Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 23 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 416 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 416 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 23 „Man hat so viel darüber gehört," fuhr ich fort, „daß! die Juden in Mittelasien äußerst bedrückt waren. Am schlimmsten soll es in Bochara gewesen sein. Hier war es wohl nie so arg wie dort?" „Nun," meinte Mosche, „in früheren Zeiten nicht; jedoch in den letzten Jahrzehnten arg genug, daß Einem schon beim Hören von den verübten Greueln und noch jetzt, wo diese schlimmen Zeiten langst entschwunden scheinen, das Herz erzittert. Was hatten wir nicht Alles zu erdulden, da war der Tod oft eine wahre Erlösung! Eine Synagoge dursten wir nicht öffentlich halten und so besaßen wir im Geheimen ein kleines Bethaus. Würden die Mohamedaner davon gewußt haben, sie hätten uns sicher Alle abgeschlachtet. Wir mußten uns ferner schon in unserer Kleidung von den Anderen unterscheiden. An Stelle des Gürtels dulften wir nur einen,Hanfstrick tragen und unseren Kopf bedeckte als Erkennungszeichen ein hoher spitziger Filzhut, der die „Rechtgläubigen" schon von ferne vor der Berührung mit uns warnen sollte. Es mar den Mohamedanern streng untersagt, einen Juden zu grüßen, uns aber noch strenger anbefohlen, jedem Gläubigen in weitem Bogen aus dem Weg zu weichen, wofern wir nicht geprügelt, ja sogar erschlagen werden wollten. Mußten wir einmal ans irgend einem wichtigen Grunde einen Mohamedaner besuchen, so durften wir uns nur an der Schwelle seines Hauses zeigen und von hier aus unser Anliegen Vorbringen. Wenn aber umgekehrt ein Rechtgläubiger einen Juden besuchte, so mußte der Letztere sammt seiner Familie aus der Wohnung, diese dem „Gast" überlassen, sich selbst vor die Thür stellen und da so lange bleiben, als es dem Gast drin zu verweilen beliebte, wo derselbe sich oft — trotz des Abscheus gegen die Juden — an vorhandenen Speisen gütlich that und auch die Sachen, die ihm gefielen, zu sich steckte". . . . „Und dies," siel ein alter Mann ein, den ich wegen seines durchgeistigten Gesichtsausdruckes schon gleich von Anfang an mit Sympathie betrachtet hatte, „dies Alles ist noch nicht das Schlimmste. Was wir hier zu leiden gehabt, bis noch vor wenigen Jahren, das ist unmenschlich, und die Zunge, die Alles erzählen wollte, würde erstarren und der Hörer müßte sich selbst einen Dolch ins Herz stoßen aus Qual über das Vernommene. . . Wer das nicht erlebt, mit seinem eigenen Blut bezahlt, an seinem eigeneil Leib erprobt hat, der kann es nicht begreifen . . . Wir dursten nicht Pferd, nicht Esel besteigen, wir mußten wie Verbrecher heimlich zu Fuß schleichen, in jedem Winkel den Tod fürchten. Ich hatte einen Bruder, der war krank zum Sterben und wir wollten ihn zu einem Heilkünstler bringen, da kein solcher zu uns kommen wollte. Im Dunkel der Nacht — und Nachts ist es still bei uns, auch heute noch — legten wir ihn in eine bequeme Sänfte, welche zwischen zwei Eseln gespannt war. Ter Versuch glückte anfangs. Ja sogar der Arzt, ein Mohamedaner natürlich, war gegen kostbare Geschenke menschenfreundlich genug, den Bruder anzuschauen, ohne uns verrathen zu wollen. Nun wurde der Rückzug angetreten. Fast waren wir schon glücklich in unserer Straße, bei unserem Haus angelangt, da kamen zwei fanatische Beamte des Emirs daher. Kaum erkannten die uns, da machten sie Lärm, von allen Seiten stürzten ausgebrachte Leute heran und mißhandelten uns in der empörendsten Weise. Den todkranken Mann rissen sie aus der Sänfte, schleuderten ihn zu Boden, schleppten die Esel über ihn und stampften so lange mit den Füßen auf ihm herum, bis er entseelt dalag. . . . Der Verachtung, dem Haffe und Spotte waren wir freigegeben und hatten nicht einmal das Recht zur Klage, nicht einmal das Recht zur Vertheidigung Wer sich zu beschweren wagte, ward in Acht und Bann gethan, sein Hab