Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 22 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 396 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 396 HesterreLchische Wochenschrift Nr. 22 „Denken Sie — sagte Macaulay — daß während einem Jahrtausend alle Menschen mit rothen Haaren eben wegen ihrer Haarfarbe Beschränkungen und Plackereien ausgesetzt worden wären; zweifellos würden die Rothhaarigen aller Länder sich als Mitbürger und Verwandte gefühlt haben, wenn dieselben auch von verschiedenem Blute wären." „Den Vorwurf, welchen wir dem Juden machen, betont Leroy- Beaulieu, kann er uns selbst wieder zurückgeben. Wenn er in vielen Fällen dabei beharrt, in einem Stamme oder in einer Gesellschaft für sich zu bleiben, so geschieht dies zum großen Theile deshalb, weil wir ihn dazu gezwungen oder daran gewöhnt haben. Heutzutage, wo wir ihm den Schlüssel zum Ghetto ausgeliesert haben, öffnen wir ihm auch immer freiwillig unsere Pforten? Wir Franzosen, Deutsche, Slaven, Ungarn, Rumänen, laden wir etwa den Juden gerne ein, au unserer Tafel Platz zu nehmen? Die Exklusivität kommt gewiß nicht mehr von Seite des Juden, sondern zum großen Theile von Seite der Christen. Was man ihm vorwirft, ist heutzutage nicht mehr, daß er sich mit seinesgleichen einsperrt und sich von uns fern hält, sondern im Gegentheile, daß er sich uuä aufdrängt. Was ist nun die Ursache dieser beharrlichen und unfreiwilligen Antipathie? Hat dieselbe keinen anderen Grund als instinctive Reminiscenzen an Vorurtheile unserer Eltern? Offen gesagt, ich wage es nicht dies zu bejahen. Um sich das zu erklären, muß man eine genauere Prüfung der jüdischen Race vornehmen, mit welcher zu verkehren noch so vielen Menschen von weit weniger edlem Blute widerstrebt. Um dieselbe kennen zu lernen, genügt es nicht zu wiffen, aus welchen Elementen, ethischen oder religiösen, sie sich zusammensetzt. Bevor wir sehen können, welchen Platz die zeitgenössischen Nationen den Juden einräumen sollen, ist es gut zu untersuchen, welches der Geist, der Charakter, das Genie der Juden ist. Das wird, glaube ich, ein eigenartiges Capitel der Psychologie sein." Mit dieser Aussicht auf eine höchst interessante Fortsetzung schließt Leroy-Beaulieu den zweiten Theil seiner in jeder Beziehung gediegenen und auf den eingehendsten Forschungen beruhenden Abhandlung. Gladstone's ßrief an Samuel Jlontape. Das englische Unterhausmitglied, Samuel M o n t a g u e, einer der wenigen liberalen Vertreter Londons und entschiedener Anhänger Gladstone's, hatte diesem am 6. Mai Ausschnitte aus der „Times" und dem „Standard", welche Einzelheiten über die in Rußland gegen die Juden verübten Brutalitäten enthielten, zugeschickt und bemerkt, „daß das einzige Verbrechen dieser Unglücklichen sei, Mitglieder der Race zu sein, welcher der Gründer des Christenthums der Religion des Friedens und der Liebe angehörte". Dann stellte er an den greisen Führer der liberalen Partei folgende Fragen: „Wollen Sie, welcher bedrückte Nationalitäten vertheidigt hat, Ihren großen Einfluß bei den russischen Machthabern anwenden, um eine Aenderung dieser brutalen Zwangsgesetze zu erlangen, welche zarten Frauen und Kindern Leiden, die schlimmer als der Tod sind, auferlegen? Wollen Sie sich Denjenigen anschließen, welche für die russischen Juden dieselben Rechte beanspruchen, welche den mohamedanischen Untenhanen des Czaren gewährt werden, welche ebenfalls Semiten sind und ebenso wie die Juden von Abraham abzustammen behaupten? Ich bin davon überzeugt, daß Sie für die mit der Austreibung aus ihrem Geburtslande Bedrohten, welchem sie in Treue anhängen, eine Frist verlangen werden, bis deren Glaubensbrüder für die allmälige Auswanderung nach Ackcrbaucolonien Arrangements treffen können." Darauf hat nun Gladftone dem „Jcwish Chronicle" zufolge nachstehende Antwort aus Hawarden vom 27. Mai gesandt : „Lieber Montague! Mein Influenza-Angriff hat mir, was die Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten betrifft, vierzehn Tage geraubt, aber er hat mich nicht verhindert, viel und oft über Ihren Wunsch nachzudenken, meinerseits mich über das neueste Vorgehen gegen die Juden in Rußland zu äußern. Der wahre Grund, welcher es mir schwer macht, zu schreiben, ist die Ungewißheit, ob dadurch etwas gut gemacht wird. Es ist leicht, einen verurtheilenden Brief loszulassen und auf Grund der in den veröffentlichten Mittheilungen enthaltenen Anklagen Bedauern und Entrüstung auszudrücken über Vorgänge, welche beides zu verdienen scheinen. Aber ein solcher Brief mag nichts besseres als ein Schnaps sein, welcher zeitweilige Wärme hervorruft. Auch habe ich zu bedenken, daß solche Auslassungen, wenn nicht auf rechtes Wissen und genaue Untersuchung gestützt, an sich wenig werth sind und selbst jene Ultrapartei stärken mögen, welcher dies sonderbare und widerliche Vorgehen wirklich zuzuschreiben, nicht aber, wie ich annehme, den gegenwärtigen Czaren oder seinen erleuchteten und hervorragenden Unterthanen, welche zu nennen leicht wäre. Wie Sie, fühlte auch ich mich unter Anderem beunruhigt durch den Kontrast zwischen der weisen Behandlung, | welche Rußland seinen mohamedanischen Unterthanen zu Theil i werden läßt und den angedeuteten Maßregeln. Ein Mißverständnis bei Ihnen muß ich jedoch entfernen. Sie bilden sich ein, daß ich bei der russischen Regierung Einfluß besitze oder bei ihr Gehör finde. Vielleicht ist dies in geringem Maße zu einer Zeit der Fall gewesen, allein im Jahre 1885, als ich Premierminister war, habe ich genügende Beweise erhalten, daß dem nicht so war und seitdem ist kein Grund zu einer solchen Annahme vorhanden gewesen. Ein persönliches Vorgehen meinerseits würde kein Gewicht haben und wegen Mangel an Kenntniß sollte es keins haben. Wenn Sie mich um meinen Rath fragen, will ich Ihnen nach bestem Wiffen antworten. Ich habe mehr als einmal in meinem Leben durch einen Appell an das große europäische Publikum versucht, wenn auch in noch so bescheidenem Maße, eine starke Meinung in der civilistrten Welt gegen arges Unrecht in einem bestimmten Lande zu bilden. Aber bei diesen Versuchen habe ich mich stets zu stützen vermocht auf die breite Grundlage ziemlich gut festgestellter Thatsachen. Ich habe bedeutendes Vertrauen zu dieser Methode, aber sie erheischt Geduld, ununterbrochene Arbeit und viel Verantwortlichkeit. Sie haben ohne Zweifel wirksame Organisationen in diesem Lande in Betreff Ihrer Connationalen in der Fremde. Wenn ich einer solchen Organisation zu rathen hätte, würde ich sagen: setzen Sie die kompetentesten Leute in Bewegung, um in jedem Hauptlande die ganze Frage zu untersuchen: 1. In Betreff der auf die Juden in Rußland (oder nicht dort allein) bezüglichen Ausnahmegesetze. 2. In Betreff des Nachweises, daß für solche Ausnahmegesetze und namentlich für die außerordentlich harte Behandlung unter denselben gar kein Grund vorhanden ist. 3 In Betreff einer entsprechenden Zusammenstellung aller der neuesten wichtigen Vorgänge, wodurch es nothwendig würde, die zerstreuten Mittheilungen von einer Menge Zeitnngsberichterstatter zu vereinigen. Es scheint mir, daß dieses Werk, welches, wenn ernst ausgeführt, schwierig ist, eine wirklich mächtige Artillerie zusammenbringen würde, welche gegen die Citadelle des Unrechts spielen könnte. Sie werden sicher bemerken, daß ich den Gegenstand Ihres Briefes, mag ich ihn nun weise oder nicht weise behandelt haben, nicht leicht genommen habe. Kein Staat und mag er der größte auf der Erde sein, hat das geringste Recht, sich über solche Einmischung zu beklagen, zumal sie der beschuloigten Negierung die vollständigsten Mittel zur Vertheidigung gewährt. Es gibt da noch Nebenfragen,' auf welche ich des Weiteren nicht eingehen will. Den Plan zur massenhaften Ueberführung der Juden nach Palästina betrachte ich mit warmem und freundlichem Interesse und ich werde sehr froh sein, wenn der Sultan seine Unterstützung einem solchen Unter-