Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 22 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 398 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 398 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 22 wandern. Möge ihnen eine Frist von etwa 20 Jahren gewährt und es bestimmt werden, daß jedes Jahr so und so viele das Land verlassen müssen, aber möge man sie in Ruhe lasten, bis die Stunde ihres Abganges kommt. Befiehlt der Zar eine derartige Maßregel, so werden die an dem Schicksale der russischen Juden interessirten Personen Alles thun, um die nöthigen Gelder aufzubringen, damit die Auswanderer jährlich nach ihrer neuen Heimat geschafft werden. Ich mache mir keine Illusionen und hoffe nicht, daß diese meine Ansichten dem Zaren vor Augen kommen. Vielleicht finden diese Ausführungen aber günstige Aufnahme bei den höchsten rustischen Behörden und diese unterbreiten vielleicht ihrem Herrn Maßnahmen zur Durchführung meiner Vorschläge." Verrm M Abwehr -es Antisemitismus. Wien, 1. Juni. Im Restaurant „Kaiserhof" fand heute Abends die constituireirde Versammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus statt. Auf Einladung des vorbereitenden Comitäs, welches aus den Herren Rudolph Graf H o y o s, Friedrich Baron L e i t e n b e r g e r, Arthur Baron Suttner, Hosrath Professor Nothnagel, Dr. Eduard U h l und Dr. v. Kißling bestand, hatten sich zahlreiche Mitglieder eingesunden. In der Versammlung waren alle Berufsclassen vertreten, man sah Professoren, Aerzte, Advocaten, Künstler, Beamte, Kaufleute und Gewerbetreibende. Es hatten sich unter Anderen eingefunden Graf Edmund Zichh, die Professoren B i l l r o t h und K r a f f t - E b i n g, Bildhauer Victor Tilgner, Opernsänger Felice Mancio, Maler See los, die Reichsraths-Abgeordneten Superintendent Dr. Haase und Wrabetz, die Gemeinderäthe Noske, Dr. Z immer mann, Frauenberger, Djörup, Seiler und Ian otta, Dr. Ferdinand Kronawetter; auch zwei Damen waren anwesend, Baronin Suttner und die Postbeamtin Frau Marie Alb ach. Aus Berlin kam ein telegraphischer Gruß von Rudolf G n e i st und Heinrich R ü ck e r t. Baron Leite über g er eröffnete die Versammlung mit einer Anrede, in welcher er unter Anderem sagte: „Wir wollen mit Hingebung und Aufopferung arbeiten, um die Gesellschaft von der verpestenden Krankheit des Antisemitismus zu befreien. Die Beitrittserklärungen sind gleich beim ersten Schritte so massenhaft eingelausen, daß wir mit Freude einen Erfolg constatiren können." Dr. Uhl verlas den Entwurf der Statuten. Nach diesen soll der Zweck des Vereines die Bekämpfung des Antisemitismus, hauptsächlich durch Abhaltung öffentlicher Vorträge, Verbreitung belehrender Schriften, eventuell durch Gründung eines eigenen Vereinsorganes erreicht werden. Mitglied des Vereines kanrr Jedermann sein, der im Vollgenuste seiner bürgerlichen Rechte sich befindet. Dr. K r o n a w e t t e r beantragte, irr den Statuten vorzusorgen, daß der Verein nicht blos Vorträge, sondern auch! Discussionen veranstalten könne. Er (Redner) habe scholl i häufig die Erfahrung gemacht, daß der Regierungsvertreter | Discussionen über Vorträge untersagte. Es sei auch nothwendig, die Modalitäten festzustellen, unter denen ein Mitglied ausgeschlosten werden könne. Seitdem sich der Antisemitismus in Wien verbreitete und große Volksmassen von K.alksbürg aus dirigirt werden, sei ein heimtückischer, unaufrichtiger,jesuitischer Zug in die Bevölkerung gekommen; die Demokraten hätten es in den letzten Jahren oft erlebt, daß Leute in ihren Vereinen saßen und sich als Freunde gaben, während sie heimlich dem gegnerischen Lager angehörtcn und dort verriethen, was sie bei den Democraten gesehen und gehört hatten. Ein Verein, der auf die Mitwirkung zahlreicher Personen rechne, müsse gewärtigen, daß sich allerlei Leute einschleichen, die nicht in den Verein gehören, und dieser müsse man sich entledigen können. (Lebhafte Zustimmung.) Landesgerichtsrath i. P. Bern nek wünschte, daß man auch der Jugend Gelegenheit gebe, dem Vereine beizutreten. Herr Sandor I a r a h beantragte eine Einschaltung im §. 