Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 22 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 407 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22. Hesterrelchifche Wochenschrift Seite 407. er im Bette lag, und da machte er einmal die fürchterliche Wahrnehmung, daß Leser ein Buch auf der Gemara liegen hatte — — — — Wenige Tage darauf ließ Dowidel Galizenstein den „Verbrecher" auf sein Zimmer korumen und erklärte ihm, daß er ihn nicht länger im Quartier behalten könne. Eine tiefpeinliche Pause folgte dieser Erklärung. Sie klang, als enthielte sie ein Todesurtheil. Der junge Mann ließ einen Brief, den er soeben vom Briefträger erhalten und noch in der Hand hielt, vor Schrecken fallen. Das Herz klopfte ihm zum Brechen. In Hannchens schwarzem Augenpaar blinkten Thränen, Frau Galizenstein sagte mitleidsvoll tröstend: „Vielleicht läßt sich die Sache doch noch zum Guten wenden", und der Hausherr selbst war bewegt. „Wir haben Sie alle sehr lieb, aber es geht nicht. Sie schädigen meine Reputation... Leser wankte mehr als er ging zur Thür hinaus. In seinem Zimmer öffnete er den Brief. Der Inhalt hatte alle Schrecken für ihn verloren. Er war bereits bei seinen Eltern denu»cirt worden. Sein Vater schrieb ihm, daß er ihn, als Abtrünnigen, nicht mehr unterstütze. Noch an demselben Tage verließ der junge Mann das Bachurim-Qnartier bei Dowidel Galizenstein und hörte auf den Namen Bachur zu führen- Unter unsäglicher Noth saß der neue Student Tag und Nacht über den Büchern, um sich privat für die Prüfung zum Eintritte in eine höhere Klaffe des Lyceums vorzubereiten. Von Anstrengung und Entbehrungen schwand er aber sichtlich dahin. Den Galizensteins wich er auf alle mögliche Weise aus. Aber einmal fing ihn Frau Galizenstein doch auf der Gasse ab und lud ihn zu einer Zause ein. Widerstrebend folgte er der Einladung, wankte in die große Stube, hüstelte fortwährend, wobei runde rothe Flecken sich auf seinen Wangen zeigten. Frau Galizenstein unterwarf ihn einem genauen Verhöre über seine Verhältnisse. Mit schwacher, verschleierter Stimme beantwortete er ihre Fragen, und es lag so viel schmerzlicher Vorwurf in seinen Blicken, daß die Frau es nicht länger ertragen konnte und mit dem Fragen aufhörte. Er brach ein Stückchen Kuchen entzwei, doch auch dies ließ er verstohlen in die Tasche gleiten. Er aß es nicht. Mit steifer Haltung faß er aus dem Stuhle, ganz am Rande, als wäre er bei ganz Fremden und dies nahm sich so seltsam traurig aus. Die Wanduhr tickte in die Grabesstille hinein und die gute Frau wllßte kein freundliches Wort, keine erlösende Frage zu finden. Jedesmal, wenn sich die Thür öffnete, ergriff ihn ein- Zittern, als fürchtete er, haß Jemand eintreten würde, den er erwartete, Niemand kam. Der Student erhob sich endlich vom Stuhle. „Wollen Sie denn schon fortgehen?" „Ich muß", und dabei strich er mit den spitzen Fingern über die Stirne auf welcher die blauen Adern hervortraten, „ich habe heute noch viel zu lernen". Sie begleitete ihn bis auf den Hof hinaus, knöpfte ihm eigenhändig den Winterrock zu, damit er nicht unterwegs frier c. Und doch fühlte er gar keine Kälte: im Gegentheil, sein ganzer Körper glühte vor Hitze. „Besuchen Sie uns bald wieder Ein schwaches Lächeln erhellte fein Gesicht, welches beinahe durchsichtig schimmerte. „Wird Herr Galizenstein auch zu Hause sein, und... Hannchen? Wo sind sie denn eigentlich?" „Mein Mann ist, wie immer um diese Zeit, beim Schinr und das Mädel ist bei ihrer Tante." „Bei ihrer Tante..." sprach er im Flüstertöne und entfernte sich eilig. „Sie ist bei ihrer Tante!" sagte er auf dem Wege vor sich hin. Des Mädchens Taute hatte Studenten im Quartiere, ausgemachte, lustige