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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-05 · 22 (5.6.1891) · p. Seite 387

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
22 (5.6.1891)
Date
1891-06-05
Page
Seite 387 (sequence 1)
Language
German
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Wien, 5. Juni 1891 VIII. Jahrgang. Centralorgan für die gesammten Interessen des Indeathnms. i! Ä. r Postsparcasienamt Clearingverkehr Nr. 810.976 Redaction und Administration: Wien, 1, Rothenthurmstraße 39. ae= Eigentümer: ReichsrathsAbgeordneter Dr. Bloch. Erscheint jeden Freitag. -« —- Man abonnirt bei allen Postanstatteu des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal ge-! spaltrne Petitzeile 12 kr. ' Anhalt: Leitartikeln: Aufruf! — Die russischen Juden in Charlottenburg. — Die heroische Schwachheit. — Die Sellung des mosaischen Rcligionslehrers an unserer Mittelschule. — Anatole Leroy-Beaulieu über den Antisemitismus. — Gladstone'S Brief an Samuel Montaguc. — Baron Hirsch über die russische Iudenpolitik. — Verein zur Abwehr des Antisemismus. — Die Similiarbehandlung der Tollwuth im Talmud und dessen Erklärnngsgründen. — Korrespondenzen: Wien. Berlin. London. Port. Bukarest. — Vermischtes: Wien. Prag. Pilsen. Lomnitz. Ung.-Brod. Tarnow. Buezacz. Budapest. Arad. Breslau. Taruvwitz. Frankfurt a. Main. Berlin. Paris. Nizza. Rom. — Familienblatt: Wochenkalender. — Bachur und Student. — Literatilr. — Aus dem Osten. — Briefkasten. — Inserate. Aufruf! II err 11 e d a c t e u r! Mit Abscheu und Entsetzen lesen wir in den Tagesblättern von den geradezu unglaublichen Verfolgungen der russischen Juden, seitens der moskowitischen Regierung. Mit raffinirter Grausamkeit wird über die Unglücklichen, friedlichen, schuldlosen Bürger hergefallen, Mütter ihren Kindern entrissen, diese letzteren ihrer Ernährer beraubt, die Erwachsenen in Ketten geschlagen und wie die ärgsten Verbrecher behandelt. Dass solche Gräuelscene« möglich, dass wir noch heute am Ende des 19. Jahrhuudertes schaudernd Zeuge solcher Gewalttliaten sein werden — wer hatte dies für möglich gehalten? Ist es da nicht Pflicht eines jeden Juden, eines jeden Menschenfreundes sein Schorflein beizutragen, um soweit wir es vermögen, das Elend dieser Unglücklichen zu lindern, die Wunden zu heilen, die ein Mensch dem Menschen schlägt? Als vor Jahren Szegedin von einer Katastrophe heimgesucht wurde, wie flössen da die Millionen von aller Welt zusammen und überall standen Juden obenan als Spender bei dem guten Werke. AYas will aber das Unheil, das die entfesselten Wogen anrichteten, gegen den Jammer bedeuten, die hier aus dem Wahnwitz einer despotischen Regierung stromweise quillt. Hundert tausende werden heimatslos gemacht, hunderttausende werden nackt und hilflos in's tiefste Elend gestürzt, — glücklich die der Tod auf der Heerstrasse überrascht und die so den moskowitiseheu Schergen entgehen. An Euch ihr Tausende die ihr Euch unter der väterlichen Regierung eines Monarchen, der alle seine Unterthanen mit gleicher Liebe umfasst, ein glückliches Heim geschaffen, geht die Mahnung: „Auf zur Hilfe!