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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-05 · 22 (5.6.1891) · p. Seite 394

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
22 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 394 (sequence 8)
Language
German
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Sette 394 Hesterreichische WochmschrifL Nr. 22 zu: fördert das Wohl des israelitischen Religionsunterrichtes, fördert das Wohl unserer Schule und unserer Lehrer, denn auf der Thora, auf der Lehre beruht die Zukunft des Judenthums. Dr. Max Grünfeld. ÄmtoleLeroy-öeaiüieu über den Antisemitismus. n. In dem ersten Maihefte der Revue des deux Mondes seht Anatole Leroy-Beaulieu seinen Essay ,Des dulks et I’Antisemitisme“ fort. Getreu dem in der Einleitung ausgestellten Programme, demzufolge die aufgeworfene Frage vom religiösen, nationalen und ökonomischen Standpunkte behandelt werden soll, hat der Verfasser in dem ersten Theile, über welchen wir bereits in Nr. 11 berichtet haben, die Vorwürfe gegen die jüdische Religion behandelt und wendet sich in dem zweiten Theile zur Behandlung der nationalen Beschwerden, indem er zunächst „Die jüdische Race und den Stammesgeist" bespricht. Der Vorwurf, die Juden bildeten eine eigene Nation, ein Volk im Volke, sie seien gewissermaßen fremdartige Eindringlinge unter den Völkern, - unter welchen sie leben, dieser Vorwurf ist so alt, wie der Antagonismus gegen die Juden überhaupt; er findet sich bereits in der Bibel formnlirt, welche den Pharao sagen läßt: „Sehet dieses Volk, die Kinder Israels, sie sind größer und mächtiger als wir" (Exodus I. 9), und mit fast derselben Motivirung verlangt Haman vom König Ahasver die Preisgebung der Juden: „Da ist ein Volk, zerstreut und versprengt unter die Völker durch alle Kreise Deines Königreiches, deren Gesetze verschieden sind von jenen anderer Völker, welche aber die Gesetze des Königs nicht befolgen" (Buch Esther, III., 8). Will man nun an die Lösung des aufgeworfenen Problems schreiten, so muß man sich zunächst darüber klar werden, was denn eine Nation sei. Nichts ist wohl schwieriger zu desiniren als der Begriff Nation. Leroy-Beaulieu stützt sich auf Renan, welcher darlegte, daß sich die Nationalität mit dem Nationalbewußtsein decke; eine Nation ist vor Allem das Product der Geschichte, was sie schafft oder erhält, ist die Gemeinschaft der Intel essen, der Traditionen, der Gefühle. Die Nationalität hat zur Voraussetzung viele Factoren, und in mehr als einem Lande war die Religion einer dieser Factoren; so früher in Spanien und so ist es jetzt noch in Rußland. Das ist eine der Ursachen, warum es den Russen oder Spaniern so schwer fällt, einen Juden als Mitbürger anzusehen. In gewissen Ländern, fast im ganzen Oriente, existirt keine Nationalitätsidee oder vielmehr dieselbe geht in der Religion auf. So vor Allem bei den Bekenner» des Islam. Bei den orientalischen Christen hat ihre Religion das Gefühl der Nationalität nicht vollständig erstickt, beide haben sich nur mit einander vermengt, so daß - dieselben mit einander untrennbar verbunden erscheinen. In einer solchen Welt, wo Christen und Muselmänner ihre Nationalität mit ihrer Religion identisiciren oder die Letztere zum Kennzeichen der Ersteren machen, kann auch der Jsraelitc keine andere Nationalität haben als seine Religion. Der Jude ist nothwendig Jude, sowie der Armenier Armenier und der Grieche Grieche ist. Diese Exklusivität der anderen Nationen und Religionen ist zugleich eine der Hauptbedingungen für die Conservirung isolirter Religionsgemeinschaften. Die orientalischen Länder haben uns durch alle Zeitläufe hindurch eine Anzahl von abgestorbenen, sozusagen mumificirten Völkern erhalten, welche sich in ihre alte Religion gewissermaßen eingepuppt und einbalsamirt haben; es sind dies die Kopten in Egypten, die Maroniten und Drusen am Libanon, die Parsts in Indien, die Armenier und Griechen in Asien. Sie alle sind Beispiele von Völkern und Stämmen, welche ihren