Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 23 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 421 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 421 standes gewesen, und bittet die Versammlung, zur Ehrung seines Andenkens sich von den Sitzen zu erheben. (Geschieht.) Zu Punkt 1 der Tagesordnung, Verlesung des Berichtes über die Thätigkeit des Vereines im Jahre 1890, beantragt Herr Dr. Bloch, mit Rücksicht daraus, daß der Rechenschaftsbericht ohnehin jedem Mitgliede ins Haus geschickt und daher Jeder von dem Inhalte desselben Kenntnis; habe, daß von der Verlesung abgesehen werde. Nach Genehmigung des Rechenschaftsberichtes beantragt Herr Abgeordneter Dr. Bloch, den bisherigen Vorstand, der durch sein ersprießliches Wirken sich um den Verein große Verdienste erworben, mit Acclamation wiederzuwählen. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Es ergreift hierauf das Wort Herr Wilhelm Freyberg. Er berührt die russische Judenfrage und richtet an den Vorstand der Allianz die Frage, welche Vorkehrungen er angesichts der großen Auswanderung unserer armen russischen Glaubensbrüder getroffen und was die Wiener Allianz überhaupt zu thun gedenke? Der Director des Blindeninstitutes, Herr Heller empfiehlt die galizischen Zöglinge dieses Institutes der Unterstützung der Allianz. Er hebt das wohlthätige Wirken dieses Institutes hervor, welches sein Hauptaugenmerk auf Galizien gerichtet und die Erziehung seiner Zöglinge zu tüchtigen Handwerkern anstrebt. Herr Baurath Wilh. Stiaßny glaubt dem Vorstande im Namen der Versammlung den Dank für seine Thätigkeit, welche im Jahresberichte zum Ausdruck gelangt, abstatten zu dürfen. (Zustimmung.) Der Vorstand habe sich ein großes Verdienst durch die Cooptirung des Baurathes Tausky erworben. Dieser habe ein warmes Herz und eine ostene Hand für seine bedrückten Glaubensbrüder. Hof- und Gerichtsadvocat Herr Dr. Markus Spitzer beantragt, dem gewesenen Secretär der Allianz, Herrn Dr. Friedländer, für seine ersprießliche Wirksamkeit und die vielen Verdienste, die sich selber um die Allianz erworben, den Dank der Generalversammlung anszusprechen. Redner freut sich Herrn Tausky, den er Hochschatze, im Vorstande der Allianz zu sehen, kann aber nicht umhin das seit einigen Jahren beliebte System der Cooptirungen zum Theile unmittelbar vor der Generalversammlung, als Jurist zu bemängeln. Es heißt das der Generalversammlung ihre wichtigsten Attribute und Aufgaben nehmen. Herr Dr. Spitzer kam auch auf die russische Judenverfolgung und das großartige, auf dem Gebiete derJWohlthätigkeit unvergleichliche Wohlthätigkeitswerk des Baron Hirsch zu sprechen und bittet, die Allianz möge ihre Aufmerksamkeit den armen russischen Juden zuwenden, aber auch die jüdische Literatur, welche uns Juden bis jetzt erhalten, nach Kräften unterstützen. Herr Rabbiner Reich aus Baden findet es auffallend, daß, während in dem schwach mit Juden bevölkerten Frankreich die Pariser Allianz israelite 36.000 Mitglieder hat, bei uns in Oesterreich, trotz der zahlreichen jüdischen Bevölkerung, die Wiener Allianz nur 3690 Mitglieder zählt. Er meint, daß dieser Jndifferentismus vielleicht darin seinen Grund habe, daß die Thätigkeit der Allianz sich hauptsächlich nach einem Punkte richte, der nicht so populär, nämlich dem der E r z i e h u n g. Seit dem Jahre 1882 ist das Recht der Juden erschüttert durch die antisemitische Bewegung. Jetzt habe dieselbe durch die Judenverfolgung in Rußland und Korfu, wodurch tausende von Flüchtlingen die russischen