Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 22 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 390 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 390 Hesterreichische Wochmschrift Nr. 22 welche von Rußland bis Berlin gelangt waren und nicht wußten, wie sie weiter kommen sollten. Zum Glück war man durch mitleidige Gaben schon so gestellt, daß man ihnen Bahn- und Schiffsahrt bezahlen und einen kleinen Zehrpfennig beifügen konnte. Im Bureau, wo man diese Karten kaufte, sab ich herzbewegende Scenen. Ein Mann hatte zwar ein Billet nach Amerika für sich, aber nicht für seinen Sohn. Als ihm das Geld, wofür er die Schisfskarte kaufen konnte, auf die Hand gezählt wurde, fing er an zu schluchzen. Ich hatte bis dahin keinen der Leute weinen gesehen. Ergebene Fassung bewunderte ich an allen. Die ersten heißen Thränen weinte ein Mensch, um deffen Herz sich vielleicht schon eine Eisrinde gelegt hatte und der sich nun wieder befreit und erlöst fühlte. Viele erhoben die Hände und erfiehten Segen auf ihre Wohlthäter herab. Das habe ich auf dem Charlottenburger Bahnhof unter den Stadtbahnbögen gesehen und gehört, und ich wünsche manchem Judenfeind, daß er einmal unter diese Menschen ginge. Die Consequenz des Antisemitismus ist die Vertreibung der Juden aus ihrem Vaterlande. Wer aber solches Elend sieht und sich klar macht, daß er an ähnlichen Zuständen auch nur die geringste Schuld tragen könnte, und vermag die Nacht ruhig zu schlafen, den will ich nicht um seine Menschlichkeit beneiden. Wer aber ein Herz im Busen fühlt, der helfe! Wir sehen mit hoher Befriedigung, wie man in unfern Gefängnissen Diebe und Mörder verpflegt, ihnen Arbeit gibt und sie heilt, wenn sie krank sind; nun, was man dem Dieb und dem Mörder thut, das versage man nicht dem unglücklichen, verfolgten russischen Juden! Die heroische Schwachheit?) In Prag wurden deutsche Ausstellungsbesucher geprügelt; in Rußland erließ man gegen die Juden Gesetze nach dem Muster der für verseuchtes Vieh geltenden Bestimmungen; in Nanking schlug man etliche Christen, in Korfu etliche Juden, am Tanganyka einige Hundert Neger todt. Außerdem wurde gehetzt: in Frankreich gegen Deutsche, in Portugal gegen Engländer, in Asien und Afrika gegen Europäer, in Oesterreich, Rußland, Deutschland gegen Juden. Das sind so etwa die Thatsachen, die der Culturgeschichtschreiber der Zukunft aus der zweiten Hälfte des Maienmonats vom Heilsjahre 1891 zu verzeichnen haben wird. Sonst gibt's von den nationalen Kriegsschauplätzen vorläufig nichts Neues zu berichten. Die ostasrikanischen Sklavenjäger sind in einer Beziehung die besseren Menschen. Sie machen Geschäfte in schwarzem Menschenfleisch und auf einige Dutzend Lodte mehr oderweniger kommt eS ihnen nicht an; noch niemals aber haben sie ihren blutigen Gewerbebetrieb für ein besonders patriotisches Unternehmen auszugeben versucht. Den Patriotismus überlassen sie den Nationen, welche die Neger durch Schießpulver, Christenthum und Branntwein der europäischen Civilisatio» zu gewinnen trachten. Bei denen kann man ganz ruhig sein: fürs Vaterland ist's, wenn sie in barbarische Bräuche zurückzusallen scheinen. Nicht der Concurrenzneid und derlei edle Regungen treiben die Slaven und Czechen, die Gallier und leider auch die Germanen, o nein die Sache wills, die gute Sache, nämlich: der Patriotismus, den der unmodern gewordene Lessing noch eine heroische Schwachheit nannte. Darüber sind denn nun zum Glück hundert Jahre verstrichen und jetzt liest man's anders. Man sollte gar nicht glauben, was der richtig verstandene Patriotismus alles vermag. Er kann nicht nur wdtschlagen, ohrfeigen und hetzen, er kann auch Genie verleihen, noch über's Grab hinaus mitunter. Lebte da in Paris ein schlimmer Bersemacher, von dem Niemand nichts wußte, bis er nach dem Kriege von 1870 ein höchst patriotisches Drama, den „Hetman", schrieb und mit einem Schlage ein berühmter Dichter wurde. Der Mann hat inzwischen die Erbschaft des Monsieur Chauvin in vollem Umsange augetreten