Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 21 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 378 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 378 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 21. Wie«. Aus Berlin lendet man nachstehenden Aufruf: „Glaubensgenoffen! Brüder! Ein grenzenloses Unglück ist über unsere russischen Glaubensgenoffen hereingebrochen! Durch asiatische Tücke und kosakische Gier sind Tausende unserer vielgeprüften Brüder von ihrer Heimstätte ver - jagt, beraubt der einfachsten Lebensbedingungen und dem drohenden Verderben preisgegeben. Vertrieben von Haus und Hof. wird ihnen keine Zeit gelaffen, so viel Mittel zu retten, um das nackte Leben gegen die Unbilden der Witterung zu schützen und den nagenden Hunger zu stillen. Täglich treffen Hunderte von unsäglich Unglücklichen hier ein, Kinder, denen die schwache Lebenskraft zu erlöschen droht, Jünglinge mit erwerbendem Selbstbewußtsein, junge Frauen mit verwelkter Mutterbrusl, hohlwangige Männer, die ihren letzten Zehrpfennig der hungernden Familie opfern, Greise mit erloschenem Lebensmuth, aus der trostlosen Wanderung nach dem dunklen Zukunftsland, und doch ist dies erst das Vorspiel in der gewaltigen Tragödie unserer Zeit Wenn die Zeichen nicht trügen, haben wir Tausenbe und Tausende zu erwarten, die der Knute und der Knechtschaft zu entrinnen suchen. Wir müssen und können helfen, aber es fehlt uns an Allem! Eure Opferfreudigkeit, Eure Liebe für Euer Blut bürgen uns, daß Ihr helfend einspringen werdet. Wäsche und Kleidungsstücke in gewaschenem, ausgebeffertem Zustand, und vor Allem Geld, viel Geld thut uns noth, um rasch und dauernd helfen zu können. Keiner, auch wer sich arm dünkt, schließe sich dem hohen Ziele aus. denn der Dürftigste unter Euch hat, verglichen mit unseren verfolgten Brüdern, ein Königreich. Bildet sofort Sammclcomitss für Geld und Kleidungsstücke in jeder Gemeinde und wendet Euch mit vollen Händen an uns. Dann wird die wahre Menschlichkeit, die geknechtet am Boden liegt, einen Sieg feiern über asiatische Verblendung und entmenschte Vernichtung. Sendungen sind zu richten an Herrn Zeitungsverleger Georg Jsaac, Charlottenburg." Wie«. Unsere Leser kennen das ungeheuere Aufsehen, welches eine gegen die Oesterr. - ungar. Armee gerichtete Schmähschrift in ganz Oesterreich erregt hat, von welcher das Organ Bismarcks die Hamburger Nachrichten Auszüge gebracht haben. In einem an die „Neue Freie Presse" gerichteten Schreiben aus Berlin SW., Alte Jakobstraße 37, mit der Unterschrift: „F. v. Levetzow, Antisemit", bekennt sich Letzterer als Autor der vielgenannten Schmähschrist über die österreichische Armee; gleichzeitig kündigt derselbe an, er werde demnächst die Broschüren: „Offene Worte über das Treiben der Juden in Oesterreich" und „Allerlei aus Oesterreich" mit Enthüllungen über den Jockey - Club und das österreichische Gerichtswesen veröffentlichen. Herr von Levetzow gibt zu, aus der österreichischen Armee ausgetreten zu sein, weil er sein ganzes Vermögen verspielt habe; er theilt dagegen die Gründe seines Austrittes aus der preußischen Armee nicht mit. Ein Eommentar ist überflüssig. E. B. Wie«. (Italienisches über dieJude n.) Im Verlage von Raff. Giusti in Livorno erschien von unserem Glaubensgenossen Dr. Juris Gustavo T i r i n g, gegenwärtig in Wien öffentlicher Gesellschafter der bekannten Kleider-Confectionsfirma Victor Tiring & Bruder, ein die sociale Frage behandelndes Werk, in welchem auch ein Capitel der socialen Stellung der Juden gewidmet ist. Das ziemlich voluminöse Buch behandelt das moderne Thema mit der dem Autor eigenthümlichen Gründlichkeit, zeugt von klarer Auffassung und vollständiger Beherrschung des heiklen Stoffes. Bemerkenswerth ist der Umstand, daß Dr. Tiring der bereits vielfach ventilirten socialen Frage manche neue Seite abzugewinnen verstanden hat, die die höchste Beachtung Aller verdient, die