Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 22 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 406 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 406 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 22 Meyer-Cohn und Bernhard Croner besteht. Gleichzeitig hat sich das bisher in Charlottenburg bestandene Hilfs-Comite durch Eintritt von Mitgliedern des Deutschen Central- Comite's zu einem „Beilin-Charlottenburger Local-Comitö" erweitert, dessen geschäftsführenden Ausschuß die Herren Ferdinand Reichenheim, Generalconsul Eugen Landau, Karl Emil Franzos und Georg Isaak bilden. Sämmtliche Geldspenden — also auch die für das Local-Comitv bestimmten — sind fortan ausschließlich an den Schatzmeister Herrn Generalcousul Eugen Landau hier, Wilhelmstraße 70d, zu richten. Die Provinzial - Comites treten demnächst in Thätigkeit. ^<ms. Die Marmorbüste, welche die Vorsteher der hiesigen russischen Colonie dem Gesandten Baron Mohrenheim zum Geschenke gemacht haben, ist das Werk eines tüchtigen russisch-jüdischen Bildhauers namens Bernstein. — Die Baronin Mohreuheim hat das Patronat über eine russische Wohlthätigkeitsgesellschast angenommen, welche jüngst in Paris errichtet wurde, um arme Landsleute ohne Unterschied des Glaubens zu unterstützen, und zu repatriiren. Mehrere wohlbekannte russische Juden befinden sich im Comitv. — General Hinstin wurde zum Gouverneur und Obercommaudanten von Verdun ernannt. Mzza. Der erste Schritt zur Activirung des internationalen Heims für jüdische Kranke wurde durch Ankauf der Villa Felicie gemacht. Diese Villa ist infolge ihrer Größe und wunderbaren Lage vollständig für den beabsichtigten Zweck geeignet. Mr. Manuel Castello, ein regelmäßiger Besucher von Nizza hat sich um die Activirung große Verdienste erworben. Voraussichtlich werden nächsten Winter vorläufig ein Dutzend Betten zur Verfügung stehen. Für solche Kranke, die in der Lage sind, einen mäßigen Betrag zu bezahlen, werden besondere Zimmer eingerichtet sein. Vor etwa drei Jahren hat ein anonymer Philanthrop 100.000 Frcs für das projectirte Institut gespendet und hat seither seine Spende um weitere 50.000 Frcs vermehrt. Mom In Verbindung mit der vor einigen Wochen vorgesallenen Explosion wird ein Act der Hochherzigkeit seitens der Königin Margherita berichtet. Unter den Verwundeten befand sich eine junge Jüdin, an deren Bett die Königin bei ihrem Besuche des Hospitals stehen blieb, um sich über len Grad ihrer Verwundung zu erkundigen. Als die Königin erfuhr, dass das Mädchen beide Füße verloren hatte und dass sie weder Vater noch Mutter habe, versprach die Königin, dass sie persönlich für die Zukunft der armen Kranken sorgen werde. Familirublstt. Wochen- Juni 1891 Jjar 5651 Kalender Freitag 5 28 Samstag 6 29 ■21122 Sonntag 7 1 tmn twn Montag 8 2 Dienstag 9 3 Mittwoch 10 4 Donnerstag 11 5 ^Freitag 12 6 1. Psingstfeiertag Bachur und Student. Ein Culturkampfbild aus Halbvergangenheit. Der Bestand der Preßburger Jeschiwah in ihrer Vlüthezeit vor fünfzig Jahren war für die Gemeinde nicht blos eine religiöse, sondern auch noch eine wirthschaftliche Angelegenheit. Sechs- bis siebenhundert junge Leute, wenn ihre Bedürfnisse auch noch so bescheiden waren, brauchten doch Bäcker, Greißler, Garküchen, Schuster, Schneider?c. Durch die Jeschiwah war ferner ein reger Fremdenverkehr in der Gasse, die jungen Leute wurden öfters von Eltern und Verwandten besucht, die zugleich Einkäufe machten und Geld da ließen. Endlich bestritt so manche Familie die ganze Miethe iHrer Wohnung von der Kammer, die sie an Bachurim vermiethete. Solche Bachurim-Ouartiere gab es aber nur eine beschränkte Anzahl. Erstens weil ein integrirender Theil eines solchen Quartiers eine große Bibliothek sein mußte, bestehend aus mindestens den zwölf Folianten des babylonischen Talmuds, den sechs des Alfasi und den je vier des Rambam, Tur und Schulchan-Aruch; zweitens weil auf der Frömmigkeit des Quartiergebers und seines Hauses nicht der geringste Makel haften durfte und die Reformgedanken aber schon in der Atmosphäre der Gasse lagen; und drittens weil keine erwachsenen Töchter im Hause sein durften, die Frommen aber aus einem bisher physiologisch noch unergründeten Räthscl zumeist mit Töchtern gesegnet find, die doch einmal groß werden müssen. Ein solches Bachurim Quartier war feit Jahren bet Dowidel Galizenstein im Edelhof. Sein Bücherkasten war complet; seine Frömmigkeit über jeden Zweifel erhaben und seine älteste Tochter zählte noch nicht vierzehn Frühlinge, ein Alter, das bei der naiven Anschauung der damaligen Zeit noch ungefährlich war. Die letzten Bachurim die bei Dowidel Galizenstein im Quartiere waren, hießen Leser Nädas und Jeinkl Trenchin — man nannte die Bachurim, wie an den alten italienischen Hochschulen, nur nach ihrer Heimat. Es waren immer zwei in einem Quartier. Das Zusammenkoppeln bewerkstelligte jedesmal ein „bemoostes Haupt", das die Fähigkeiten und Eigenschaften der erst kurze Zeit hier Weilenden, der „Füchse", wie man sie an deutschen Universitäten genannt hätte, kannte oder zu kennen vermeinte, und einen Schwächeren mit einem „schärferen Kopf", Zeinen Lässigeren mit einem Fleißigen und einen nicht genug Frommen mit einem „Chassid" paarte. Als Chassid galt Jeinkl Trenchin während Leser Nädüs im üblen Gerüche stand, daß er deutsch lesen könne. Leser hatte übrigens auch noch etwas liebenswürdigere Umgangsformen und kleidete sich mehr modern — also Grund genug, auf ihn acht zu geben, daß er nicht als räudiges Schaf die Herde anstecke. Es war ein förmliches Spionirsystem eingeführt und wer dem Ketzergericht verdächtigt wnrde, war die längste Zeit Bachur gewesen. Was wurde er dann? Student. Bachur und Student unterschieden sich wie das gute von dem bösen Prinzip. Ormuzd und Arihman.' Wen die Jeschiwah ausstieß, der verfiel dem evangelischen Lyceum. Auf diesem Wege sind aus der Preßburger Jeschiwah Staatsmänner, Gelehrte, Dichter und Schriftsteller hervorgegangen. Jeinkl Trenchin vigilirte auf seinen Collegen mit allem Eifer eine frommen Seele. Sie hatten nur ein Bett, schliefen jedoch nicht beisammen, sondern lösten sich um Mitternacht ab. Der Eine stand aus und der Andere legte sich nieder. Mit Argusaugen wachte aber der finstere Jeinkl auch wenn