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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-05 · 22 (5.6.1891) · p. Seite 397

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
22 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 397 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 22 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 397 nehmen gewährt. Was Korfu anbelangt, so rechne ich sicher daraus, daß die griechische Regierung offen und entschieden Vorgehen wird. Die Wunde ist dort schon lange offen, aber die Griechen, ein freundliches Volk, sollten lernen, alte Verstimmungen zu unterdrücken. Diejenigen, welche dies nicht tbun wollen, sollten entschieden verhindert werden, denselben Ausdruck zu geben. Machen Sie gefälligst von dem Inhalte dieses denjenigen Gebrauch, welchen Sie für gut halten und glauben Sie mir, daß ich Ihren Absichten allen Erfolg wünsche. Ihr W. E. Gladstone." Dieser Brief, welcher, wie alle Gladstone'schen Schreiben, an den wichtigsten Stellen unklar ist, hat vielfach den Spott der englischen Presse hervorgerufen. Das Leiborgan des greisen Staatmannes. „Daily News", zeigt sich sehr zurückhaltend. Ein directer Appell an den Zaren, so meint das Blatt, fei nutzlos, wie die Adresse der Guildhall-Versammlung bewiesen habe. Im Uebrigen seien die Einzelnheiten über die Ausweisungen der Juden aus Rußland schon bekannt und das Beste wäre, die Mißhandelten zu unterstützen. Die"„Times" weist darauf hin, daß Gladstone früher, anläßlich der Greuel in Neapel und in Bulgarien, nicht so geduldig auf die „Feststellung der Thatsachen" gewartet habe, wie er dies jetzt in Betreff dcr Judenverfolgung in Rußland thun wolle. Das Sonderbarste aber sei, daß Gladstone jetzt den „unaussprechlichen Türken" ausfordert, den von der russischen Regierung verfolgten Inden, den Opfern christlichen Fanatismus, eine Zuflucht in Palästina zu bieten. Es sei neu und auffallend, daß Gladstone auf die Milde des Sultans für die Opfer der Intoleranz des Zaren hoffe. Im Uebrigen constatirt auch die „Times", daß das, was Gladstone noch festgestellt zu sehen wünsche, längst sestgestellt sei. Die Austreibung der Juden sei nur ein Theil des Planes, Rußland von allen fremden Elementen zu befreien. Der „Standard" bemerkt, daß die öffentliche Meinung in jedem civilisirten Lande bereits bis zum größten Theile ans Seite der mißhandelten Juden stehe, allein diese öffentliche Meinung habe keinen Einfluß auf einen Staat, welcher außerhalb der Strömung europäischen Fortschritts liege, und in Rußland selbst gebe es keine öffentliche Meinung, an welche man sich mit Erfolg wenden könnte. Es sei eine traurige Thatsache, daß Europa mit gekreuzten Armen zusehen müsse, „wie Barbareien orgänisirt und ausgeführt werden, welche unsere Generation mit Schmach bedecken." Man könne nichts thun, es sei denn, daß man bewaffnet einschreite. Das Seltsamste in Gladstones Brief sei fein verhüllter, aber doch nicht ganz verdeckter Tadel gegen das „Heilige Rußland". Gladstone habe allmählich herausgefunden, daß der Zar zwar bereit sei, die liberale Partei in England für seine Zwecke zu mißbrauchen, aber sonst wolle er von ihr nichts hören. Der „Daily Chronicle" meint, daß Herr Montague ein förmliches Staatsdepartement einrichten müßte, wenn er von Gladstone noch gewünschte Information beschaffen wollte. Wenn das geschehen sein dürfte, werde diese Information nicht mehr nöthig sein. Das russische Volk sei arm und die Juden in Rußland seien bie einzigen Leute, welche Capital ansammeln. Die Verfolgungen würden vielleicht aufhören, wenn die Russen entdecken, daß das Land ohne die Juden nichts vorwärts komme, „wie eine Maschine nicht im Gang bleiben kann, ohne daß ihre Räder geölt werden". Der „Daily Telegraph" vergleicht dasgroße Rußland mit dem kleinen Griechenland und dieser Vergleich fällt ganz zu Gunsten des letzteren ans. Griechenland habe sofort der öffentlichen Meinung Gehör geschenkt, während Rußland überhaupt gar nicht begreife, was das „Gewissen Europas" sei und um die gute Meinung der civilisirten Welt kümmere es sich nicht. Der Zar und seine Minister hörten nichts, als ob sie auf einem „Privatplaneteil" lebten. Der Moskowiter sei eben ein Barbar, welcher sich inmitten civilisirter Völker niedergelassen habe und sei noch weniger als der Türke im Stande, sich die Eultur unb Humanität des civilisirten Eontinents anzueignen. Auf solche Leute wie die russischen Beamten und deren Haupt einen „moralischen Druck" ausüben fei wohl hoffnungslos, dennoch sollte man es damit versuchen. Es seien übrigens stärkere Kräfte als menschliche außerhalb und innerhalb Rußlands in Thätigkeit, durch welche die Juden eines Tages gerächt werden würden. öaron Hirsch über die russische Lu-en-olM. In einer Unterredung mit einem Vertreter des Reuter'schen Bureaus legte Baron Hirsch letzter Tage ausführlich seine Ansichten über die russische Judensrage dar: „Es mag seltsam erscheinen," so äußerte sich der Baron, „daß die jetzt in Rußland gegen die Juden getroffenen Maßregeln, welche einer Massenansweisung gleichkommen, nach meiner Meinung nicht in jeder Beziehung ein Unglück für die russischen Juden find. Das Schlimmste, was ihnen passieren könnte, wäre, endlos ihr elendes, menschenunwürdiges Dasein weiterzufristen. Das einzige Mittel, ihre Lage zu verbessern, ist, sie nach anderen Ländern zu schaffen, wo sie dieselben Rechte genießen, wie die übrigen Bürger des Landes. Die jetzigen Vorgänge in Rußland mögen das Vorspiel dieses wohlthätigen Umschwunges sein. Die Juden haben freilich Jahrhunderte lang im russischen Reiche gewohnt und so ein Recht auf dem Boden, auf welchem sie leben, erworben. Das ist aber Alles reine Theorie, welche gegen die Thatsachen und den unbeugsamen Willen der russischen Regierung nichts vermag. Die Antipathie der russischen Staatsmänner gegen die Juden wurzelt nicht nur im Racenhaß, sondern auch in regiösen Anschauungen. Ich bin zu dem Schluffe gekommen, daß alle Bemühungen, auf die Entschlüsse der Regierung mäßigend einzuwirken, fehlschlagen müssen, und halte es deshalb nicht für ein großes Unglück, daß die russischen Juden ein Land zu verlassen gezwungen sind, in welchen! sie mit so unerhörter Grausamkeit behandelt werden. Von den verläßlichsten Gewährsmännern wird berichtet, wie Leute, gegen welche nicht der Schatten eines Vorwurfes vorlag, die ruhig ihren Geschäften nachgingen, Nachts aus ihren Betten geholt, mit Peitschen aus ihrer Wohnung getrieben, in Ketten gelegt und in das tiefste Elend gestürzt worden find. Frauen, junge Mädchen und Kinder sind unglaublichen Mißhandlungen ausgesetzt worden. Hunderte von Familien haben unter offenem Himmel Tage laug hungernd ans den Friedhöfen zubringen müssen, aller Unbill des Klimas ausgesetzt. Frauen haben auf dem Felde geboren und sind da gestorben. Diese Barbarei ist weit eher ein Unglück für die Juden, als die Austreibung seitens der russischen Regierung. Auf die Anfrage, was zur Linderung des Loses der russischen Juden geschehen kann, erwiedere ich, daß es zwei Mittel gibt. Erstlich dem Zar Kunde zu verschaffen, von den Grausamkeiten, welche in seinem Lande unter seinenv Namen verübt werden und um welche dieser nichts weiß. Wüßte er darum, so würde er sicher den Scheußlichkeiten ein Ziel setzett und bei Aufrechterhaltung der Politik, welche er den Juden gegenüber verfolgt, doch die Durchführung derselben in einer humanen, allmäligen und maßvollen Weise bewerkstelligen. Das zweite Mittel besteht darin, in die Expatriation.der Juden Ordnung und Methode zu bringen. Die Regierung des Zaren will 5 Millionen Juden los werden. Ganz recht. Möge sie wenigstens den Vielen, welche gleich mir an dem Schicksal dieser Verfolgten interefsirt und bereit find, die größten Opfer zu bringen, erlauben, sie zu retlen. Ohne 1 solche Hilfe könnte die russische Regierung sie gar nicht los werden, ohne sie in Massen abzuschlachten.-Das jüdische Volk ist häufig zur Auswanderung gezwungen worden. Mögen die in Rußland lebenden Kinder Israels sich diesem Schicksale fügen, aber möge es gestattet sein, ein neues Heim für sie in anderen Ländern zu suchen. Möglich, daß der Gerechtigkeitssinn des Zaren selbst die Initiative ergreift und den Juden die Zeit gönnt, damit sie attmälig aus-

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