Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 23 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 413 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 413 Minimal- und Maximal-Betrage von 10 fl. beziehungsweise | 5000 fl. wird in möglichst unparteiischer Erwägung der Vermögensverhältnisse jedes einzelnen Besteuerten repartin. - Daß dabei die vollste Rücksicht aus die Leistungsfähigkeit! genommen wird, beweist der Umstand, daß bei der behuss > Berathuirg des neuen Statutes stattgefundenen Enquete aus Wunsch einiger Vertreter der Vorortegemeinden, dieMinimal- Cultussteuer ans s ü n f Gulden herabzusetzen, nicht eingegangen wurde, weil der Vorstand sich von dem Gedanken leiten ließ, daß derjenige, welcher zehn Gulden jährlich nicht zahlen könne, überhaupt nicht besteuert werden solle. Mil der Maximal-Steuer von fünftausend Gulden ist der Vor stand nicht weiter gegangen, als die Berliner Gemeinde, wo die Maximalsteuer 8000 Mark beträgt. Es bleibt also gar keine andere Ursache für die Auflehnung gegen die repartirte Steuer, als einfach das Nichtzahlenwollen und die Drohung mit der Confessionslosigkeitserklärung. um dem Zahlen m Affen zu entgehen! Der Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft um der lumpigen paar Gulden willen, zeigt von so niedriger Gesinnung, daß es nur zu bewundern ist, wie eine solche im Judenthume entstehen konnte, das von Altersher gelernt hat, materielle Opfer für die Religion zu bringen. Und was ist denn die Eonfessionslosigkeit an und für sich? Selbst wem die Form und Einrichtung der Religion abgestorben und drückend geworden, kann der darum auch den Gedanken und das Bedürfniß einer religiösen Gemeinschaft los werden? Das religiöse Gefühl, das jedem Menschen, selbst dem Huronen innewohnt, muß eine Unterlage haben, wie das Familien-, das Heimats- und das Vaterlandsgefühl. Die Beziehung zu einer Religionsgemeinschaft ist ein integrirender Theil der menschlichen Nalur, ein unentbehrliches Depositum seiner Gefühle und Gedanken, und der der sich dessen entäußert, begeht eine Gewaltthat an sich selbst, die sich an ihm rächt, durch das erdrückende Gefühl der Jsolirtheit. In Berlin, wo seinerzeit auf den Initiativantrag Lasters der Eultussteuerzwang aufgehoben wurde, sind es im im Ganzen 9, sage neun Juden gewesen, die von der „Wohlthat" dieses neuen Gesetzes Gebrauch machten und den Gemeindevelband verließen, und von diesen neun sind nach einem Jahre die meisten schon wieder in den Schoß der jüdischen Gemeinschaft zurückgekehrt, weil sie das Gefühl der Vereinsamung in ihrem religiösen Bedürfnisse nicht ertragen konnten. Sind die Wiener Juden aus härterem Holz als die Berliner Juden geschnitzt, daß sie so leicht des Bedürfnisses der Gemeinschaft mit denen, mit welchen sie ein vieltausendjähriges Geschick verbunden hat, entrathen können? Gehen wir indes über die völlig verhärteten, über die Vollblutinaterialisten, hinweg und sprechen wir zu denjenigen, die noch Ideale anerkennen, aber glauben, daß es viel angemessener und pflichtmäßiger sei, für allgemeine als für speciell c o n f e s s i o n e l l e Bedürfnisse zu leisten. Es versteht sich von selbst, daß auch wir die Pflichten gegen die Menschheit im ganzen Maße würdigen und ihre Erfüllung verlangen; aber thut man dann nicht durch die Förderung des Besonderen oft mehr für das Allgemeine, als durch die unsichere Wirksamkeit für das Allgemeine direct? Wer seiner Religionsgemeinde und ihren Instituten seine Unterstützung leiht, wirkt segensreich auf die Menschheit, Hilst zu vielem Guten mit, dessen Einfluß auf das Allgemeine nichr abzumessen ist. Die interconfessionellen Wohlthätigkeits- Anstalten sind für diejenigen, welche mit dem doppelten Leid, Armuth und Judenthum, behaftet sind, fast gar nicht zugänglich, der arme Jude wird wieder an die Juden gewiesen, die Ausgaben der Gemeinde und ihre hohen Pflichten steigern sich täglich; sie muß den vom neuen Gesetz ihr eingeräumten Besteuerungsmaßstab voll und ganz ausnützen, wenn anders sie sich auf der Höhe der Humanität erhalten will. Schließlich ist der Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft um der Cultussteuerwillen in einer Epoche, wie die gegenwärtige, wo die Gemeinde zur Bertheidigung gegen Angriffe, Bedrückungen und Verfolgungen berufen ist und daher erhalten und gekräftigt werden muß, wenn sie auch größere Opfer erheischt, eine solche elende Herzlosigkeit, daß derjenige, der jetzt diesen Schritt thut, in der Gesellschaft verabscheut werden muß und er mit all seinem Gelde und seinen angeblichen Leistungen für das Allgemeine nur als ein gemeiner Vcrräther an seinem Stamme in der Stunde der Gefahr gebrandmarkt dasteht. Die Grunde der Iudeuhehe in Lorf«. (Von Dr. Hans Barth, Correspondenten des „Berliner Tagblatt".) Athen. 28. Mai. Die Erklärungen der Athenischen Minister Delyann i s zund D e l i g i o r g i s werfen eil» ganz neues Schlaglicht auf die traurigen Ereignisse in Korfu. Vor Allem handelt es sich nicht um eine — trotz aller Importversuche, namentlich aus Wien — den Griechen ganz fremde, planmäßige antisemitische Bewegung. Die Urgründe der Pöbelszenen waren — darüber besteht jetzt kein Zweifel mehr — ihrem Wesen nach nicht religiöser, auch nicht ökonomisch-materieller, sondern vorwiegend communalpolitischer Natur. Die Religion, resp. der Fanatismus, kam nur insofern m Betracht als die gegen die Juden politisch interessirteil und bis Dato in der Gemeindeverwaltung leitenden Kreise sich derselben bedienten, um mittels der Fanatisirung des nieder» Volks ihre politischen Zwecke zn erreichen! Das bei einigen korfiotischen Großhändlern, wie den jetzt wegen Anstiftung zum Mord verhafteten reichen Oclhändlern Gebrüder Damiri-Avrami auch das Moment des Eocurrenzneides mitgespielt hat, soll nicht bestritten werden. Gleichwohl könnte dieser Gesichtspunkt nur bei sehr wenigen Elementen der griechischen Bevölkerung zur Geltung kommen, da es einestheils nur eine verschwindend kleine Anzahl jüdischer Firmen von Belang gibt, andererseits aber der griechische Kaufmann dem jüdischer» Kaufmann im Allgemeinen weit überlege»» ist. Das wahre u»»d »nächtigste Motiv war also allein das politische. Und hier spielten sich de»»»» die Dinge in folgender Weise ab. Am 7. Juli finden in ganz Griechenla»»d die Cominunalwahlen statt, die natürlich über das Schicksal der betreffende»» Bürgerineister, solvie der Stadträthe entscheiden »verden. Nnn hatte der Trilubistische Bürgerineister von Korfu, Theodoki — der seinerzeit mit Hilfe der Juden gewählt worden, aber den Jltden in keiner Weise Dank gewußt hatte — die gegründete Furcht, die für Delyannis gewonnene jüdische Wählerschaft werde in corpore für den Candidaten