rabbiners gebracht. Nun wird gezogen, welchen Arzt der große Verstorbene zu rufen erlaubt! Dies Alles wirkt in hohem Maße auf gewisse Classen und sogar auf viele Individuen aller Elasten der übrigen Bevölkerung. Es gibt daher verhältnißmäßig sehr wenige Familien, welche einen Hausarzt zu schätzen kennen gelernt haben. Man darf also das Wort „Hausarzt" in Galizien nur mit einigem Vorbehalte annehmen." Wir sind der bescheidenen Meinung, daß die „Beamtenzeilung" besser thäte, die galizischen Juden in Ruhe zu lassen und dafür trachten sollte, die im österreichischen Reichsrathe gegen den Beamtenverein erhobenen Anklagen nach Möglichkeit zu entkräften. Wien. (Die Drechsler und der Antisemitismus.) Gestern Vormittags fand in Mandl's Weinschank in Hernals eine sehr zahlreich besuchte Versammlung der Drechslergehilfen statt, in welcher es zwischen den Gehilfen und den anwesenden Vertretern der Meister zu einer Auseinandersetzung über den Antisemitismus kam. Der Gehilfenobmann Jacob Reumann hielt den Meistern vor, daß sie die Gehilfen der Sympathien für das Großcapital beschuldigen, selbst aber seien sie anläßlich der Gründung der Rohwaarenhalle zu Großcapitalisten und obenein noch zu Juden, die sie sonst am liebsten „fressen" möchten, bitten gegangen. Wenn man die Versammlungen der Meister besuche, erhalte man ein eigenthümliches Bild von der politischen Reife der Kleingewerbetreibenden. (Rufe: „Liechtensteiner!") Meister König erwiderte hierauf, daß man es schon satt habe, Juden zu fressen, und mit Unrecht sage man den Meistern nach, daß sie mit den Pfaffen liebäugeln. Gehilfe Hueber entgegnete, die Meister hätten bei der letzten Reichsrathswahl ihre Sympathien für die Pfaffen deutlich bewiesen. (Beifall.) Er habe ihnen wiederholt dargelegt, daß ihnen die Feudalen viel mehr schaden, als die Juden; sie wollten aber die Juden verdrängen, um ohne Concurrenz ihre christlichen Brüder aussaugen zu können. (Lebhafter Beifall.) Die Gehilfen träten stets für die wahren Interessen des Gewerbes ein, aber auch für die der Freiheit und Humanität. Herr Nowotny, Vertreter der Meister, sagte, er habe allerdings antisemitisch gestimmt, aber das sei bei der Gemeinderathswahl gewesen; bei den Reichsrathswahlen sei er nicht so dumm, seinen Stimmzettel zu zeigen. (Gelächter.) Uebrigens sei es natürlich, daß er sich dorthin wende, wo eben die Majorität sei, denn er allein könne doch keinen Sommer machen. (Stürmisches Gelächter.) Reumann entgegnete hierauf unter Beifall und Gelächter, daß dieser Ausspruch eine eigenthümliche politische Reife und eine curiose Auffassung von der Bethätignng der Ueberzeugung durch den Gebrauch des Wahlrechts bekunde. Gehilfe Windisch verwies die Meister darauf, daß die Leute, denen sie zujubeln, ihnen wohl goldene Berge versprechen, aber weder etwas für sie thun können, , noch thun wollen. Gehilfe Schrammel erklärt, die Gehilfen 1 könnten nicht mit den Meistern gehen, weil diese Antisemiten; sind, und die Gehilfen sich dazu nicht hergeben wollten. Die i Wteister würden einst noch froh sein, daß die Gehilfen klüger j waren als sie, und ihre Kräfte nicht in einem thörichten! Kampfe zersplitterten. (Beifall.) Nach einer längeren Debatte j über das Benehmen der Meister gegen die Vertreter der i Gehilfen in der letzten Meisterversammlung bemerkte Hueber, daß sich die Meister aus den Antisemiten-Versammlungen | einen Ton ungeeignet haben, der ben Verkehr mit ihnen höchst unerquicklich mache. Er beantrage daher, in Zuknnft in die Meisterversammlungen keine Delegirten mehr^zu entsenden. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Die Versammlung schloß mit einer stürmischen Kundgebung für den in seiner Eigenschaft als Genoffenschafts-Commissär und als Vertreter der Gewerbe-Behörde anwesenden Dr. Ferdinand Kronawetter, auf welchen die anwesenden Gehilfen Hochrufe ausbrachten. Wie«, 8. Juni. (Todesfall.) Der Chefredakteur des „Neuen Wiener Tagblatt", Herr Moriz Wen graf, ein Mann von großen Talenten und ausgezeichneten Charactereigenschaften, ist am 7. d. M. nach längerem Leiden im 61. Lebensjahre gestorben. Mit ihm ist eine der hervorragendsten