Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 23 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- Seite 411 (sequence 1)
- Language
- German
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Rr. SS. Wien, 11. Juni 1SS1. VH! Jahrgang. Ckntralorgan für die gesammten Interesse« des Iudenthnms. fl. k Postsparcassenamt |; Clearingverkehr Rr. 810 976 Redaction und Administration: Wien, I, Rothrnthurmstratze 39. «- Eigentümer: Reichsraths-Abgeordneter Dr. Bloch. Erscheint jeden Freitag. - —— >—-—— -- —— —- Man abonnirt bei allen dostaustaltrn des In» und Auslandes. BrjugsvreiS: HalbjLhri« 4. fl. Sinzrlexemplare 2» kr. Anzeigen: Di« 4mal ge-!s spattrne Prtitzeilr iS kr.! «--—=5* Anhaltr Leitartikeln: Czar und Sultan. — Aus dem Wiener jüdischen Gemeindeleben. - Die Gründe der Judenhetze m Korfu. — Die Juden in Samarkand. — Die Vorläufer des Beth-Hamidrasch in Wien. — Verein isnaelitischer Lehrer in Schlesien und Posen. — Publicationen der israel. Cultusgemeinde in Wien. — Correspondenzen: Wien. Prag. Pardubitz. Stampfen. Constantinopel. — Vermischtes: Wien. Brünn. Graz. Kreinsier. Kolomea. Stanislau. Berlin. Königsberg. Amsterdam. Rom. Nizza. Paris. London. Petersburg. Jaffa. — Familienblatt: Wochenkalender. — Der Lohn der Tugend. — Literatur. — Inserate. L)ar und Sultan. Eine lange Periode der neuesten Geschichte Europas ist mit den wechselnden Gestaltungen der sogenannten orientalischen Frage ausgesüllt. Bis zu den grundstürzenden Veränderungen, welche die Physiognomie des Welttheiles zu Beginn der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erlitt, lebte die Diplomatie fast ausschließlich von der rührenden Sorgfalt, mit welcher sie die inneren Verhältnisse der Türkei und-die Beziehungen der letzteren zu den Balkanstaaten verfolgte. Seit geraumer Zeit aber beschäftigt sich die politische Welt Europas nicht mehr mit den inneren Gebresten der Türkei,, sondern mit jenen Rußlands. An Stelle des „kranken Mannes" ist.. der. „Koloß mit thönernen Füßen" getreten. Seit dem. russisch-türkischen Kriege im Jahre 1877 ist das moskowitische Riesenreich eine Beute der heftigsten inneren Erschütterungen, und: die nihilistische Bewegung, welche vor und nach der Ermordung des Czaren Alexander II. das Reich durchwühlte, hatte Wunden und Geschwüre enthüllt, die zu einer Quelle ernstester Besorgnis für ganz Europa geworden sind. Um es kurz zu sagen: bir Türkei vollzieht mehr und mehr ihren -lnschluß an die abendländische Cultur, und in dem Maße, als dieser Proceß fortschreilet, vollzieht sich auch im Innern mehr und mehr eine Gesundung aller Verhältnisse, welche der Fortdauer des Friedens auf der Balkan- Halbinsel verstärkte Bürgschaften verleiht. Rußland aber schreitet mit seinen thönernen . Füßen zurück in die Nacht der asiatischen Barbarei. Der Despotismus hat sociale Spaltungen und politische Schwankungen gezeitigt, welche zu einer Gefahr gegen das herrschende System geworden sind und gegen welche die Lenker des Staates nach zwei Richtungen hin eine Ableitung suchen: nach Außen in der fortwährenden Beunruhigung und Bedrohung des europäischen Friedens und nach Innen in der Aufstachelung des religiösen und nationalen Fanatismus. Während in früheren Jahrhunderten und noch zu Beginn des gegenwärtigen der Islam für dm Inbegriff aller religiösen Unduldsamkeit galt, herrscht gegenwärtig im osmanischen Reiche — wenn auch nicht völlige Gleichhei — so doch wohlwollende Duldung aller Religionsbekenntnisse, ein untrüglicher Maßstab für den culturellen Fortschritt des semitischen Osmanenthums. Rußland aber, welches von einem germanischen Fürstengeschlechte gegründet und durch deutsche Gesittung und Eolonisation cultivirt wurde, welches durch Assimilirung mit den jüdischen Ehazaren, den Deutschen der Ostseeprovinzen, den Polen und Lithauern seine Nomadenstämme mit cultnrsähigen Elementen durchsetzte und veredelte und erst hiedurch zu einer Nation heranbildete — Rußland statuirt heute die Verfolgung und Unterdrückung aller „fremden" Religionsbekenntnisse und aller Volkselemente, welche nicht den Stempel des reinen Moskowiterthums tragen. Diese Parallele zwischen der einst todessiechen, nunmehr wieder kräftig auflebenden Türkei und dem einst kraftstrotzenden heute jedoch von Fieberschauern durchwühlteu Rußland erhärtete neuerdings die Wahrheit des Dichterwortes, daß die Weltgeschichte das Weltgericht ist. Wenn einst der Sultan in seinen prunkenden Gemächern, trotz seiner Jarütfcharen und Georgier vor dem Meuchelmorde nicht sicher war, so ist es heute der mächtige Ezar, der trotz feiner Tscherkessen und Kosaken Minute für Minute um fein qualvolles Leben zittert. Fürwahr, schon m dieser Thatsache allein dürfen die gehetzten russischen Juden eine furchtbare Vergeltung für das an ihnen verübte himmelschreiende Unrecht erblicken. Wie einst die Cäsaren des alten Rom die Creaturen ihrer Prätorianer, wie die fanatischen Großherren zu Stambul die Puppen ihrer Jamtscharen waren, so finkt der Selbstherrscher aller Renffen mehr und mehr von einem wirklichen Autokraten zu einem Figuranten der Macht herab, der unter der Herrschaft der Furcht und seiner selbstsüchtigen Umgebung steht. Die „Kölnische Zeitung" berichtet über «ne bezeichnende Äußerung, welche der Sultan anläßlich der Judenverfolgungen in Corsa und in Rußland gethan. „Wenn solche Dinge", sagte Abdul-Hamid, „in der Türkei vorgingen, dann würde ganz. Europa mit Fingern aus uns zeigen und sagen, die Türkei sei ein barbarisches Land, man müsse ihr in Europa