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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-05 · 22 (5.6.1891) · p. Seite 408

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
22 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 408 (sequence 22)
Language
German
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Seite 408. Hesterreichische Wochenschrift Nr. 22. die Midrasch-Literatur mit neuen bedeutsamen Schätzen bereichert. DerMidrasch-Tehillim hat zwar seit dem Bestehen der Buchdruckerkunst bereits eilf Auflagen erlebt, aber in keiner war das Werk vollständig und fehlerfrei. Als solches erscheint es jetzt zum ersten Mansch einer Handschrift aus der Bibliothek zu Parma und mit Vergleichungen der Lesarten anderer sieben Handschriften aus den Bibliotheken zu Rom, Florenz und Paris, und das Ganze kritisch bearbeitet, commentirt und mit einer ausführlichen Einleitung versehen, so daß dieser Midrasch eigentlich jetzt erst seine Abgeschlossenheit und Selbstständigkeit erlangt hat und zu fruchtbarer Benützung verwerthet werden kann. Soll man bei dieser Arbeit mehr bewundern, den physischen Fleiß des Herrn Buber und die materiellen Mühen zur Erlangung der alten Handschriften aus den verschiedenen Bibliotheken, die nicht jedem Gelehrten zugänglich find, oder seine Munificenz, die die Kosten nicht scheute, welche mit der Wanderung zu diesen Bibliotheken und der zeitlangen Frequentirung derselben verbunden sind, oder endlich sein großes Wissen? Es kommen zwar in allen früheren Arbeiten des Verfassers diese drei Momente in Betracht, aber in keiner in solchem Maße wie der vorliegenden, keine setzte so viel Zeit- und Geldopfer voraus und keine so viel Aufwand an Geistesmitteln wie diese. Die achtzehn Capitel umfassende Einleitung ist ein Meisterwerk der Kritik, insbesondere die Feststellung des geschichtlichen Rahmens des Werkes: wer es redigirt hat, wo und wann es redigirt worden ist uud aus welchen Quellen sein Redacteur geschöpft hat? Herr Buber mußte das ganze Gebiet der Talmude und Midraschim durchforschen, um hier Bescheid zu geben und es ist ihm gelungen, die vollste Klarheit über diese Fragen zu schaffen und die Ansichten Zunz's zu corrigiren. In der Form kurz und bündig zeichnet sich Herr Buber doch in der Polemik durch überlegene Ironie aus. Sein Stil ist nie überladen, sondern stets schmucklos, aber klar und durchsichtig und durch eigentümlich scharfe und logische Gedankengliederung so belebt, daß der Leser ihm ohne Zwang zu folgen vermag. Es ist nicht zu zweifeln, daß auch diese neueste Arbeit, wie seine früheren, Widerspruch mancherlei Art Art Hervorrufen wird. Allein das Verdienst wird ihm doch Niemand rauben können, daß er mit dieser Arbeit Großes geleistet und daß ohne jegliches selbstisches Interesse, sondern nur zur Ehre des Judenthums und im Dienste der jüdischen Wissenschaft; daß er seinen Geist auch seinen materiellen Segen blos zu hehren Zwecken verwendet, und Herr Buber somit zu einer der seltensten Erscheinungen des heutigen Lebens gehört, dem die höchste Achtung als Gelehrten und Menschen nicht versagt werden darf. „Aus dem Osten." Die deutsche Roman-Literatur hat sich an dem Judenthume stark versündigt. Auf ihr Kerbholz ist der gegenwärtige Antisemitismus zu schreiben. Um ihre Erzählungen recht pikant zu machen, woben die.Autoren Juden oder Jüdinnen, Jsaks und Rebekkas, in die Handlung ein. Und was für Juden und Jüdinnen! Jedenfalls Carricaturen. Hie und da großherzige, edelsinnige; aber Alles an ihnen so gemacht und übertrieben, daß die Figur höchst widerlich oder doch von dem Leben und der Wirklichkeit so fern, als ob der erhabene Dichter seinen Lesern zurufen wollte: „Sehet, so müßten sie sein und was sind sie!" Zumeist jedoch wurden sie ganz anders gezeichnet: als der Teufel der Geschichte; als der schwarze Hintergrund, auf welchem die edlen, geist- und gemüthreichen Nichtjuden sich um so leichter und schöner abhoben; als Folie für die arische Superiorität Und da die Romanlektüre für eine große Anzahl von Menschen, besonders für Frauen, außer den politischen Zeitungen die einzige Lektüre bildet, so impfte diese Literaturgattung die Verachtung und den Haß gegen die Juden von Neuem ein und wurde das Humanitätsprincip, welches in den Emancipationskämpfen siegte, wieder zurückgedrängt, daß wir bei den ersten zaghaften Schritten zum Genüsse der erlangten Freiheiten und Rechte davon wieder abgeschreckt werden. Diese Romane und Novellen mit ihren Juden als Prügelknaben forderten zur Schaffung der sogenannten „Ghetto-Geschichten" heraus, in welchen gezeigt wurde, daß die Juden dieselben Empfindungen und Leidenschaften wie die Nichtjuden haben, daß in der jüdischen Gesellschaft dieselben Tugenden und Laster, dieselben Conflicte wie in der nichtjüdischen