“ Jeder gebe was in seinen Kräften, orgauisiren wir uns für jede Stadt, für jede Strasse zur Rettung dieser Ausgestossenen und Elenden. Ist es nicht in unserer Macht, das Unglück, von dem unsere Glaubensgenossen betroffen, zu verhindern, so können wir es doch lindern. Organisiren wir uns als ein grosses Hilfscomite, wir Alle, Alle — Männer und Frauen, Jungfrauen uud Jünglinge. Wer will fröhlich sein und sich Gottes Erde freuen, wenn hilflose Frauen und hungernde Kinder, wie die Thiere des Waldes gehetzt werden, ohne Obdach, ohne Nahrung jeder Unbill preisgegeben! Organisiren wir uns uud helfen wir, wo wir helfen können, dass wir nicht vor unseren Kindern errötheu, wenn eine spätere Generation fragen sollte, gab es sonst keine Juden, Mitmenschen, die helfen konnten? Ueb er zeugt, dass sich von den vielen trefflichen und wohlthätigen Bürgern dieser Stadt einige hervorragende an die Spitze der Bewegung zur Unters tütz un g der ausgewiesenen russischen Juden stellen werden, stelle ich hiemit dem zu bildenden Comite 500 Gulden zur Arerfügung und zeichne als Ihr Ergebenster Eni. Beer Firma E. & H. Beer & Co. * Die jüdische Bevölkerung Rußlands ist ungefähr auf sechs Millionen Seelen zu schätzen. Sie ist seit jeher in die zehn polnischen Gouvernements und in die fünfzehn südlichen und südwestlichen Regierungsbezirke des europäischen Rußlands gebannt. Alls diesem riesenhaften Ghetto dürfen nur die an einer Hochschule Graduirten, die geschickten Handwerker ulid die Kausteute der ersten Gilde heraus; alle anderen Juden müssen nach dem Wortlaute des Gesetzes in diesem Territorium bis an ihr Lebensende ^verbleiben. Unter der Regierung Alepander's des Zweiten wurden die strengen Iudengesetze milder gehandhabt. Die Juden durften aus den Städten, wo sie in fürchterlicher Enge lebten, aus das flache Land hinaus und daselbst Land pachten oder kaufen, um die Landwirthschaft als Lebensberuf zu betreiben. Jüdische Handwerker konnten ohne viel Plackereien im Innern des Reichs sich niederlassen; und das Gesetz, welches die Westgrenze entlang einen Streifen von fünfzig Werst breit „judenfrei" zu halten vorschreibt, wurde stillschweigend als nicht existirend tetrachtet. Leider wurden diese gesetzlichen Bestimmungen nicht ausgehoben, wohl aber mit dem Regierungsantritte des gegenwärtigen russischen Kaisers tu strenge Anwelldung gebracht. Die Parole lautet: Das Innere Rußlands muß von den Juden gesäubert werden. Die jüdischen Handwerker, welche sich dort niedergelassen, lverden als „nicht geschickt" genug befunden und in's jüdische Territorium zurückgewiesen. Den im Innern des Reiches befindlichen jüdischen Aerzten, Professoren, Anwälten und Geburtshelferinnen gestattet man das Verbleiben, weil es das Gesetz vorschreibt, verweist aber ihre jüdischen Frauen und Kinder in das russische Ghetto, wodurch die Ehemänner und Väter, wollen sie nicht auf das Familienleben verzichten, gezwungen werden, den Ihrigen in das reservirte Gebiet zu folgen. Innerhalb dieses Gebietes selbst wiederum werden die Juden vom Lande in die Städte gedrängt. Wie dieser „Säuberungsprozeß" durchgeführt wird, ist in den Zeitungen mitgetheilt worden. Die Polizei umzingelt zur Nachtzeit die Häuser in den Iudenvierteln und hebt die Insassen aus, um diejenigen, die ihr Aufenthaltsrecht nicht Nachweisen können, im Etappeuwege wie gewöhnliche Verbrecher in Ketten nach dem Territorium zu befördern. Mit welchem grausamen Raffinement mau dabei zu Werke geht, erzählt Leop. Cers in seinem soeben in Paris erschienenen Buche „Bes juiks äe la ßussie.“ Ein Manu, der nach zurückgelegter

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