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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-05 · 22 (5.6.1891) · p. Seite 392

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
22 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 392 (sequence 6)
Language
German
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Seite 392 Hefierreichifche Wochenschrift Nr. 22 Sie halten neben der materiellen Civilisation, wie sie durch Eisenbahn-, Telegraphen- und volkswirthschastliche Kongresse manisestirt wird, die Idee der reinen intellektuellen Civilisation aufrecht. Sie erinnern die Menschen daran, daß sie > Menschen sind und was cs heißt: Mensch sein. Sie verwischen nicht die nationalen Unterschiede, noch die Konkurrenz unter den Bölkern, sondern sie spornen die Intelligenz jedes Volkes an, mehr zu leisten; und dieser Wettbewerb zwischen Universitäten hat ersichtlich andere Wirkungen, als der Wettbewerb zwischen Arsenalen." Es ist recht bedauerlich, daß derartige Empfindungen nur an Festtagen, schüchtern fast und in einige Entschuldigungen verpackt, sich hervorwagen dürfen. Ein Symbolist könnte aus der alphabetischen Länderfolge ein ganzes Lied der Kulturmenschheit machen. Leider entzieht sich auch die Wissenschaft allzu häufig ihrer völkerverbindenden Mission. Selbst Philosophen leisten mitunter Erkleckliches an patriotischen Schmeicheleien. Mit kräftigem Nachdruck hat in neuester Zeit nur Einer dieser Tiradenwirthschaft den Krieg erklärt, der individuellste Philosoph, Friedrich Nietzsche, der Socialisten und der Chauvinisten stählerner Gegner, der Geburtshelfer der neuen Aristokratie. Im ersten Bande feines Werkes „Menschliches, Allzumenschliches"*) schreibt er: „Der Handel und die Industrie, der Bücher- und Briefverkehr, die Gemeinsamkeit aller höheren Kultur, das schnelle Wechseln von Ort und Landschaft, das jetzige Nomadenleben aller Nicht-Landbesitzer, — diese Umstände bringen nothwendig eine Schwächung und zuletzt eine Vernichtung der Nationen, mindestens der europäischen, mit sich; so daß aus ihnen allen, in Folge fortwährender Kreuzungen, eine Mischrasse, die des europäischen Menschen, entstehen muß. Diesem Ziele wirkt jetzt bewußt oder unbewußt die Abschließung der Nationen durch Erzeugung nationaler Feindseligkeiten entgegen, aber langsam geht der Gang jener Mischung dennoch vorwärts, trotz jener zeitweiligen Gegenströmungen. Dieser künstliche Nationalismus ist übrigens so gefährlich wie der künstliche Katholizismus es gewesen ist, denn er ist in seinem Wesen ein gewaltsamer Noth¬ und Belagerungszustand, welcher von Wenigen über Viele verhängt ist, und braucht List, Lüge und Gewalt, um sich in Ansehen zu halten. Nicht das Interesse der Vielen (der Völker), wie man wohl sagt, sondern vor Allem das Interesse bestimmter Fürstendynastien, sodann das bestimmter Klassen des Handels und der Gesellschaft, treibt zu diesem Ratio, alismus; hat man dies einmal erkannt, so soll man sich nur ungeschcut als guten Europäer ausgeben und durch die That an der Verschmelzung der Nationen arbeiten: wobei die Deutschen durch ihre alte bewährte Eigenschaft, Dolmetscher und Vermittler der Völker zu sein, mitzuhelsen vermögen." Und in dem Kapitel „von Völkern und Vaterländern" :**) „Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitäts-Wahnfinn zwischen die Völker Europas gelegt bat und noch legt, Dank ebenfalls den Politikern des kurzen Blickes und der raschen Hand, die heute mit seiner Hilfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr die auseinandcrlösende Politik, welche sie treiben, nothwendig nur Zwischenakts-Politik sein kann, — Dank alledem und manchem heute ganz Unaussprechbaren werden jetzt die unzweideutigsten Anzeichen übersehen oder willkürlich und lügenhaft umgedentet, in denen sich ausspricht, daß Europa Eins werden will. Bei allen