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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-05 · 22 (5.6.1891) · p. Seite 389

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
22 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 389 (sequence 3)
Language
German
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Hesterreichische Wochenschrift Seite 389 Nr. 22 Judenfreund war, hat nachgewiesen, daß in dein von Juden bewohnten Territorium die Trunksucht weniger austritt, als im Innern des Reichs. Man sagt weiter, die Juden bewuchern das Volk. Tie Beschuldigung ist ebenfalls unwahr, denn die Inden im Territorium leben in unbeschreiblich durstigen Verhältnissen. Man sagt ferner, die Juden entziehen sich der Militärpflicht. Auch diese Behauptung ist falsch, denn während die Christen nur 5,1 Procent von ihrer Gesammtzahl in das Heer stellen, stellen die Juden 5,8 Procent, obgleich Letztere die Parias der Armen sind. Und zuletzt sagt man, die Juden lieben nicht Rußland. Wäre dies nun thatsächlich der Fall, so könnte man es ihnen nicht verdenken, aber der Jude liebt das Land seiner Geburt, gerade so wie der Christ und jeder Andersgläubige. Der Grund der Judenverfolgung ist in der Hauptsache ein anderer. Das in Rußland herrschende Beamtenthum braucht die verfolgten Juden, um dem Muschik, d. h. dem russischen Bauern zu zeigen, taß es noch elendere und geknechtetere Menschen gibt, als er einer ist; und den in Angst vor den Verfolgungen lebenden Inden, um ihn auszuplündern. Die traurige Saat, die durch diese Verfolgungen ausgestreut wird, wird für Rußland ihre schrecklich, n Früchte tragen. Vor vierzig Jahren schon schrieb der russische Schriftsteller Alexander- Herzen : „Jedes System ist seinem Falle nahe, wenn es nichts mehr oder nichts als das Schlechte schaffen kann. Wenn für ein System Alles was Fortschritt ist, zur Gefahr wird, so muß ein solches System verschwinden, weil es absurd wird." Rußland befindet sich in dieser Lage. Mag es seinem Schicksal entgegengehen — womöglich recht schnell, denn so wie es heute ist, ist es eine Gefahr für den Osten Europas. Uns aber liegt die Pflicht ob, den namenlos Unglücklichen beizustehen, ihr Leid und ihr Elend, so weit es unsere schwachen Kräften möglich ist, lindern zu helfen. Die russische» Juden iu Charlottenbnrg. Von Ludwig Stettenheim. Der Bahnhof von Charlottenburg liegt am äußersten Ende der Stadt. Er ist ein Bahnhof wie jeder andere; doch wenn seine Steine reden könnten, sie würden nur von endlosen Jammer und herzbrechenden Leide erzählen, denn von hier aus werden die Leute, denen das Vaterland die notwendigen Lebensbedingungen nicht bietet, nach Hamburg und Bremen befördert, von wo sie auf schwankem Schiff einer neuen Welt entgegenstenern. Seit einer Woche aber sind die weiten für Auswanderer bestimmten, Hallen überfüllt. Wir sehen fremde Gesichter. An unser Ohr tönt eine fremde Sprache. Wer find diese hungernden und durstenden Menschen? Es sind die russischen Juden. Ich habe nicht im Sinne, die Absichten der russischen Regierung zu erforschen oder ihr eine Vorlesung über Humanität zu halten. Von den vielen schönen Schriften über Menschlichkeit, die seit hundert und mehr Jahren den Stolz der Culturvölker bilden, wird wohl die eine oder die andere ins Russische übersetzt und in weitere Preise j verbreitet worden sein. Aber zum Mindesten ist es doch eine ausj fällige und interessaute Thatsache, daß man eine breite Volksmasse! vom Boden der Heimat losreißt und sie zwingt, unter den traurig- | sten Bedingungen das Vaterland zu verlassen und ein neues zu suchen, | Bedeutet das eine Strafe? Es muß wohl so sein, denn ein härteres Schicksal, das wird Jeder zugeben, kann es nicht geben, als gehetzt und verfolgt zu werden. Vom Bahnhofsperron hat man einen schönen Blick über weites, grünes Land; Wald zieht sich am Horizonte hin. Hellblau war der Himmel, die Luft rein und maienwarm.. Ein Zug kam dahergervllt und als er anhielt, entstiegen ihm Scharen von fremdartig aussehenden Fahrgästen. Alte weißhaarige Männer trugen schwere Säcke mit Bettzeug, zarte Frauen suchten durch Wort und Blick die Schar kleiner Kinder zusammenzuhalten, von denen sie eines oder zwei im Arm trugen. Die meisten waren jämmerlich gekleidet, die Wangen hohl und blaß. Einer nach dem andern kam nun heraus; man