Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 22 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 403 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Hesteneichische Wochenschrift Seite 403 übermüthig, wie die Russen. Sie sind noch viel reactionärer als unsere altpreußischen, pommerschen, märkischen und mecklenburgischen „Edelleute". Die Gattin eines großen jüdischen Bankiers aus dem Innern Rußlands, begab sich im vergaugentu Jahre nach einem Bade in den baltischrussischen Ostseeprovinzen, in dem die baltisch - lutherischen Barone den Ton angeben. Kaum war sie da, so wurde schon von ihr die Curtaxe eingefordert, welche die Berechtigung zu den Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten der Badeorte erschließt. Als die Dame nun am Abend das sehr primitive Curhaus betreten wollte, um sich den sehr mäßigen Genuß zu verschaffen, .das Eoncert der Curkapelle zu hören, wurde ihr bedeutet, daß einer Jüdin das Betreten des Curhauses verboten fei. Nach ein paar Tagen kam ihr Mann zum Besuch und forderte die Curtaxe zurück, wenn seine Gattin nicht die Annehmlichkeiten genießen dürfe, für welche die Curtaxe bezahlt werde. Das wurde ihm verweigert. Da überließ er den baltischen Junkern die von ihnen ergaunerte Curtaxe und führte seine Gattin nach einem deutschen Ostseebade, wo sie zwar noch einmal Curtaxe zahlen mußte, aber doch auch die dafür in Aussicht gestellten Aunehmlichlichkeiten mit genießen konnte. Den „baltischen Baronen" wird also nun mit demselben Maße gemessen, mit denen sie Anderen messen. Che man für sie eintritt, müssen sie selber den Segen des Mortes erkennen: „ Gleiches Recht für Alle!" London. Samstag abends fand in der Assembly.Call, Miste End, eine große Versammlung statt, in welcher die Colonisirung des heiligen Landes durch Inden zur Sprache gebracht wurde. Der breite Raum der großen Halle war dicht gefüllt und dürfte voraussichtlich eine so zahlreiche besuchte jüdische Versammlung noch nicht dagewesen sein. Die Versammlung wurde von dem Vorsteher der Chovevei Zion Society einberufen und bezweckte nicht so sehr einen Appell an die sinancielle Unterstützung dieses Unternehmens, als vielmehr die Beschlussfassung über eine Petition, welche durch Lord Rothschild an den Marquis von Salisbury gerichtet werden sollte, in welcher die britische Regierung um ihre Intervention einerseits bei der russischen Negierung, um den Juden die Auswanderung zn erleichtern, andererseits bei der türkischen Negierung, um ihnen die Niederlassung in Palästina und den angrenzenden Ländern zu gestatten, gebeten werden soll. Die Versammlung, welcher Mr. Samuel Montag» präsidirte und in welcher Rev. S. Singer die Petition, welche in hebräischer und englischer Sprache abgefasst ist, zur Verlesung brachte, nahm einen sehr würdigen Verlaus und wurde schließlich die Resolution einhellig angenommen und die Petition von 2000 Theilnehmern der Versammlung sofort unterfertigt. Noch sei erwähnt, dass der Vorsitzende in seinem Schlussworte bemerkte, dass vor 10 Jahren zur Unterstützung der russischen Glaubensgenosseu 200.000 Pfund subscribirt wurden. Er gab der Hoffnung Ausdruck, dass, wenn die öffentliche Wohlthütigkeit neuerlich an seine Glaubensgenossen appelliren werde, sie ihren wohlthätigeu Sinn abermals bekunden und einen noch größeren Betrag ausbringen wurden. In einer stattgehabten Unterredung des Londoner! Vertreters des Depeschenbureaus „Herold" mit dem bri-! tischen Parlamentsmitglied M o n t a g n e bezüglich der! russischen Judenfrage führte Letzterer aus, er begünstige die j Auswanderung der Juden nach Amerika, weil er glaube, daß diese Auswanderung derjenigen nach Palästina vorzuziehen sei. Wenn er trotzdem die Errichtung von jüdischen Colonien in Palästina unterstütze, so geschehe es deshalb, weil er einsehe, daß der Drang der russischen Juden nach Palästina ein starker