Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 22 (5.6.1891)
- Date
- 1891-06-05
- Page
- Seite 388 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 388 Hesterreichifche Wochenschrift vkr. 22 Heeres-Dienstpflicht in die Stadt, in der er vorher gewohnt, zurückkehrte, wird zurückgewiesen, weil er seit Jahren in der Ferne gewesen; vergebens legitimirte der Unglückliche seine Abwesenheit durch sein militärisches Dienstzeugnis;, er mußte abziehen in das Elend des Territoriums. Ein anderer Fall ist folgender: Ein junges jüdisches Mädchen kam nach Petersburg, um die Stenographie zu erlernen und durch diese Kunstfertigkeit sich einen Lebensunterhalt zu verschaffen; sie lieg bei der Polizei sich als Prostituirte eiuschreiben, denn nur unter diesem schimpflichen Rechtstitel darf eine Jüdin außerhalb des Territoriums wohnen. Bald darauf wies sie aber die Polizei aus mit der Begründung, daß sie das angemeldete Gewerbe nicht betreibe! Wem stockt nicht das Blut in den Adern ob solcher cynischen Grausamkeit? Das Ende des neunzehnten Jahrhunderts wird solcherart durch einen Ausbruch des Nacenhasses, der Intoleranz und unmenschlicher Verfolgungen der Schwachen durch die Starken characterisirt, die uns aus unserem blinden Zutrauen zum menschlichen Fortschritte gewaltsam aufrütteln. Wie eine verderbliche Epidemie rast der Antisemitismus, eine Bewegung, die aus den mannigfaltigsten und fast durchwegs höchst unreinen, der menschlichen Natur zur Unehre gereichenden Quellen entspringt, von Land zu Land, setzt in Berlin die Zungen von hochwürdige» Kanzelrednern, in Wien den schwachen Verstand hochgeborener Fürsten und verkommener Spießbürger in Bewegung, verfolgt und beraubt in Korfu tausende blutarmer Leute und kulminirt in Rußland, wo die Staatsgewalt selber Millionen der eigenen Unterthanen materiell zugrunde richtet, aus ihren Wohnsitzen verjagt, namenlosem Elend preisgibt und wie einen Feind behandelt, der die schauerlichsten Sünden begangen hatte und nun dafür büßen muß. Seit Monaten fliehen die entsetzten, gepeinigten Juden aus dem Riesenreich, um ihr Hab und Gut gebracht, oft aller Subsistenzmittel beraubt, sind diese Menschen, von denen viele noch vor Kurzem ein menschenwürdiges Dasein führen konnten, aus die Mildthätigkeit der Völker angewiesen, deren Gebiet sie durchziehen. Uno die Flucht bringt den Wenigsten von ihnen Rettung. Der Mittel beraubt, eine neue Existenz zu beginnen, werden sie überall zurückgestoßen, wie Aussätzige behandelt, deren Ausnahme die schwersten Uebel mit sich bringt. Mit rasfiuirter Grausamkeit werden die Besitzlosen getreten und mit ebenso rasfiuirter Findigkeit die Besitzenden, soweit es möglich ist, ihres Besitzes beraubt. Und Europa muß alledem ruhig zusehen und sich den Gedanken an das Namenlose wie einen wirren Traum aus der Seele scheuchen. Als die Ehristeuverfolgnngen in der Türkei, übertrieben und in grellen Farben ausgemalt, in Europa bekannt wurden, da ging ein Schrei der Entrüstung durch die Welt. Für die Inden regt sich keine Hand; es sind ja nur Juden. Ja jeder Versuch, den Leuten von Außen zu helfen, verschlimmert ihre Lage, und die größte Verschärfung der gegen sie erlassenen Verordnungen war eine Antwort ans jene Vorstellungen, welche edle christliche Bürger Londons dem Ezaren zu machen sich unterffngen. Zu fragen, was die russischen Juden verbrochen haben, involvirt schon beinahe eine bedenkliche Verirrung menschlichen Rechtsgesühls. Was sollen Menschen wie wir, die Theil haben an allen menschlichen Tugenden und menschlichen Schwächen, Besonderes verbrochen haben? Es find Handwerker, Kaufleute, Gelehrte, Aerzte, Advocaten, in ihrer Mehrzahl arme Leute, die mühselig ihr Dasein fristen, nie Gleichberechtigung genossen haben, unter dem Drucke der elenden russischen Verwaltung das Licht suchten und für den kräftigen Kern ihrer Natur durch ihren Fortschritt unter solchen Verhältnissen glänzendes Zeugnis; ablegten. Ihr einziges, größtes, unverzeihliches Verbrechen ist, daß sie anders find wie die