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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-05 · 22 (5.6.1891) · p. Seite 391

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
22 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 391 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 22 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 391 die Leser in das Schweigen respektvoller Langeweile; will er aber genannt sein, dann radotirt er ein Halbdutzend chauvinistischer Phrasen daher und rasselt sein Sprüchlein gegen den bösen Cosmopolitismus herunter und trommelt das alte Fell: „Dieu, patrie, liberte. Trois idees et trois sentiments sans lesquels il n’ya pas de peuple.“ Oder er gibt einer legendären Elsässerin das Wort: „8i on me proposait d’etre riclie et tranquille en Allemagne, ou de mendier mon pain, avec mon enfant, eorame en 1870, je clioisirais de mendier. Et: ,Yive la France!“4*) Die Adresse der patriotischen Sehenswürdigkeit ist leider nicht beigefügt, aber der Artikel hat Erfolg. Der Stil ist schlecht, die Ideen sind banal und geradezu albern, auf öden Gemeinplätzen macht sich ein selbstgefälliges Pathos breit, aber — wie patriotisch ist die Tendenz! Das entscheidet. Wozu braucht ein Schriftsteller Geist und Talent, wenn er das nationale Banner immer bei sich hat und pünktlich jede Viertelstunde den patriotischen Glockenstrang zieht? Wenn er feine braven Landsleute in beständiger Einzugstlinmung erhält, durch Böllerschüsse, Fahnenschwenken, Säbelrasseln und kostenfreie Illumination? In der Uebertreibung selbst bleibt solches Unternehmen noch hochachtbar. Wo nur Begriffe fehlen, da stellt der Patriotismus, den ich meine, zur rechten Zeit sich ein. Eine politische Partei gibt, aus Sentimentalität oder auch aus Speculation, ihre Grundsätze auf: sie erhebt sich über die „engen Fractionsinteressen" zur lichten Höhe einer wahrhaft patriotischen Politik. Ein verkannter Poet ist ärgerlich, weil man seine Stücke nicht spielt: er wettert gegen die Fremdländerei auf deutschen Bühnen und beruft sich munter auf Lessing, als ob der nicht Arm in Arm mit Diderot nur gegen die schlechten Tragödien der Franzosen gekämpft und bei Sophokles und Shakespeare die ewigen Muster gefunden hätte. Ein Getreidebauer, ein Zuckerfabrikant, ein Grubenbesitzer möchte tüchtig verdienen: Fort, ruft er, mit den Anslandsprodncten vom deutschen Markt und — das ist der Humor davon — die Thore auf, daß die deutschen Produkte sich den Auslandsmarkt erobern können. Ein Anderer wieder macht deutschen Sect, den er nicht trinkt, der aber getrunken werden soll und muß: rasch wird es für eine Schmach erklärt, daß die Sieger von Sedan ihr gutes deutsches Einheitgeld nach Reims und Epernay tragen. Aber der französische Champagner schmeckt und bekommt besser — thut nichts: lieber noch einen verdorbenen Magen als einen so schmählichen Landesverrath auf dem'Gewissen. Und die Sentimentalen, die Poseure, die Speculanten, die Jntellektblinden werden nicht alle. Da dieses niedliche Spiel nun seit vielen Jahrzehnten in aller Patrioten Länder lustig geübt wird, so kann man sich ungefähr denken, was dabei herauskommen mußte. In der Wenzelstadt handeln deutsche Ausstellungsbesucher für ihr Eintrittgeld Ohrfeigen ein, in Paris ist der Deroulede los und in allerlei schönen Gegenden wird der Jude verbrannt. Inzwischen tagt der Weltpostvein, internationale Conferenzen lösen einander ab, die Dynastien, das Kapital, die Sozialisten bekennen sich znm Internationalismus und der Statthalter Petri sendet ein internationales Arbeiterschutz-Programm in die Welt. Dieser Widerspruch dauert nun schon eine hübsche Weile; das Unnatürliche pflegt immer länger zu leben als man glaubt. Mit Verachtung blickt man heute auf den Kosmopolitismus des achtzehnten Jahrhunderts, auf die Vorurtheilslosigkeit der Wieland und Göthe und Heine, auf den Universalismus der Weimarer und auf Schillers mitleidig belächeltes Wort: „Das vaterländische Interesse ist überhaupt nur für unreife Nationen wichtig, für die Jugend der Welt. Es ist ein armseliges, kleinliches