bestehen, höchstens noch ein eigenartiger, nur in jüdischen Verhältnissen möglicher Conflict — der des modernen Lebens mtt den alten Satzungen, der allnivellirenden Zeit mit dem Festhalten an dem Herkommen, mit einem Worte: der Reform mit der Orthodoxie, oder noch ein Schritt weiter, der Conflict der Familienbande mft dem menschlichen Herzen, den die Civilehe zwischen Juden I und Christen heraufbeschwört. Unstreitig fand diese Gattung Romane! ein größeres Lesepublikum in nichtjüdischen als in jüdischen Kreisen und hätte viel zur Abschwächung des Unheils beitragen können, das die Romane und Novellen anrichtetcn, welche Juden und Jüdinnen nur als häßliche Kobolde zeichneten. Leider gab es aber zu wenige Autoren für solche „Ghetto-Geschichten". Bei aller Betheiligung jüdischer Dichter an der deutschen Roman-Literatur hatten doch nur einige den Stolz des Stammesbewußtseins, sich als Juden „zu erkennen zu geben". Wir können die namhaften Autoren solcher jüdischen Geschichten an den Fingern einer Hand abzählen und es bleiben deren noch übrig: Bernstein, Kompert, Franzos - wer noch? Und auch heute, wo doch der Antisemitismus solche Dimensionen angenommen hat, daß alle nur möglichen Kampfmittel hervorgesucht werden müßten, um ihn einzudämmen und das bethörte Volk zu einer humaneren Anschauung über Juden zu bringen — auch heute findet keiner der vielen Romanschreiber und Novellisten jüdischen Stammes den Muth zu solchen Arbeiten um dem nichtjüdischen Lesepublikum, jüdische Bilder vorzuführen, die da zeigen, daß die Juden Menschen wie andere Menschen sind, Fleisch und Blut und Herz und Seele der ganzen Menschengattung haben — auch heute nicht, trotzdem es die höchste Zeit ist, dieses Kampfesmittel gegen den Antisemitismus zu verwerthen. um das schöne Geschlecht nicht in die Bewegung hineinziehen zu lassen, wodurch dieselbe dann unausrottbar wäre, weil Frauen in Vorurtheilen noch hartnäckiger als die Männer sind, und darin eine Schonungslosigkeit üben, welche den letzteren meist unmöglich ist. Mehrere galante Kapläne, wie der Pater Schnabel von der Landstraße, könnten z. B. die ganze Wiener Frauenwelt antisemitisch machen, wie dieser die Frau Dr. Brzobohaty. Dann wäre aber der Antisemitismus in Wien nicht nur unbesiegbar, sondern würde sogar Formen annehmen, die durch Schärfe und Feindseligkeit gegen die Juden das Schlimmste befürchten ließen. Man denke sich ein Amazonenheer von Antisemiten in Wien: welche Gefahren für die jüdischen Einwohner! Nur dir. Romanlektüre kann diesem Nebel Vorbeugen. Den Muth, der dem jüdischen Romanschriftsteller abgeht, hat jedoch eine Frau gefunden. Vor uns liegt ein soeben erschienenes Buch einer genialen jüdischen Dame*), in welchem drei interessante Arbeiten dieses Genres enthalten sind: „Aus dem Leben eines Autodidakten", „die Scheidung" und „die Prinzessin", sämmtlich aus dem Leben der Juden Galiziens gegriffen. Der Autodidakt ist eine specifisch jüdische Figur. Die Gelehrten und Schriftsteller jüdischen Stammes in der Mendelsohn'schen Epoche und später in der Zeit der Emancipationskämpse, von denen noch einige in unsere Zeit herübcrragen, waren alle nur Autodidakten. Der jüdische Wissenstrieb, im Ghetto einzig und allein durch den Talmud genährt, weil die wissenschaftlichen Anstalten den Juden verschlossen waren und sie, wie die Geusen, in die Beleidigung ihren Stolz setzten und das profane Wissen verpönten, drängten Viele zu heimlich! betriebenem Selbststudiuui und sie brachten es weiter als die Schulfüchse. Die seelischen Kämpfe eines solchen Autodidakten mit seiner Erziehung, mit der gewohnten Anschauung, die materiellen Kämpfe i mit der Umgebung und mit Noth und Entbehrungen werden meister-! Haft in der Skizze „Ans dem Leben eines Autodidakten" geschildert, j In der Novelle „die Scheidung" läßt die Dichterin dem jüdischen > Ehegesetze mit der Anslöslichkeit der Ehe, Gerechtigkeit widerfahren.! Und in der „Prinzessin" wird der Leserin eine Civilehe zwischen einer I Jüdin und einem Christen vorgeführt. Es herrscht in diesen jüdischen j Geschichten nichts weniger als die Tendenz vor, dem Reformjudenthum einen Vorzug vor der Orthodoxie einzuräumen. Licht und Schatten sind zwischen den Parteien gleich vertheilt, in der „Prinzessin" wird sogar die Strenggläubigkeit sympathischer behandelt. Der Stil in diesem Buche ist ein edler, der Dialoge ein natürlicher und die Reflexionen voll Tiefe und Wahrheit. Man würde gar nicht glauben, daß der Autor eine Dame ist, wenn nicht erstens der Name auf dem Titelchlatte es sagte, wenn nicht eine Einleitung für die Berechtigung der Frauen zur schriftstellerischen Thätigkeit plaidirte, und *) „Aus dem Osten", Novellen und Skizzen von Agathe Schalit-Meisels. Wien. Verlag von Leopold Weiß. 1891.

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