Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 23 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 415 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Hesterreichische Wochenschrift Seite 415 gigantische Berge und kein Ocean eröffnete zu ihm eine Verbindungsstraße. ... Da standen mit einem Male — es war im Mai 1868 — unerwartet, ungeahnt russische Soldaten vor der» Thoren der Stadt und — ehe es sich die Samarkander versahen — in den Mauern derselben, als ihre Herren.... Trotz des starken Fremdenzuges. der sich seither nach Samarkand ergießt, ersreute sich die Stadt zur Zeit meines Aufenthaltes noch keines anständigen Hotels. Es bestanden allerdings einige kleine Gasthäuser, die erstens aber besetzt nnd zweitens so schmutzig waren, daß ich mich, trotzdem man im Orient nicht an holländische Reinlichkeit gewöhnt wird, nur im schlimmsten Fall hineingewagt hätte. Ich war deshalb sehr sroh, als ich einen alten Mann kennen lernte, der mir bereitwillig Gastfreundschaft anbot. Dieser Mann, der sich russisch Pawel Awromtschik nannte, hat ein so reiches, an seltsamsten Abenteuern überreiches Leben gehabt, daß sich darüber ein ganzes Buch schreiben läßt. Er wurde als jüdisches Kind in Nischny-Nowgorod an der Wolga geboren. Im vierzehnten Lebensjahre verlor er seine Eltern und seine acht Geschwister, die an einem Passah- Abend bei einem Ueberfall durch betrunkene, fanatische Burlaken umkainen. Ein Pope nahin ihn, der nur wie durch ein Wunder gerettet ward, zu sich, erwarb sich ein Verdienst um die heilige Kirche, indem er den Judenjuugen taufte und verschenkte ihn dann an einen Offizier in Orenburg. Bei diesem lernte Pawel Allerlei, bis sein Herr, der äußerst gütig gegen ihn gewesen, nach Eentralasien gesandt ward. Pawel begleitete ihn, ward aber bei einem Streifzug von räuberischen Kirghisen gefangen uub kam nach wunderbaren Abenteuern, die mit unsäglichen Leiden verbunden waren, oft aber auch ihre lustige Seite hatten, als Sklave nach Samarkand, von wo er beim Herauuaheu des Generals Kauffmann, des Eroberers von Samarkand, zu den Russen flüchtete.... Er hatte bei all diesen Erlebnissen oft den Glauben wechseln müssen. Er war anfangs Jude, wurde dann griechisch-katholisch, dann mohamedanisch, schließlich wieder griechisch. Durch seinen langen Aufenthalt in Samarkand war Pawel Awromtschik dort sehr bewandert und wußte die interessantesten Winkel und Plätzchen, so daß ich mir keinen besseren Führer hätte wünschen können. Auch konnte ich mich mit ihm, da er russisch sprach, besser als mit den eigentlichen Samarkandern, die meist nur ein primitives Türkisch oder Persisch sprechen, verständigen. Schließlich war es mir auch sehr willkommen, daß er Alles „aus Freundschaft" that und keine Bezahlung verlangte; denn meine Casse war eine äußerst magere. Er war so liebenswürdig, weil er für seine ehemaligen Glaubensgenossen noch stets Sympathie hegt. Beim Abschied erhielt er indeß von mir einige hübsche Geschenke in Silber, sowie europäische Gegenstände zum Andenken, worauf er mir auch einige Souvenirs, darunter ein paar reizende Tischdeckchen, gab. Diesem Pawel Awromtschik verdanke ich eines meiner interessantesten Erlebnisse in Samarkand. Eines Tages fragte ich nämlich meinen guten Alten über die Samarkander Juden aus. „Herr Wohlthäter," erwiderte er — eine gebräuchliche Höflichkeitsformel wie etwa das Wiener „Herr von" — „Herr Wohlthäter, machen wir mal meinem Freunde Reb Mosche einen Besuch. Bei ihm können Sie sich am besten über die frühere Geschichte der Samarkander Juden und über ihr jetziges Leben und Treiben unterrichten lassen. Ich kenne ihn gut, er ist ein ganz prächtiger, sehr bescheidener und ein für Asien gebildeter Mensch. Es wird ihm sicherlich ein großes Vergnügen bereiten, Sie — einen Gast aus dem Westen, der noch dazu ein