Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 23 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 414 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 414 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 23 der Delyannistischen Partei, Professor Zavizano (Vorsitzenden der korfiotischen Freimaurerlogen), stimmen, eine Taktik, die selbstverständlicher Weise den Bann, der in Korfu bisher herrschenden communalen Günstlingswirthschast brechen und die sogenannte „Partei der anständigen Leute" («pur tito degli onesti“ nennt man in Korfu die Partei Delyannis) ans Ruder bringen mußte. Um nun auf alle Fälle die Juden unschädlich zu machen, wie um andererseits die verhaßte Central-Regierung im Auslande zu compromittiren, verfiel die Bürgermeister-Partei auf den infamen Gedanken, die jüdische Wählerschaft auf irgend eine Weise einzuschüchtern und sie so an der Ausübung ihres verfassungsmäßigen Wahlrechtes zu verhindern. Dem terlflischen Plan kam die — ganz zufällige??!!! — Ermordung des Judenmädchens Rubina Sarda in überraschender Weise zu Statten. Kaum hatte sich die Nachricht von der Mordthat in der Stadt verbreitet, so war auch sofort die büraermeisterliche Camorra — wie nach vorheriger geheimer Ordre — bei der Hand, mit Bestimmtheit das Losungswort des Ritualmordes unter die Massen zu werfen und die strenggläubige niedere, ja selbst einen Theil der „gebildeten" Bevölkerung durch diese infame Lüge aufs Aeußerste zu fanatisiren. Dies gelang leider um so mehr, als die vom Bürgermeister abhängige Polizei die Menge aushetzte, stattsie zu beruhigen (zwei Polizisten wurden hierfür zu Kerkerstrafen verurtheilt); als ferner weder der Präsect Vlachos, noch die Staatsanwaltschaft die nöthige Energie bethätiaten; und als endlich die in Korfu garnisonirenden Soldaten Korsioten waren und sich durchaus renitent bewiesen; Fakta, die der Ministerpräsident ausdrücklich bestätigt hat. Der energielose Präsect Vlachos wurde deswegen — obschon er Delvannist ist — seiner Stellung enthoben und durch den schneidigen Präsecten von Akarnanien, Herr Buklachos ersetzt, während gleichzeitig einer der besten Offiziere Griechenlands, Oberst Notarias, mit Verstärkungen nach Korfu abging. Freilich war es auch die höchste Zeit dazu, denn die Situation war zu einer überaus kritischen geworden. Der mir Waffen aller Art versehene Pöbel hielt das Iudenviertel thatsäcklich blokirt, und die Panik war, sogar in der Griechenstadt, eine so allgemeine, daß die Christen selbst in den vom Ghetto weit entfernten Vierteln, ja sogar im Hasen w e in den Vorstädten ihre Häuser mit Kreuzen bemalten! Der Bürgermeister Theodoki aber — den Delyannis nur deshalb nicht abgesetzt hat, um ihm angesichts der nahen Wahlen beim niederen Volke keine Reclame zu machen — der Bürgermeister rief den sanatisirten Massen die geflügelten Worte zu: „Ich werde nicht ruhen, bis alle Juden aus Korfu verjag: sind!" Daß der religiöse Fanatismus — die Bestie, die dank der Todfeindschaft gegen das Türkenthum in der orthodoxen Masse fortwährend schlummert und jeden Augenblick geweckt weroen kann — daß der religiöse Fanatismus nicht der Urgrund der Revolte war, steht also außer Frage. Der bloße Glauban das Blutmärchen — den leider selbst ein angesehenes Athener Blatt, die „Akropolis", durch die bildliche Darstellung eines Ri.tualmords (!!) geschürt hat — war hinreichend genug, das korfiotische Volk zu solch traurigen. Excefsen, wie die des letzten und dieses Monats, aufzureizen. „Es