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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-11 · 23 (11.6.1891) · p. Seite 412

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
23 (11.6.1891)
Date
1891-06-11
Page
Seite 412 (sequence 2)
Language
German
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Seite 412 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 23 ein Ende machen Es sei endlich einmal Zeit, daß man in; Europa aufhöre, den Märchen von Glaubensverfolgungen! in dem osmanischeu Reiche Gehör zu schenken, wie sie gej wöhnlich auftauchen, wenn damit irgend welchen Bestrebungen j gedient werden soll". Die „Kölnische Zeitung" meldet ferner daß der Sultan den ausgetriebenen russischen Juden bereitj willig die Niederlassung aus türkischem Gebiete freißellt.; Es ist ein furchtbarer Hohn, der in diesen Aenßerungen! und Handlungen des Sultans auf die Besreier- und Erlöseri misston des moskowitischen Eäsar - Papstes zum Ausdrucke j gelangt. Auch der Sultan ist. gleich dem Ezaren, nicht blos weltliches, sondern auch geistliches Oberhaupt und im Bereiche des Islam genießt der Khalise dieselbe Verehrung, wie der weiße Czar im Bereiche der griechischen orthodoxen Kirche. Trotz dieser geistlichen Stellung übt der Sultan die .höchste Toleranz gegen Andersgläubige uud zeigt sich vom tiefen Mitleid für die armen russischen Juden erfüllt Rußland aber, das an die Stelle des Halbmondes auf der Sofien-Moschee das Doppelkreuz des Erlösers setzen und die Balkanhalbinsel vom Joche der „Barbaren" befreien will, setzt sich über alle Regungen der Menschlichkeithinweg und erhebt am Ende des neunzehnten Jahrhunderts den Glaubenshaß zu einem politischen Princip. G l a d st o n e, der grimmige Türkenhasser und Russensreund, appellirt an die Menschenliebe, an die edle Barmherzigkeit des Sultans, zu Gunsten der verfolgten „russischen Juden". . . Diese eine Thatsache kennzeichnet die Situation zur Genüge. Wir haben bereits angedeutet, daß dieser Weg nicht aufwärts zur Eultur und zu nationalen Siegen, sondern zurück in die Barberei und das Hordenthum der Steppe führt. Ob damit das Ziel des russischen Volkes und des russischen Staates begründet wird, darüber mag sich der Ezar selbst Rechenschaft geben. Jenem Europa aber, welches von wohlklingenden Phrasen der Menschenliebe und Humanität überfließt, ist damit die Pflicht noch nicht erlassen, gegen die schändliche Nichtswürdigkeit, die gegenwärtig in Rußland im Namen der Staatsnothwendigkeit begangen wird, zu protestiren- Jn der Türkei wird ein Eisenbahnzug von Räubern überfallen und vier Passagiere werden als Geiseln fortgeschleppt. Durch ganz Europa hallt ein einziger Schrei der Entrüstung. Die'Presse schreit Zeter und Mordio über die verwahrlosten Zustände in der Türkei und ein diplomatischer Notenregen ergießt sich über die unglückliche Regierung. In diesem Falle feiert die europäische Humanität einen großartigen Triumps. In Rußland aber werden Millionen Menschen, nicht von Räubern, sondern von der officiellen Polizei, ihres Eigenthums beraubt, aus ihren Wohnsitzen verjagt, in der grauenvollsten Weise mißhandelt und dem Hungertode preisgegeben. Gegen diese Greuel findet die europäische Diplomatie kein Wort der Entrüstung und der Abwehr. Freilich, dort waren es Arier die man gefangen nahm und hier handelt es sich nur um Juden. Der Ausspruch des Sultans ist geeignet, die Diplomaten unserer westlichen Culturstaaten tief zu beschämen. Der Räuberhauptmann Athanasias aber ist ein edler Menschenfreund gegen die Schergen des — christlichen Regimes in Rußland. Uns dem Wiener jüdischen Gemeindeleben. Unter allen Nebeln, die der Antisemitismus uns zugefügt, ist das größte, daß er uns in unseren inneren Fragen Schweigen auferlegte. Theils weil der Kampf nach außen uns zu sehr in Anspruch nahm, als daß wir noch Zeit und Muße erübrigten, uns unseren eigentlichen Ausgaben zuzuwenden, theils aber auch, weil Jeder von uns es scheut, Mängel in unseren inner» Zuständen auszudecken, um dem Feind, der mit Lichtern nach Fehlern bei uns sucht, -keine Anhaltspunkte für neue Angriffe zu bieten. Doch selbst auf diese Gefahr hin müssen wir heute eine Krankheitserscheinung in unserer Mitte zur Sprache bringen, die unser ganzes Gemeindeleben gefährdet, das weder durch eine kirchliche Verfassung noch durch den Staat gehalten wird. Diese Krankheitserscheinung ist die sich häufenden C o n f e s s i o n s l o s i g k e i t s - E r k l ä r n >! g e n von Juden. Nicht, daß wir Anstoß an dem Gesetze nähmen, lvelches den Zwang, einer Confessio» angehören zu müssen, beseitigt; aber die Liberalität des Gesetzes wird mißbraucht. Abgesehen von denjenigen Characterlosen, die sich des Namens „Jude" schämen und sich confessionslos erklären, um sich nicht polizeilich als Juden declariren zu müssen — denn anderswo als im Meldzettel können sie ihr Judenthum ja doch nicht verleugnen — gibt es noch Viele, die diesen Schritt thun, einzig und allein um der paar Gulden wille n, die sie als Juden an Cultussteuer zu zahlen hätten, und die Drohung mit der Confessionslosigkeits-Erklärung, um eine Herabminderung der vorgeschriebenen Cultussteuer zu erzielen, oder vor Anwendung der Strenge bei Einhebung derselben abzuschrecken, ist so häufig, daß sie zur Calamität der Gemeinde geworden. Sonntag am 7. d. 10 Uhr Vormittags fand unter dem Vorsitz des Präsidenten Herrn Wilhelm Ritter von Gutmann eine öffentliche Vorstandssitzung der isr. Eultusgemeinde statt, in welcher der Obmann der Finanz-Section Herr MorizKarpeles den Rechnungsabschluß für das Budgetjahr 1890 vorgelegt und in eingehender Rede die einzelnen Ziffern erläuterte. Derzeit besitzt die israelitische Cultusgemeinde eine geordnete Finanzverwaltung. Trotz der jüngsthin erfolgten namhaften Erhöhung der Gehalte der an der Gemeinde angeftellten Religionslehrer zeigt die Bilanz einen Überschuß von einigen tausend Gulden, welcher dazu verwendet worden, die früheren Deficite theilweise zu decken. Es war begreiflicherweise eine große Genugthuung für die Finanz-Section und deren energischen Obmann auf ein solches Resultat ihrer Arbeit Hinweisen zu können. Mit der Einverleibung der Eultusgemeinden der bisherigen Vororte in die Gemeinde Wiens droht jedoch die Wunde der Defizite wieder auszubrechen, denn die Cultusbedürsnisse heischen Befriedigung und die ans Unterstützung angewiesene A r m u t ist in den Bororte-Gemeinden noch weit größer als selbst in der Wiener Gemeinde und es werden . zur Abhilfe derselben verhältnißmäßig noch größere Opfer gebracht werden müssen als bisher. Der Besteuerungsmodus nach Schätzung ist im Judenthume herkömmlich seitdem die Zehnten erloschen. Die in dem neuen Statut normirte Cultussteuer mit dem

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