Ideal, flir eine Nation zu schreiben, einem philosophischen Geiste ist diese Grenze durchaus unerträglich." So dachte man damals ganz allgemein, von Herder bis auf Jean Paul und Heine, der jetzt nur darum besonders verketzert wird, weil er zu Christus in einem gar zu nahen Verwandtschaftsverhältniß stand, zu Christus, dernebenbei bemerkt, alles eher denn ein Patriot, der vielmehr der Schöpfer der ersten und dauerhaftesten Internationale war und im Gleichniß vom Samariter die Nächstenliebe recht weit über die Grenzpsähle hinausgerückt hat. Der Chauvinismns gehört nicht zu den alterneueslen Kultur-Erfindungen Sicher aber spielt er erst seit nicht ganz hundert Jahren eine bedeutende, gewißermaßen staatlich und völkerrechtlich legitimirte Rolle. Früher raufte und mordete man um den Glauben, um Gewinn und Macht; jetzt schlägt man und wird geschlagen um das „Nationalitätsprinzip". Das vermißt sich, wenn Gervinus Recht hat, „nach Einem Gesetz dort das unnatürlich Vereinigte zu trennen und hier das unnatürlich Getrennte zu vereinigen", und es scheint, daß dieses Unterfangen das löblichste von der Welt ist, so lange es Czechen und Russen und Polen nicht in die handgreifliche Praxis umsetzen. Merkwürdig, daß die Welt achtzehnhundert Jahre ohne dieses Prinzip so leidlich auskommen konnte; noch merkwürdiger, daß es gerade nach der französischen Revolution sich die Welt gewann. Eine Erklärung für dieses Kuriosum soll hier nicht versucht, nur die Vermuthung gewagt werden, daß sich der alte anmaßliche Fanatismus ein neues Mäntelchen anmesfen ließ, nach der neuen naturwissenschaftlichen Methode. Zuerst hieß es: civis Romanus sum, ich bin was Besseres als ihr; dann wieder: ich bin ein Christ, also mehr als Jude und Türke; und endlich: ich bin ein Deutscher — oder Franzose oder Russe oder sonst was —, folglich von ganz besonderer Raffe. Der Erste bildete sich auf seinen Caesar, der Zweite auf seinen Heiland, der Dritte auf seinen Goethe oder auch Bismarck Beträchtliches ein. Die hatten etwas geleistet; wenn man sich recht eng an sie herandrückt, fällt wohl ein Sonnenstrählchen ihres Ruhmes auch auf die Landsmannschaft, die der Mühen eigener Kraftbethätigung dann überhoben ist. Wenn Goethe den Faust schrieb, wenn Moltke Schlachten gewann oder Koch eine bakteriologische Entdeckung machte — warum sollte ich nicht das Haupt höher tragen, da doch auch mich rin deutscher Schutzmann schirmt und bewacht? Für die Unfähigen gibt es heute zwei wundervoll bequeme Religionen; sie l,aben die Wahl zwischen Patriotismus und Sozialismus. Gegen beide Krankheiten ist ein Kraut gewachsen: der Individualismus. Es ist kein Zufall, daß in dem individuellsten Volke, daß bei den Engländern chauvinistische Ausschreitungen heute so wenig Boden finden wie sozialistische Prophetien. Wer selber was leisten und vor sich bringen kann, der braucht nicht vom Staat gefüttert, nicht durch die Großthaten seiner Landsleute verklärt zu werden, der braucht auch nicht um jede drohende Konkurrenz zu lärmen und zu winseln. Neulich wurde die Akademie in Lausanne zur Universität erweitert, alle Hochschulen der Welt hatten Deputationen entsandt uno ein freidenkender Franzose, Ernest Lavisse, erzählt*) von der Feierlichkeit: Diese ganze Welt gruppirte ich nach Ländern und die Länder folgten in alphabetischer Reihenfolge, denn in der Wifienschaft gibt es weder große noch kleine Mächte, uut das Alphabet entscheidet. Niemand denkt daran, sich darüber zu verwundern, daß ein und dasselbe Land, wenn es in den verschieden Sprachen einen verschiedenen Anfangsbuchstaben trägt, an Vorrang gewinnt oder verliert. L’Allmagne geht vor la France her, so bald es Allemagne oder Deutschland genannt wird; es tritt hinter Frankreich zurück dort, wo es Germania oder Germany heißt. Es ist eine charakteristische Erscheinung auf solchen Festen, diese Gleichheit der Völker vor der Wissenschaft. Und derartige charakteristische Züge sind nicht ohne Bedeutung. *) Le Tempa vom 16. und 19. Mai. *) Journal dea däbats vom 25. Mai.

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