Grenzen überschreiten, noch eine ernstere Wendung genommen. Er bitte daher den Vorstand der Allianz seine Hauptkraft dazu zu verwenden, um diesen armen unglücklicheil Flüchtlingen hilfreich beizustehen. Hieraus replicirte der Präsident, Herr David Ritter v. Gutmann, daß der Vorstand sich genau und eingehend mit der russischen Judenfrage beschäftige. Er sei immerfort in Fühlung mit den verschiedenen Hilfscornitss. Die Krankheit liege in Rußland selbst. Man kann nicht hinein und Rußland läßt die Juden nicht hinaus, sondern pfercht sie in gewissen Bezirken zusammen. Nicht einmal briefliche Berichte getrauen sich die dortigen jüdischen Einwohner zu senden und vertrösten auf mündlichen Bericht. Ueberdies wisse man noch nicht, wie sich unsere österreichischen Behörden zu der russischen Auswanderung verhalten. Der Vorstand werde sich baldigst diesbezüglich competenten Ortes Sicherheit verschaffen und mit den österreichischen Behörden in's Einvernehmen setzen. Durch die Baron Hirsch Stiftung für Galizien, welche ihr Hauptaugenmerk der Erziehung zuwendet, ist jetzt eine große Wendung in der Geschichte der Allianz eingetreten. Ihr Hauptaugenmerk wird es jetzt sein, ihrer ursprünglichen und eigentlichen Mission gerecht zu werden, nämlich überall wo Juden an Unterdrückung und Verfolgung leiden, die Gebote der Nächstenliebe und der Meitschlichkeit zur Geltung zu bringen. So werde die Allianz auch bezüglich unserer unglücklichen russischen Glaubensbrüder leisten, was in ihren Krästen stehe. Nachdem noch der Präsident dem Herrn Director Heller die Unterstützung des Blinden - Institutes, dessen segensreiches Wirken jeder anerkennen müsse, versprach und dem Rabbiner Reich aus Baden für die Werbung der zahlreichen Mitglieder der Allianz in Baden bei Wien seine Anerkennung ausgesprochen, wurde die Sitzung aufgehoben. II. L—r. Mien. (Der junge Antisemit.) Man erinnert sich an den Vorfall, der seinerzeit so großes Auffehen erregte: Am 22. Februar empfing in der Währinger (Gewerbeschule der Schusterlehrling Heinrich Edelmüller den eintrctenden Schulkameraden Simon Färber, einen Maschinenschlosserlehrling, mit den Worten: „Ta kommt schon wieder ein jüdischer Fallot." Färber schlug daraus den Beleidiger auf den Kopf und es entstand eine Balgerei. Fm Laufe derselben stach ihm Edelmüller mit einem Messer das Auge aus. Bei der Verhandlung» vor dem Währinger Bezirksgerichte wurde Edelmüller freigesprochen; die vorliegenden Aussagen gestatteten nämlich die Annahme, daß das Unglück durch Zufall geschehen sei. Gegen dieses Urtheil erhob der staatsanwaltliche Functionär die Berufung, welche gestern vor dem Appellgerichte der Staatsanwalts-Substitut Böller vertrat. Es wurden zwei neue Zeugen vernommen. Der Schneiderlehrling Max Trakatsch gibt an: „Edelmüller hat mir den Vorfall zwei Tage später so erzählt: Ich Hab' mir das Kopfstück nicht gefallen lafien und ihm mit dem Messer ins Auge geh aut. Wenn ich dies nicht gethan hätte, so hätte die ganze Schule gesagt, ich habe mich von einem Juden schlagen lassen." Der Schneiderlehrjunge Wilhelm Klein erzählt: „Der Edelmüller hat uns Juden gar keine Ruhe gegeben, darum habe ich mich aus der Schule streichen lassen. Edelmüller hatte mir zu Weihnachten Ohrfeigen gegeben, ohne jede Veranlassung, so daß ich zwei Tag nicht arbeiten konnte. Er hat auch einmal zu seinen Kameraden gesagt, er werde mich kalt machen. Er hat nur Juden mißhandelt. Andersgläubige niemals. Mein Vater hat mir gesagt, ich soll keine Anzeige machen, damit ich keine Laufereien habe.