und Gut war vogelfrei, seine Frau und seine Töchter wurden geschändet, seine Söhne zu Tode gemartert . . . Außer den gewöhnlichen Abgaben entrichteten wir noch eine riesige Ertrasteuer, die alle unsere Kräfte aufrieb, und bei der Ueberreichnng dies " Steuer an den Vertreter des Emirs erhielt der Gemeindevorstand als Zeichen unser«' Unterthänigkeit zwei Schlage ins Gesicht. Die entsetzlichsten Hetzen waren an der Tagesordnung. Wenn der Emir oder einer seiner Beamten Geld brauchte, wurde einfach die Ermordung einer größeren oder kleineren Zahl Juden angezettelt und deren Eigenthnm geplündert . . „Konnten denn da dr's Juden nicht auswandern?" „Das war es ja! Auswandern durfte man trotz alledem nicht. Wenn Jemand Lust dazu hatte und sie verrieth, ward er mit Fortnahme alt' seines Eigenthums oder mit Tod bestraft... So war denn die Eroberung Samarkands durch die Russen für uns ein wahres Glück, die Erlösung aus namenlosem Leid, welches mit dem Einzug der Moskowiter sein Ende erreichte." „Es ist sonderbar," unterbrach ich ihn, „und ich habe diese Wahrnehmung oft gemacht, daß jene selben Russen, welche für ihre europäischen Unterthanen mosaischen Glaubens nicht genug harte Maßregeln zu finden wissen, sich gegen ihre asiatischen Juden in humanster Weise benehmen." „Ich weiß nicht, wie es die Juden in Rußland, nämlich im europäischen Rußland haben," sagte einer der Anwesenden, „aber wir haben es unter den Russen ganz gut und sind zufrieden und unseres Lebens sicher Uebrigens gebot und gebietet den Moskowitern dies schon die Klugheit. Sie haben uns dadurch zu Verbündeten, was hier viel bedeuten will, wo die früher wilden, zügellosen Bolkselemente, die weder Recht noch Gesetz kannten, nur schwer zu bändigen waren. Als General Kauffmann nach Samarkand kam. waren wir die Ersten, die ihm entgegeneilten, denn er kaut ja als unser Erlöser. Gleich nach seinem Einzug hob er alle unsere Bedrückungen aus. Wir bürfeii nun Gürtel und Lammsellmützen, ja sogar Turbane, wie die anderen Einwohnerträgen, wir haben gleiche Rechte und gleiche Pflichten, wie diese, wir betheiligeu uns frei an Handel und Gewerbe, liefern tüchtige Handwerker aus unserer Mitte, haben öffent. lichen Gottesdiest und eine staatliche Synagoge. Eine neue, gute, segensreiche Zeit scheint anzubrechen. Möge der Schein nicht trügen." Es war unter all' diesen Gesprächen schon sehr spät geworden und ich verabschiedete mich denn bald von meinem Wirth und den anderen Anwesenden, nachdem ich noch am anderen Morgen in der Synagoge zu erscheinen versprochen hatte. Das that ich auch. Das Haus war neu, sehr hübsch und geräumig, wenn auch nicht zu groß. Der Chor bestand aus einigen Sängern mit wohltönenden Stimmen und gefiel mir ganz gut. Ich sah in der Synagoge verschiedene Gebetbücher, welche theils ans Wilna und Warschau, theils aus Wien und London über Indien und Rußland dorthin gelangt waren. Ferner zeigte mir Reb Mosche einige Andenken, die sich auf Jerusalem beziehen und von dort stammen sollen; besonders interessant waren verschiedene, sehr klein, aber äußerst rein und deutlich geschriebene Documente. Die Synagoge war von Besuchern dicht gefüllt. Die Juden in Samarkand sinv in religiöser Beziehung sehr streng, beobachten alle Gesetze und Regeln. Nach dem Gottesdienst drängten sich viele an mich heran, um den „Jwri" aus dem Abendland anzustarren. Die Trachten der Samarkander Juden, speciell der Männer, sind von denen der Mohamedaner nicht viel verschieden. Schwerfällige, bis an die Knöchel herabfallende Chalate aus einfachem Baumwollstoff, Alatscha oder Tuch. Lammsellmützen oder Turbane, Pantoffeln und Sandalen aus Kameelhaut oder spitze rothe oder gelbe Stiefel mit hohen Absätzen, das sind die wichtigsten Bekleidungsstücke. Man erkennt die jüdischen Männer äußerlich an ihren, oft bis zum Kinn reichenden Haarlöckchen. Sie sind meist von mittlerer Figur, sehr schmächtig und blaß. Ihr Gesicht hat die auch