sei. Er hoffe, die einer Gründung von jüdischen Colonien in Palästina entgegenstehenden Schwierigkeiten unter Mitwirkung Rothschild's, der englischen Regierung und des Sultans überwinden zu können. lieber die Einwanderung von Ausländern nach London, die sich in dürftigen Verhält» nisten befinden, führte Montagne aus, das Comitö könne die Art und Weise des Transportes derselben nicht gutheißen; es thäte aber das Möglichste, um dieselbe zu verbessern. Die Gegner der Einwanderung zählten nur die Hinzukommenden, nicht auch die Wiederabgehenden. Während der letzten 20 Jahre wäre die Gesammtzahl der nach London eingewanderten Ausländer kaum 10.000 gewesen. Vor zehn Jahren hätten die Engländer 200.000 Pfd. für russische arme Juden gesammelt. Er wäre überzeugt, daß jetzt aus gleichem Anlaß viel Möhr zusammen kommen würde." — Inzwischen dauert die Einwanderung der Juden in England fort. Gestern kamen wieder 81 an auf dem Dampfer „Minerva" der Firma Perlbach. „Im Unterhause wurde von mehreren Seiten der Regierungsvertreter interpellirt, ob der Regierung das Anwachsen der Zahl armer Einwanderer bekannt sei und ob dieselbe etwas dagegen vorzukehren beabsichtige. Mr. W. H. Smith antwortete: Die ganze Angelegenheit nimmt die Aufmerksamkeit Ihrer Majestät Regierung in Anspruch; aber es hat nicht den Anschein, als ob die Einwanderung jenes Maß bedeutend überstiegen habe, welches erreicht worden war, als die Angelegenheit durch das letzte Comitv berathen wurde, welches Comito übrigens keine sofortigen gesetzlichen Maßnahmen in Vorschlag brachte. Die Frage ist mit großen Schwierigkeiten verbunden. Das Asylrecht in diesem Lande wurde von jeher eifersüchtig bewacht und aufrecht erhallen und die Frage der Verhinderung von Einwanderung in Angelegenheit von Fremden, welche als arm bezeichnet werden, müsste eine sehr sorgsame Erwägung beanspruchen, um größere Übel zu verhüten (Hört!). Es muss auch auf die Thatsache Bedacht genommen werden, dass eine sehr erhebliche Auswanderung von Engländern nach dem Continente stattfindet. Ich wiederhole, die Frage ist eine sehr schwierige und fordert eine sehr ernstliche Erwägung." — Ueber Anfrage von Mr. Cremer sagte Sir H. Hicks-Beach zn, es werden Informationen über Ein- und Auswanderung eingeholt und dem Parlamente von Zeit zu Zeit vorgelegt werden. Hork. Der plötzliche Tod des Erzbischofs von Aort, welcher dessen Erhebung ans den erzbischöflichen Thron so bald folgte, hat die innigste Theilnahme des ganzen Landes wachgerufen. Nicht nur die Familie des Verewigten, sondern auch die Kirche hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Wir Juden nehmen an diesem allgemeinen Schmerze den innigsten Antheil. Erzbischof Magee war unbestritten einer der tüchtigsten Männer des Landes. Im Hause der Lords hat der selige Dr. Magee, als er noch Bischof von Peterborough war, sich als Parlamentsredner den höchsten Ruhm erworben. Seine Ansichten über öffentliche Fragen innerhalb und außerhalb des Geschäftskreises der anglikanischen Kirche, waren nicht nur lichtvoll uno gesund, sondern er verstand es auch, sie recht nachdrücklich zum Ausdruck zu bringen. Es steht uns ein Brief aus dem Jahre 1882 zur Verfügung, in welchem der Vorschlag gemacht wurde, die Angelegenheit der russischen Judenverfolgung im Hause der- Lords zur Sprache zu bringen. Derselbe war an Herrn Oswald Simon gerichtet und lautet in deutscher Uebersetzung: „Jede Bewegung im Hause der Lords, welche die schreckliche Judenverfolgung in Rußland zu verurtheilen bezweckt, würde meine wärmste Sympathie und Unterstützung finden. Die einzige Schwierigkeit für mich, wenn ich bei einer Debatte zugegen sein und zu sprechen veranlaßt werden sollte, würde darin bestehen glauben zu müffen, daß noch irgend Jemand dagegen opponiren könnte oder kräftigeres Argnment als die bloße Erwähnung der Thatsachen ansühren zu müffen.