machte ihnen klar, daß sie nur geradeaus gehen sollten. Am Ende des Bahnsteiges befindet sich ein schwarzer, hölzerner Bau, über dessen Thür die Aufschrift steht: Für Auswanderer. Durch diese geht man eine steinerne Treppe hinunter und gelangt unter die Stadtbahnbögen, welche mit Tischen und Bänken zu einem schützenden Aufenthaltsort umgewandelt sind. Von außen macht das Ganze einen düsteren Eindruck, und so ist es leicht begreiflich, daß viele sich scheuten, in das zweifelhafte Dunkel hinabzusteigen. Wußten sie doch nicht, was ihrer unten wartete. Da die Bahnbeamten ihnen indeß bestimmt, wenn auch freundlich sagten, daß sie die Thür zu schließen hätten, so mußten denn alle hinunter; die Bettsäcke rollten nach, man half ihnen das Gepäck tragen, was freilich zuerst gleichfalls mit Mißtrauen halb abgelehnt wurde. Unten in den genügend Hellen Räumen entwickelte sich ein äußerst lebhaftes Treiben. Die Kinder spielten fröhlich und unbekümmert. Alle waren freundlich und liebevoll untereinander. Aus den Bänken fanden sich Familien zusammen. Eine Anzahl Damen und Herren aus Berlin und Charlottenburg war lebhaft beschäftigt, in das Chaos einige Ordnung zu bringen. Wie machte man es nun möglich, diese Unglücklichen die vier Stunden später weiterfahren sollten und zum Theil von allein Gelbe entblößt waren, zu speisen, zu tränken und zu kleiden? Man händigte Jedem, auch dem kleinsten Kinde, ein rothes Kärtchen ein, woraus mit hebräischen Buchstaben stand, daß es dafür einen halben Laib Brod erhalte, dann ein gelbes Kärtchen, daß es für ein (Getränk gilt, und ein drittes, auf welches Kleider verabfolgt wird. Die Fremden begaben sich nun alle zum Bahnhossrestaurant und erhielten entweder Bier, Thee oder Kaffee. Wer weiß seit wie langer Zeit sic nichts Warmes genossen hatten! Es war eine Freude, zu sehen, wie sie wieder auflebten. Die meisten zogen es vor, Thee zu trinken; auch die russischen Kinder sind an dies Getränk gewöhnt, wie die bayrischen ans Bier. Uebrigens wußten sie sich leidlich deutsch zu verständigen, wie überhaupt die Auswanderer, die an diesem Nachmittage ankamen, fast durchweg den Eindruck guter Menschen machten. Was waren das für Gesichter! Ich sah eineu Mann den man mir als einen Rabbi bezeichnete; eine seine, schlanke Gestalt, mit kleinen Händen und Füßen, lockigem Haar und Bart von dunkelbrauner Farbe und Auge», in denen eine Klarheit und ein Schmerz lag, wie ich es nie gesehen. Weit fort gingen seine Gedanken, zurück ins Vaterland, wo Frau und Kinder noch weilten! er aber erhofft von seinem Bruder in Rew-Zlork die Mittel um jene Nachkommen zu lassen. Wo waren denn alle jene schmutzstarrenden Scheusale, von denen man uns so oft erzählt hatte? Ja, die russischen Juden, so hört man immer, daß sind breite, dicke Kerle mit verfilzten Bärten und triefenden Augen; diese Leute, die man hier sah — sie kamen meist aus der Gegend von Kiew — konnte man nur mit Wohlgefallen betrachten. Schwarzes Haar sah man wenig, blond und rothbraun herrschte vor; der jüdische Typus erschien viel mit Merkmalen slavischer Mischung; gleich jenem Rabbi aber sah man viele Leute, in deren Adern unbedingt reines semiti'ches Blut rollte. Und nun staunte man wieder über die graziöse und vornehme Art ihres Dankes. Rur wenige drückten ihre Unterwürfigkeit durch Handküssen aus; die meisten neigten das Haupt. Mag sein, daß aus anderen Gegenden Rußlands Menschen auswandern, die wirklich im Schmutz leben und vom Wasser nichts wissen wollen; das ist aber noch immer kein Grund, sie schlecht zu behandeln. Run begann die Brotvertheilung; auch hier dieselbe Freude, dieselbe Dankbezeigung. In einer Hinteren Kammer waren unterdeß die reichlich eingegangenen Hemden, Hosen, Stiefeln. Frauen- und Kinderkleider u. s. w. sortirt; einer der Reisenden nach dem andern ward hineingelassen; man sah und fragte was er bedürfe und gab es ihm Die meisten wurden vollständig neu eingekleidet. Da kamen Mütter mit sechs Kindern und mehr, die oft nichts am zarten Leib hatten, als ein zerfetztes Kleidchen. Und so ging es mit mehreren hundert Menschen und jeden, der sich um sie bemühte, sahen sie mit solch' herzlicher Freundlichkeit an, daß man sich der Rührung kaum erwehren konnte. Bereits hatte man eine Anzahl von Leuten herausgefunden.

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