Studenten. Er fühlte einen Stich im Herzen, dann packte ihn ein röchelnder Husten und er konnte nicht weiter gehen. Er lehnte sich an ein Haus, um auszuruhen. Als er heimkam, legte er sich sogleich in's Bett. „.Ich gehe nicht mehr hin, nein, gewiss nicht!" Er blieb auch am nächsten Tag im Bette, doch nahm er sich vor, am folgenden Tage aufznstehen, um hinzugehen. Aber am folgenden Tage wurde er in das israelitische Spital am Zuckermantel gebracht, wo er das Bett nicht mehr verließ und eines Nachts sanft entschlief. Es war ein nasses Novemberwetter am Morgen. Die herbstlichen Wolken hingen in greifbarer Dichte vom Himmet herab und schauerlich klang der Ruf „Zn die Schul!" durch die Gasse, was ein Zeichen war, daß der Todesengel in der Nacht eine Seele aus diesem Zammerthale abberufen hat, denn sonst wurde „schulgeklopft." „Wer ist gestorben? fragte Dowidel Galizenstein durch's Fenster die schon von der Gasse kommende Nachbarin, Oebstlerin, welche frühmorgens ihre Einkäufe auf dem grünen Markt machte. „Zhr ehemaliger Quartierbachur, der schöne junge Mensch, ist im Spital gestorben." Dowidel Galizenstein schlug vor Schreck die Hände zusammen. Hannchen erwachte, ihr Herz erbebte. „Gestorben,, Alles um sie herum schien dies eine Wort zu wiederholen. Die Nachbarin fügte die ironische Bemerkung hinzu: „Er hat ausstudiert". Hannchen kroch fröstelnd wieder unter die Decke. Ach er hatte ihr ja einmal versprochen, sie abzuholen, wenn er ausstudiert! „Schade um ihn: seufzte Frau Galizenstein. „Wohl ihm, besser, als daß er ein Posche-Zisrael geworden wäre", erwiderte ihr Manu salbungsvoll. „Du mußt zu seiner Lewaje gehen „Ich darf nicht, es bringt unser Bachurim-Quartier in Verruf." j „Du wirst ja gehen, Vater", sprach Hannchen, indem! sie traurig ihr Köpfchen erhob, wenn wir keine Bachurim mehr bekommen, so werden wir Studenten nehmen. 1 Und Dowidel Galizenstein wohnte nach dem Willen seines Töchterchens dem Leichenbegängnisse bei, an dem kein emziger Bachur theilnahm, dafür aber sämmtliche jüdische Studenten. Hannchen hatte diese Demonstration unsichtbar dirigirt. Bei Dowidel Galizenstein war aber von nun an nur ein Studenten-Quartier. Ritkrükur. Midrasch Hehklkim (Schocher Tob) kritisch bearbeitet, commentirt und mit einer ausführlichen Einleitung versehen von Salomon Buber. 3 Bände. Wilna, Druck und Verlag von Witwe und Gebrüder Romm. 1891. Jedesmal, wenn die Flut der halachifchen Literatur zurücktritt, kommt die Agada in den Vordergrund, wie die Perlmuschel, die den herrlichsten Edelstein des Meeres enthält, in der Ebbe zum Vorschein kommt. Die Agada, eine Literaturgattung, die außer der jüdischen keine Literatur der Welt besitzt, und einzig und allein nur das durchgeistigte Judenthum besitzen kann, weil sie. wie das! hier gebrauchte Symbol, die Perle, nicht durch die Form besticht. I sondern zu ihrem Verständniß das Denken herausfordert. Auch heute steht wieder die Agada im Vordergründe unserer literarischen Studien und wenn auch noch immer Mischna und Talmud die Basis unserer theologischen Wissenschaft bilden, nehmen doch die Midraschim, in welchen die Schätze der Agada niedergelegt sind, den weitesten Raum im Bildungskreise unserer Theologen ein. Die kritische Behandlung der Midrasch-Literatur sing mit Zun; an sich in achtunggebietender Weise zu entwickeln und ihr hervorragendster Repräsentant ist heute Salomon Buber. Er vereinigt die Haupterforderniffe zu solcher Arbeit: tiefe Gelehrsamkeit, Ernst der sittlichen Gesinnung und einen scharfen kritischen Geist. Was Buber durch eine Reihe von Arbeiten zur Ergründung der Midrasch - Literatur j beigetragen, ist bekannt. Mit dem vorliegenden Werke hat Buber