tieferen und umfänglicheren Menschen dieses Jahrhunderts war es die eigentliche Gesammtrichtung in der geheimnißvollen Arbeit ihrer Seele, den Weg zu jener neuen Synthesis vorzubereiten und versuchsweise den - Europäer der Zukunft vorwegzunehmen: nur mit ihren Vordergründen, oder in schwächeren Stunden, etwa im Alter, gehörten sie zu den „Vaterländern", sie ruhten sich nur von sich selber aus, wenn sie „Patrioten" wurden." *) E. W. Fritzsch. Leipzig 1886. **) Jenseits von Wut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. C. W. Naumann. Leipzig 1891. Eitelkeit, dem widerspricht Niemand, ist eine lächerliche Schwäche: Nationaleitelkeit mag sich noch so heroisch geberden, lächerlich bleibt sie doch und schwächlich, bei cller Brutalität. Dieser Schwäche zu schmeicheln, sollte für ebenso unanständig gelten, wie jede andere Speichelleckerei. Wer aber einem ganzen Volke schmeichelt, geberdet sich wie ein nationaler Wohlthäter. Was sich so in der Welt als Patriotismus breit macht, ist zu neun Zehnteln ein bloßes Manlheldenthum. Dieses Maulheldenthum tyrannisirt die Völker durch die patriotische Phrase, wie es in revolutionären Zeiten den Philister durch die blutige Phrase ins Bockshorn jagt. Maximilian Harden. Die Stellung de« mosaischen Religionslrhrero an nnserer Mittelschule. (Zur Budget-Verhandlung im Reichsrathe.) Wieder ist unseren Neichsboten die Gelegenheit geboten worden, in Anwesenheit des Herrn Unterrichts-Ministers ihre Wünsche und Beschwerden, ihre Postulata und Desiderata, in Bezug auf didaktische und administrative Fragen des Unterrichts-Ressorts und die Stellung der Lehrer, in Bezug ans Ueberbürdung und Grammatik-Unterricht in den elastischen Sprachen, vorzubringen. Mit einiger Freude haben wir nun gelesen, daß sich der Herr Referent des Unterrichts-Budgets beim Capitcs „Mittelschulen" auch jener Männer erinnerte, welche einen großen Theil der Schuljugend in den heiligen Lehren ihrer Religion, in ihrer Geschichte und in ihrem heiligen Schriftthum, dessen göttlicher Ursprung von Christen und Juden in gleicher Weise anerkannt wird, zu unterrrichten haben, ich meine der mosaischen R e ligi o n s le h r e r. Der Herr Referent kann des Dankes dieser Männer sich stets versichert halten. Wir aber, die wir diesem Nebenlehrerstande, diesen Parias im Lehrkörper unserer Unterrichtsanstalten angehören, wir mögen froh sein, daß sich eine Stimme wenigstens gefunden, die unser gedenkt und sich laut für uns erhebt. „Die Stimme ist die Stimme Jakob's", möchte ich mit der Bibel ausrufen. Unser Wunsch ist nur, daß in dem Gewirr von Lauten mitten unter den so verschiedenartigen Desideraten, dieser Laut nicht nngehört verhalle. Unsere Unterrichts-Verwaltung, welche in den letzten Jahren, so Großes und Wichtiges für die Verbesserung des Unterrichtes nach allen Richtnngen hin geleistet, wird gewiß auch dem mosaischen Religionsunterrichte, welcher doch sicherlich für die Israeliten dieselbe Wichtigkeit hat, wie der Religionsunterricht der anderen Confessiouen für die Bekenner derselben, ihre erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden. Soll aber der Erfolg im Unterrichte ein gesicherter sein, dann muß vor Allem die Stellung des Lehrers eine solche werden, daß er sich ganz und voll derselben widmen kann; dazu aber ist die gefestigte materielle Lage des Lehrers vor Allem nothwendig. Wir wollen nun diese Lage des mosaischen Religionslehrers hier ein wenig beleuchten. Die mosaischen Religionslehrer sind iheils Rabbiner theils weltliche Lehrkräfte. Von Letzteren wird der Unterricht theils in solchen Städten ertheilt, in welchen dem Rabbiner seine Amtspsiichten dies nicht zu thun gestatten, z. B. in Wien, Brünn oder an Orten, in welchen zwar Mittelschulen, aber aus irgend welchem Grunde keine Rabbiner sind, z. B.

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