politischen Verfall überlebt haben. Wenn die Juden also im Orient fortfahren, ein besonderes Volk zu bilden, so folgen sie damit nur der herrschenden orientalischen Tradition. Diese Jdentisicirung der Religion mit der Nationalität beherrschte auch die längste Zeit die europäischen Staaten. Intoleranz oder Politik haben versucht derselben bei uns die Oberhand zu verschaffen, bald zu Gunsten Roms, bald zu Gunsten der reformirten Kirche. Zu einer Zeit, wo es den Anschein hatte, als könne ein Engländer unmöglich Papist und ein Franzose nicht Protestant sein, konnte ein Jude ganz einfach weder Engländer noch Franzose sein. Rußland steht heute noch auf diesem Standpunkte. Moskau war nicht ungestraft lange Zeit im Contacte mit Byzantinern und Tartaren, in seinen Augen gibt es nur einen wahren Russen, das ist der Orthodoxe; alle anderen Glauben, christliche oder nicht christliche, werden im ossiciellen Sprachgebrauche der Gesetze als „fremde Konfessionen" bezeichnet. Mit Rücksicht darauf sind der Protestant und der Katholik nicht mehr beliebt als der Jsraelite; das einzige Privilegium des letzteren besteht darin, größeren Abscheu zu erregen. Der nationale Druck, welcher von Moskau aus auf alle nicht orthodoxen Unterthanen ansgcübt wird, wirkt am stärksten auf den Juden, den „Semiten", welcher doppelt fremd ist, durch seine Race und durch seine Religion. „Für uns Occidentalen Europas und Amerikas", bemerkt Leroy-Beaulieu, „ist dieser orientalische Standpunkt offenbar veraltet. Ich glaube, daß dies auch bald mit der Ansicht der Fall sein wird, welche die Nationalität nicht mehr von der Religion, sondern von der Race abhängig macht. Man hört sagen, jede Nation habe zu ihrer Grundlage die Einheit der Race und demgemäß können die Inden, welche eine Race für sich seien, an keiner anderen Nation theilnehmen. Sind wir dessen aber auch ganz sicher? Offen gesagt, der Deutsche, welcher seine Nationalität auf die Einheit der Race anfbauen will, scheint mir nicht weniger zurückgeblieben zu sein, als der Russe, welcher sie von der Einheit der Religion abhängig macht. Trotz ihres Scheines der Wissenschaftlichkeit und ihres modernen Aussehens gehört diese Confnsion der Nationalität mit der Race nicht weniger der Vergangenheit, und zwar einer sehr entlegenen Vergangenheit an. Auch das ist eine veraltete Idee und noch obendrein ein orientalischer Gedanke." Keine einzige der europäischen und amerikanischen Nationen gründet sich auf Einheit der Race. Die Engländer sind eine Mischung von Bretonen, Sachsen und Normannen; die Bevölkerung Frankreichs setzte sich aus Cymeren, Galliern, Iberern, Germanen und Latinern zusammen; in Deutschland sind die Teutonen stark vermengt mit Kelten und Slaven; Rußland und die Vereinigten Staaten von Amerika weisen eine ganze Musterkarte der verschiedensten Völkerschaften auf. Ja — wenden die Gegner ein — diese Völkerschaften sind alle miteinander verwandt; Franzosen, Italiener, Deutsche, Engländer, Russen sind Abkömmlinge eines gemeinsamen Stammes; sie sind „Arier" und gehören der großen indo - europäischen Völkerfamilie an; der Jude hingegen sei ein „Semite", er gehöre einer fremden Race an und könne sich den arischen Nationen nicht assimiliren. Dieser Einwand ist jedoch vollkommen unbegründet. Sind wirklich, die modernen Inden, wie dies seitens der Antisemiten behauptet wird, noch reine Semiten? Sind wir dessen sicher, daß es eine jüdische Race gibt und daß die Israeliten Europas, Asiens und Afrikas auch wirklich Nachkommen der Söhne Israels — des Landes Kanaan sind? Geschichte, Ethnologie und Anthropologie geben auf diese Frage übereinstimmend eine v e r n e i n e n d e A n t w o r t. Ernst Renan hat in seinem bereits im Jahre 1883 erschienenen Vortrage: „Das Jndenthum vom Gesichtspunkte der Race und der Religion" an der Hand der Geschichte klar dargethan, daß mindestens seit der Errichtung des zweitcn Tempels eine sehr bedeutende Vermischung der hebräischen

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