ist eine Ehrensache Griechenlands, die Wiederholung solcher Szenen absolut zu verhindern, und ich werde selbst vor den extremsten Mitteln nicht zurückschrecken, um Leben und Eigenthum der jüdischen Bevölkerung zu sichern." So äußerte sich Delyannis wörtlich. Der Sturz der gegenwärtigen Bürgermeister-Partei wird die energischen und weisen Maßregeln der Athener Central-Regierung vervollständigen. Zu wünschen ist nur, daß die Sicherheit der Juden nicht erst dann völlig garantirt werde, wenn sie — nach dem Herzenswunsch des Herrn Theodoki — sammt und sonders ausgewandert sind. Die Jude» in Lamarkmid. Von Aternhard Stern. Der Generalgouverneur vou Transkaspien, Kuropatkiu verbietet den Juden den Aufenthalt in dieser Provinz. Die russische Regierung hat vergessen, welche Dienste gerade die Juden ihr in jenen Ländern geleistet, sie hat vergessen, daß General Kauffmann, der Eroberer von Samarkand, 1868 den Juden von Mittelasien hoch und heilig im Namen des Czaren allerlei Begünstigungen versprochen. Die Russen haben aber vor Allem vergessen, daß die Juden in Transkaspien weit mehr Rechte auf den Aufenthalt in jenen Ländern haben als die Moskowiter. In Zeiten, wo von russischer Macht in Asien, nicht einmal in Europa, auch nur eine Spur zu entdecken ist, sehen wir schon Juden in angesehenen, hochgeachteten Stellungen an den Höfen der mittelasiatischen Reiche wirken. Unter den „barbarischen" Begs und Chanen des Mittelalters lebten sie friedlich und glücklich. Wohl kamen auch schwere Zeiten, als der Muhammedanismus zu einem starren Fanatismus ward. Aber siehe da! Es kam der russische Adler geflogen und brachte Rettung den armen verfolgten Juden. Kurz währte die Freude. Kaum ein Vierteljahrhundert ist seitdem verflossen und — Rußlands Humanität hat ein Ende! Mit Wehmuth denke ich an einen Besuch zurück, welchen ich 1888 bei den Juden in Samarkand gemacht. Wie waren die damals froher Hoffnung voll, wie dankbar sprachen-sie von ihren „russischen Befreiern"! Und nun? * * Samarkand, das alte Marakanda der Macedonier, das „reine hellglänzende irdische Paradies" der Araber, die Residenz des weltstürmenden Timur, der interessanteste und berühmteste Ort Mittelasiens, war bis vor wenigen Jahren jedem Fremden unzugänglich. Während in der Neuzeit unermüdliche Gelehrte die geheimnißvollcn Hieroglyphen des Pharaoneureiches ebenso klar entzifferten wie die Runen der Skandinavier oder die räthselhaften Inschriften und Bilder in den Tempeln der Azteken und Inkas, während kein Land im Osten und Westen, im Süden und Norden der Erde dem Forscher.iuge verschlossen war und der Handelsgeist die innersten Winkel des Morgenlandes und Abendlandes ausstöberte, — blieb Samarkand tut tiefsten Dunkel seltsamer Wundersagen. In den Jahrtausenden der Existenz dieser Stadt kamen ihre Bewohner nur zweimal in unmittelbare Berührung mit den Völkern des europäischen Continents: zur Zeit Atexander's des Großen, welcher als ihr erster Bezwinger gilt, und unter Timur, ihrem größten Herrscher, der seine Kriegsfackel in die fernsten Zonen der damals bekannten Welt schleuderte. Seit Timur aber lebten sie von der übrigen Welt abgeschlossener als selbst die Chinesen und es war ihnen umso leichter, als hier die Natur weit stärkere Umzäunungen gebaut hat, als jene künstliche Rieienmauer des heiligen Mittelreiches. Endlose Wüsten und Steppen umschlossen das Thal des „goldstreuenden" Serasschan nach der europäischen Richtung hin, von anderen Seiten begrenzten es