3, daß Jedermann ohne Unterschied der Confessio» dem Vereine beitreten könne. Man werde damit der weitverbreiteten Ansicht entgegentreten, als ob.der Beitritt von Juden vorderhand nicht erwünscht wäre. Gegen diesen Antrag sprach sich eine Reihe von Rednern energisch aus. Professor Bersch meint, der Verein halte sich an den im Staatsgrundgesetze ausgesprochenen Grundsatz, daß vor dem Gesetze Alle gleich seien, die Ausnahme der beantragten Einschaltung sei also überflüssig. Baron Leitenberger erklärte im Namen des vorbereitenden Comites, dasselbe habe es für selbstverständlich gefunden, daß Jedermann ohne Unterschied der Consession dem Vereine beitreten könne; das Comite müsse sich gegen den Antrag des Herrn Jaray aussprechen. Dieser zog nun seinen Antrag zurück, woraus die Statuten mit den von Herrn Dr. Kronawetter beantragten Amendements angenommen wurden. Nun wurde zur Wahl des Vorstandes geschritten. Herr Balduin Groller beantragte folgende Liste: Präsident, Graf Rudolph Hoyos; erster Vicc-Präsident, Baron Suttner; zweiter Vice-Präsident, Dr. Eduard Uhl; Schriftführer: Herr Gideon G ü n st e, Major i. P. und Gemeinderath August I a n o t t a; Cassier, Herr August B a i l i n g. In den Vorstand seien ferner zu wählen die Herren: Professor Eduard Sueß, Dr. Kronawetter, Dr. v. Kißling (Linz), Ludwig H e t s a y, Generalmajor a. D. Eduard v. Mingazzi und Gemeinderath Dr. Zimmer m a n n. Gemeinderath Djörup gab seinem Erstaunen darüber Ausdruck, daß Baron Leitenberger ans dieser Liste fehle und Bezirksausschuß N i s s e k fragte, warum Hofrath, Professor Nothnagel nicht in dieselbe ausgenommen worden sei. Baron Leite nberger erklärte nun in seinem Namen und dem des Hofrathes Nothnagel, daß die Liste mit ihrer Zustimmung zusammengestellt worden sei; er und Herr Hosrath Nothnagel werden immer mit dem ganzen Herzen bei der Sache sein; sie seien jedoch durch Berussgeschäfte verhindert, die laufenden Vereinsgeschäfte zu erledigen. Gemeinderath Noske bemerkt hierauf, es würde in der Oesfentlichkeit keinen guten Eindruck machen, wenn die Gründer des Vereines die Führung desselben Anderen überlassen wollten; sie müßten das Opfer bringen, wenigstens die geistige Führung des Vereins weiter zu behalten. In demselben Sinne sprach Gemeinderath F r a u e n b e r g e r. Es sei eine Ehrensache für die beiden Herren, an der Spitze des Vereins zu bleiben. Hosrath Professor Nothnagel erwiderte: Was wir bisher gethail haben, geschah aus innerster Ueberzeugnng, aus der Empfindung der Pflicht. Allein ich versichere Sie, ich erliege unter der Last der Arbeit, die ich zu bewältigen habe, und was ich erfüllen muß, geht fast über das Maß meiner physischen Kraft hinaus. Ich möchte deßhalb bitten, mir keine officielle Stellung zu geben; nichtsdestoweniger werde ich immer bereit sein, Alles zu thun, was für den Verein gut und nützlich ist. Superintendent Dr. Haase: Die Thatsache, daß sich so hervorragende Männer an die Spitze des Vereins gestellt haben, bedeutet bereits eine Thätigkeit, eine Manifestation gegenüber der Bevölkerung. (Lebhafte Zustimmung.) Diese Thatsache darf nicht dadurch paralysirt werden, daß diese hervorragenden Persönlichkeiten gewissermaßen vom Schau- < platze abtreten. i