Glaubensgenosse ist — zu begrüßen und zu bewirthen. Gerade heute ist Sabbath-Vorabend und da wird ihm Ihr Besuch am willkommensten sein. Wenn es Ihnen recht ist, gehe ich gleich hin und melde Sie." „Gut," sagte ich, und Pawel eilte fort, um dem Mosche die Botschaft meines Besuches zu bringen. Gegen Abendanbruch begaben wir uns ins Haus des Mosche. Derselbe trat uns schon an der Thür entgegen. Er trug einen langen Tuchrock, um den Leib einen Gürtel aus Seide und auf dem Haupte ein Sammtkäppchen. „Der Herr aus dem Westen," stellte mich Awromtschik vor. „Friede sei mit Dir, Bruder," sagte der Hausherr und reichte mir die Hand. „Meine Frau und Kinder," fuhr er fort, werden bald erscheinen. Vielleicht schaut sich der Herr unterdessen mein Häuschen an." „Dasselbe scheint noch ganz neu zu sein?" fragte ich. „Ja," lautete die Antwort. „Früher — vor der Zeit der Russen, wäre es nicht gut möglich gewesen, ein so schönes Haus zu haben. Da hätten der Emir oder seine Beamten den Besitzer bald abgeschlachtet und sein Haus für sich genommen. Dies Gebäude hier habe ich selbst erbauen lassen." Darauf führte er mich auf einer bequemen Treppe zum platten Dach empor, wo man angenehm promeniren konnte. Von hier aus bot sich ein interessanter Ueberblick über die ganze Gasse, auf der vor den Häusern viele Juden und Jüdinnen in Feiertagsstaat am Boden hockten, aber nicht — wie es sonst im Orient Sitte ist — mit unterschlagenen Beinen. Während ich das malerische Bild betrachtete, kam ein kleiner Knabe und meldete dem „Papascha" in russischer Sprache, daß das Abendessen bereit stehe. Wir stiegen also wieder hinab und begaben uns in den Garten. Dort war in einer Laube ein stattliches, mit schönen Stickereien verziertes Zelt aufgeschlagen, um welches Apfelbäume ihren langen Schatten warfen. Auf einem Teppich der den Boden deckte, standen verschiedene Schüsseln und tiefe Teller mit Speisen und Früchten: Erbsen, Ouitten, Fleischpasteten, Mehlkuchen und Weintrauben. Auf kleinen Kissen hockten die Frau des Reb Mosche, mehrere Kinder und eine Anzahl Gäste, die mir zu Ehren erschienen waren. Sie waren Alle sehr sauber und nett gekleidet, in der dort üblichen Talartracht. Besonders freute mich das anmuthige Benehmen der Kinder und ihre Reinlichkeit, welche letztere Eigenschaft sonst nicht zu den Tugenden der Samarkander gehört. Während des Essens ward wenig gesprochen. Nach demselben aber entspann sich eine lebhafte Unterhaltung, die sich meinem Wunsche gemäß hauptsächlich um die Stellung der Juden von Samarkand, um ihre Geschichte, um ihr Leben und Treiben drehte. „Seit wann leben denn hier Juden?" eröffnete ich die Unterhaltung. „Es soll hier schon vor mehreren Tausend Jahren Juden gegeben haben," sagte Reb Mosche, „also schon zur Zeit der chinesischen Herrschaft. Doch weiß ich nicht, ob dies wahr ist und es ist meines Wissens nichts mehr darüber bekannt, als eben dieses bloße Gerücht." „Glaubwürdiger ist," mischte sich ein Gast ins Gespräch, „was eine andere Sage berichtet: daß nämlich Timur die Juden in Samarkand eingebürgert hat. Er soll sieben Familien aus Mesched, die sich durch Kunstsinn und als Handwerker ausgezeichnet hatten, in seiner Residenz angesiedelt und mit reichlichen Arbeitsaufträgen bedacht haben. Eine dritte Legende berichtet schließlich, daß bei der Erstürmung der Stadt durch die Oezbegen im Jahre 1500 mehr als 24.000 Kohannim-Juden getödtet wurden. Es müssen damals also noch viel mehr hier gelebt haben. Damit sind die Nachrichten über unsere „Geschichte" erschöpft." „Wieviel Juden gab es denn bei der Ankunft der Russen?" fragte ich weiter. „Ich glaube tausend. Nun hat unsere Gemeinde schon mehrere tausend Köpfe. Die jetzt hier lebenden Glaubensgenossen sind meist vor anderthalb Jahrhunderten aus Persien eingewandert und stammen von Rüben, Gad und Menasse."