und ist noch viel berühmter geworden; er heißt Paul Deroulede und man kennt ihn als braven Patrioten *) Aus der „Nation". und schlechten Musikanten. Wurde dieser Barde noch bei lebendigem Leibe gekrönt, so verschaffte seinem Zeit- und Volksgenossen Henri Regnault eine tödtliche Kugel wenigstens posthumen Ruhm. Er war ein mittelmäßiger Maler, so lange er lebte; als ihn aber preußisches Blei kalt gemacht hatte, da wurde er, eins, zwei, drei, zum nationalen Genie. Seine Grabstätte wurde zum Wallfahrtsort, sein Talent zum Glaubensartikel, und hunderttausend Fäuste erhoben sich gegen jeden schnöden Zweifler. Daß sich dennoch furchtlose Männer fanden, die eine Katze eine Katze und die geheiligten Künstler Stümper nannten, das ist eigentlich wunderbar. Herrn Deroulede gegenüber erfüllte Zola diese undankbare Pflicht; die Regnault-Legende versuchte ein jüngerer Schriftsteller, Herr Remy de Gourmont, zu zerstören. Aber der Patriotismus kann auch Märtyrer machen Zola ist ein unabhängiger Mann, dem sein ehrlich erworbenes Geld rücksichtslosen Widerspruch gegen nationale Paroxysmen gestattet und der noch kürzlich während der Anwesenheit der Kaiserin Friedrich den Patrioten derb die Wahrheit sagen durfte. Herr de Gourmont aber ist ein armer Teufel, der vom Ertrage seiner von Kennern gerühmten literarischen Arbeiten nicht leben kann und froh sein mußte, als er an der Bibliotheque nationale einen anständig dotirten Posten erhielt, den er zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten aussüllte. Da beging er ein Kapitalverbrechen: im „Mercure de France“ veröffentlichte er kürzlich einen Aufsatz, der den verdächtigen Titel trug: De joug du patriotisme. Darin standen fürchterliche Dinge, Dinge, bei denen ein nationales Gemüth von einer Gänsehaut überlaufen werden mußte. Der Wahl-Patriotismus, der Patriotismus der Seiltänzer- Reclame, der fpeculative, der sentimentale, der posirende Patriotismus: alle diese schönen Scheinbegriffe wurden der Prachtmäntel entkleidet und dann weidlich ausgepeitscht. Herr de Gourmont schimpfte nicht auf Deutschland, er sprach in bewundernden Ausdrücken von Goethe, Heine und Wagner und verbarg nicht seine Geringschätzung Henri Regnaults. Schaudervoll, höchst schaudervoll. Die Preß-Patrioten schlugen Alarm und auf ihre Denunciation wurde der Bibliothekar eiligst entlassen. Die Verwaltung verweigerte dem Bösewicht sogar das Gehör. Mit vollem Recht. „Hatte er Goethe angegriffen? Nein. Hatte er Haeckel mit Flintenkugeln bedroht? Nein. Er hatte sogar von Jules Lafargue, dem ehemaligen Vorleser der Kaiserin Augusta, in Ausdrücken zärtlicher Bewunderung gesprochen! Den wollte er also auch nicht todtschießen, und der war doch zweifellos ein Spion. Ja, was sollte mau von einem Bibliothekar erwarten, der eigensinnig genug war, Niemanden füsiliren zu wollen? Das hat in einem glänzenden Artikel*) der seine und muthige Octave Mirabeau gesagt und er hat die Hoffnung hinzugesügt, an die Stelle des Herrn de Gourmont alsbald einen Militär treten zu sehen, der die Wiedergewinnung von Elsaß-Lothringen zu seinem Lebensprogramm gemacht hat. „Je le vois d’ici, ce railitaire, et je Tentends, quand il passe devant les rayons oü sont les oeüvres de Goethe, hurler de sa voix rauque d’absinthe et de patriotisme . . . . ,Spece de salop!. . . spece de mutie! Prussien! Je t’en f . . . icherai, moi, des statues! . . Rrran! . . . Rrran!‘ Et il aura de l’avancement.“ Ohne Zweifel wird solch ein miles gloriosus im Avancement bevorzugt werden. Denn der Gassenpatriotismus ist nicht nur ein vortrefflicher Ausguß für die tief im Volke wurzelnde Dummheit und Rohheit, er ist auch ein gutes Geschäft, das seinen Mann reichlich nährt. Und durchaus nicht nur in Frankreich. Ueberall gibt es Deroukedes und Regnaults, überall auch Gourmonts, die gemaßregelt werden, weil sie nicht durch das Joch des Patriotismus kriechen wollten. Wenn der alte Jules Simon im „Temps“ geschwätzig sein petit journal auskramt, dann hüllen sich *) „Figaro" vom 18. Mai.