Russen. Einer der gründlichsten Kenner der russischen Verhältnisse, Anatole Leroy-Beaulien, schätzt die Zahl derer, welche durch die unmenschliche Anwendung der Judengesetze in die Städte des Territoriums zurückgeworfen wurden, auf zwei Millionen. Welche Wirkung das Einströmen einer solchen Menschenmasse in diese Städte haben muß, läßt sich mit Entsetzen vorausberechnen, wenn man erwägt, wie es schon bisher in diesen Städten aussah. Berditschew, Kowno und Wilna sind die Hauptstätten des tiefsten, menschlichen Elends, das je auf Erden gehaust. Der „Pester Lloyd" entwirft davon folgende Schilderung: „Hunderttausende Menschen leben da vollständig ohne Subsistenz, von einem Tag zum andern. In einer Stube, welche tagsüber Werkstätte war, schlafen des Nachts acht bis zehn kinderreiche Familien: ein Menschenknäuel, umquirlt von miasmatischen Ausdünstungen, die wie ein dicker Qualm über diesen Unglücklichen brüten. Tagsüber wird in den meisten Familien nichts gegessen, erst Abends, wenn der Vater mit dem kargen Lohnerwerb heimkehrt (was aber nicht immer der Fall ist), giebt es ein Stück Schwarzbrot und einen Häring für die ganze Familie. In dem Innern des Reiches verfault die Ernte stellenweise in den Halmen mangels an Arbeitern; und hier gehen hunderttausende von Männern herum in nothgedrungener Mäßigkeit, gequält vom Hunger und von dem noch schlimmer» Gefühl, ihren Angehörigen, die im schauerlichsten Elend darben, keinen Bissen Brot bieten zu können! O, es ist ein Wahnsinn, in dem nicht einmal Methode steckt! In Berditschew ist eine Kloake, die eines Tages so übervoll war, das; sie die Straßen zu überflutheu drohte. Der Polizeiminister sah ein, daß sie gereinigt werden mußte, doch wollte er es so anstellen, das; die Reinigung keinen Heller kosten sollte. Da kam ihm eine lnminose Idee. Er stellte sich an den Rand der Kloake und rief, cs sei ihm ein werthvoller Ring hineiugesalleu. Da krochen aus den baufälligen Hütten, ans Kellern und Mansarden die zerlumpten Gestalten des Ghettos heraus, bleiche Frauen, hagere Männer, denen der Hunger aus den glanzlosen Angen weinte. Sie kamen herbei mit Löffeln, Krügen und Eimern und schöpften den Unflat heraus, itjii in die Häuser zu tragen und in seiner trüben Fluth, der mephitische Dünste entstiegen, nach dem vermeinten Schatze zu suchen. Und da tausende dieses Geschäft betrieben, war die Kloake binnen Stunden trist geleert. Der brave Polizeimeister lachte sich in's Fäustchen, und wenn von dem Ausschöpfen des Unflats im Judenviertel eine Epidemie ausbrach, so hat er wohl auch einen Orden bekommen. Welch' bodenloses Elend muß aber dort herrschen, wo dergleichen sich zntragen kann?" Und in diesen Stätten des Jammer und Elends sollen weitere zwei Millionen Menschen bleibenden Aufenthalt nehmen. Die Löhne werden tiefer sinken, die Armut wird schlimmer werden, der Hungertyphus wird sich weiter ausbreiten und das riesenhafte russische Ghetto wird von lebenden Leichen bewohnt sein. Welches aber sind die Motive, der selbst in der Geschichte der Judenverfolgungen beispiellosen russischen Bedrückung? Warum werden Millionen von arbeitskräftigen Händen lahm gelegt, ein unermeßliches Kapital des nationalen Vermögens muthwillig vernichtet, Handel und Gewerbe und Verkehr zum Stocken gebracht und aufs Schwerste geschädigt, der Welt ein Schauspiel geboten, welches Grauen und Abscheu erweckt? Warum wird die materielle Folter durch eine noch härtere moralische verstärkt? Warum erläßt der berüchtigte Pobedonoszeff eine Verordnung, welche die Juden in ihren religiösen Ueberzeugungen, dem einzigen Schatz, der ihnen übrig geblieben, aufs Tiefste verletzt, indem ihnen besohlen wird, nicht den Sabbath, sondern den Sonntag heilig zu halten? Die russische Regierung begegnet dem Empörungsrus der gesammten europäischen Presse im tiefsten Schweigen. ^Sie läßt kein Wort über ihre Absichten, Thaten und Motive verlauten, sie handelt. Warum geschehen also die Verfolgungen? Man sagt, die Juden verleiten zur Trunksucht. Michael Katkoff, der kein