sich mit dem Thema zu beschäftigen haben. Hohes Interesse erregt es, wie Dr. Tiring über die sociale Frage der Juden denkt und urtheilt. Das betreffende Capitel verdient die weiteste Verbreitung und es darf nur die freudigste Befriedigung erwecken, daß Aussicht vorhanden ist, daß Dr. Tiring's gediegenes Werk demnächst auch in deutscher, englischer und französischer Ausgabe erscheinen und demnach den weitesten Leserkreisen zugänglich sein wird. Wade«. Zu der Frage betreffend die Eßrogim aus Corfu, schreibt uns Herr Rabbiner Reich aus Baden: Es muß thatsächlich als Anomalie erscheinen, ja als solche, die selbst vom rituellen Standpunkte aus verurtheilt werden muß, daß wir mit einer vom Ritus geheiligten Frucht im geweihten Raume Gottes erscheinen sollten, von der wir voraussetzen müssen, daß sie in einem vom jüdischen Bltite getränkten Boden zur Reife gebracht wurde, daß sie mit theurem Gelde verkauft wurde, welches unseren Feinden geboten wird, die damit über uns hohnlachen. Es kann gewiß mit Fug und Recht behauptet werden, daß eine solche materielle Unterstützung mit jüdischem Gelde als Sünde im wahren Sinne des Wortes bezeichnet werden kann; es ist ein Zoll von vielen Hunderttausenden, der da alljährlich aus jüdischen Taschen in die Hände Solcher fließt, die jeden Moment bereit sind, als Verleumder, Räuber und Mörder über unsere armen, unschuldigen Brüder herzufallen, und daß ein Eßrog aus solchen Händen, erkauft für theures Geld, unstreitig als „Mizwah habaah baawerah“ gekennzeichnet werden muß. Das hieße nach den kräftigen Worten des Talmud: „Eine Heiligung mit einem Gr.äuel Gottes vornehmen." Nach einem Privatbriefe des Herrn Dr. I. Hildesheimer in Berlin erklärt sich derselbe bereit, mit seiner Unterschrift gleichfalls hiefür einzustehen, daß die Eßrogim nicht mehr in Korfu gekauft werden, wenn es festgestcUt werden könnte, daß die Besitzer dieser Gärten Feinde der Juden seien, da es ja auch leicht möglich sein könnte, daß die Verfolger dem Mob angehören, der diesem Geschäftszweige überhaupt ferne steht. Dies müßte nun in erster Reihe festgesteUt werden, ehe eine Action nach dieser Richtung eingeleitet wird. Ferner erwähnt Herr Dr. Hildesheimer, daß die Agi-; tation nach jenen Centren geleitet werden müßte, in denen! das Gros der Judenheit zu Hause ist, nach Rußland, Polen, ' Ungarn u. s. w., mit den dort bestehenden Rabbinaten, wie; Warschau, Odessa, Lemberg, Budapest, Preßburg müßte uni vcrzüglich zu diesem Zwecke eine Verständigung herbeigeführt i werden, nicht minder mit den Landesrablinaten von London Paris, um ein collectives Vorgehen zu erzielen. Dies herbeizusühren, erscheint als eine Aufgabe der jüdischen Presse, indem sie die hervorragenden Koryphäen zur; Beigabe ihrer Unterschrisien auf einen gemeinsam zu erlassen! den Ausruf veranlaßt, der dann an alle bekannten Gemein-! den verschickt wird, mit dem Ersuchen, ihn in allen Syna- I gogen zu veröffentlichen. Auch den großen Zwischenhändlern muß bei Zeiten ein scharfer Wink nach dieser Richtung hin gegeben werden, damit dieselben das gute Werk nicht aus Geschästsrücksichten vereiteln. Schwerlich dürste sich dann Jemand finden, der diesem Aufrufe zuwiderhandeln würde. Diese Action muß nach diesen angegebenen Punkten rasch in Fluß gebracht werden, ehe dieselbe, die schon vor einigen Jahren reiflich ventilirt wurde, wieder im Sande verläuft. Krag, 21. Mai. Das Wirken der Juden in Böhmen auf industriellem Gebiete behandelt eine der Feder des Herrn Ignaz I e i t t e l e s, „der Rechte Beflissenen" emstammende Correspondenz, die in der im Jahre 1807 in Frankfurt a. M. erschienenen Zeitschrift „Sulamith" veröffentlicht wurde. Merkwürdigerweise sind die einleitenden Sätze dieser Abhandlung, die nach dem Vorsatze des Verfassers in einem größeren Werke veröffentlicht werden sollte, den heutigen Verhältnissen angepaßt. „Daß Böhmen", so heißt es daselbst, „trotz seiner Lage