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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-05-29 · 21 (29.5.1891) · p. Seite 377

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
21 (29.5.1891)
Date
1891-05-29
Page
Seite 377 (sequence 7)
Language
German
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Seite 377 Nr. 21. Hejlerreichifche Wochenschrift selbe thun mögen, vielleicht wird dann die Vereinsleitung Ihres Humanitätsinstitutes mehr Rücksicht auf jüdische Mitglieder nehmen." Wien. (D er He r r und sei n H u n d,) sie haben einander so lieb. Das kommt nun im Leben wohl öfter vor; die Liebe zu einem treuen Hund ist begreiflich und erklärlich. Zahllose Geschichten wissen von der Hundetreue zu erzählen, die oft länger anhält, als die Treue eines sogenannten „Herrn der Schöpfung". Wenn wir also doch von einem Herrn und seinem Hunde hier Notiz nehmen, so geschieht dies, weil wir eine ganz specielle Veranlassung dazu haben. Es liegt uns nämlich ein Schreiben eines Hundebesitzers vor, der in ganz außergewöhnlicher Weise für seine Dachshündin Partei nimmt. Ja, wir hätten vielleicht selbst dieses Schreiben unbeachtet beiseite gelegt, wenn nicht die Unterschrift darauf unser Interesse angeregt hätte. Der Brief trägt nämlich die Namensfertigung: Professor Schantl. Herr Schantl ist, wie man weiß, Professor am Conservatorillm und Solobläser am hiesigen Hofoperutheater. Die Zuschrift ist gerichtet an einen Herrn Arthur Spitzer junior, der im gleichen Hause mit der Nichte des Herrn Professors Schantl wohnt und das Unglück hatte, dem Dachshund mehrmals auf der Stiege zu begegnen, als er „äußerln" geführt wurde. Diese Begegnung scheint für den jungen Herrn Spitzer eine etwas unliebsame gewesen zu sein; es scheint, daß das Hündchen an Herrn Spitzer kein Wohlgefallen gesunden, ihn angeknnrrt, angebellt und sonstwie belästigt haben muß, so daß er sich veranlaßt gesehen hat, den Dachshund durch einen Schlag mit der Hand von sich abzuwehren. Diese Beleidigung des Dachshundes nun forderte den ganzen Zorn des Professors heraus. Er schreibt also an den jungen Spitzer: „Meine Nichte beklagt sich seit längerer Zeit schon, daß Sie stets auf der Stiege oder unter der Einfahrt selbst auf der Straße von einem jüdischen Buben, welcher Sie sind, jedesmal beim Begegnen, behelligt wird. Ich mache Sie aufmerksam und zwar nur dieses einemal, daß insoferne Sie sich noch einmal unterstehen würden, meiner Nichte und meinen Dachshund nur mit einen Wort, selbst nur mit einen Blick traktiren, so hat meine Geduld ein Ende und diene Ihnen zur Kenntniß, daß ich Ihnen sofort, wo ich Sie auch begegne, auf der Straße, unter der Einfahrt, auf der Stiege oder im Gange abfange, wie der Schinder einen Hund und haue Sie mit derselben Peitsche, welche nur auf einen Hund sonst angewendet, derart durch, daß ich in Zukunft sicher bin, daß Sie jüdischer .... bub meiner Nichte sammt meinen Dachshund sicher für immer in Ruhe lassen werden. Schreiben Sie sich diesen Brief hinter Ihren noch nicht trockenen Ohren . . . Aus dieser Stylübung des Professors Schantl geht nun hervor, daß er — was nicht Wunder nehmen kann — in allen Tonarten zu — schimpfen versteht; ferner, daß man auf irgend einem beliebigen Instrument es bis zu einer künstlerischen Fertigkeit gebracht haben, daß man, wie es bei Herrn Professor Schantl der Fall ist, ein guter Bläser sein, aber mit der Grammatik und Orthographie auf gespanntem Fuße stehen kann. Das sollte eben nur constatirt werden. Auf das Geschimpfe näher einzugehen, erachten wir schon deshalb für überflüssig, weil der Schlußsatz des famosen Schantl'chen Briefes, den wir hier aus guten Gründen weggelassen haben, wahrscheinlicherweise einem anderen berufeneren Factor Gelegenheit geben wird, sich mit dem genannten Herrn eindringlicher auseinanderzusetzen. Wen. Ueber die Judenverfolgung in Rußland bringt das „Deutsche Reichsblatt" von unterrichteter Seite folgende Mittheilungen: In Jekaterinoslaw wurden am Vorabend des jüdischen Osterfestes, das bekanntlich eine Gedenkfeier an den Auszug der Israeliten aus Aegypten unter der Regierung jenes Pharao ist, in Jekaterinoslaw wurden also am Vorabend dieses hohen Festes 92 jüdische Familien ans der Stadt getrieben; man ließ ihnen nichts als das Wenige, was sie auf dem Leibe hatten und ein Treppenwitz der Weltgeschichte! — etwas ungesäuertes Brod und Wein, — die Lebensmittel der flüchtenden Israeliten bei ihrem Auszuge aus Aegypten. Hier möge der Anfang eines Privalbriefes aus Moskau folgen, der mehr sagt, als Bücher schildern können: „Mein Sohn! — Du wünschest uns ein glückliches Fest! — Wir haben hier kein Glück und kein Fest; — am Vorabend des Passah wurden wir durch Kosaken aufgehoben und Alle, jung und alt, Männer und Weiber, aus den Häusern getrieben. Der Pristaw befahl uns, unser Hab und Gut sofort zu verkaufen; wie sollten wir auf der Stelle das möglich machen? — Da wurden einige dreißig Russen zusammengerufen, die uns Alles, was unser war, für wenige Rubel abkauften; — das Geld steckte sich natürlich der Polizei-Ofiizier zur Deckung der Unkosten ein! — Diejenigen von uns, die zu murren wagten, wurden niedergeknutet. — Wir flüchteten nach unserem Friedhof und hofften, wenigstens auf den Gräbern für die Nacht Ruhe zn haben; vielleicht bringt nns der Tag Rettung und Hilfe. — Aber eine Stunde später wurde der Friedhof von Kosaken umzingelt, wir wurden in die Nacht hinaus auf die Landstraße getrieben, mit Stößen und Hieben, und wer es wagte, sich zu widersetzen, wurde niedergeknutet oder ins Gefängniß geschleppt und wird in Sibirien enden! — Ich weiß nicht, wo ich mein Haupt niederlegen soll" — u. s. w. In S i e d l e c in Polen dringt während des Gottesdienstes die Polizei in die Synagoge und verlangt die Thora, die Gesetzesrolle, zu sehen, unter dem bisher noch nie und nirgends gehörten Verlangen, ob die Gesetzesrolle den Stempel der amtlichen Genehmigung habe. Selbstverständlich kann eine solche Genehmigung nicht nachgewiesen werden; der Polizei- Offizier verlangte eine sofort zu erlegende Buße von 100 Rubeln; die bereits ausgesogene arme Gemeinde ist nicht im Stande, diesen Betrag sofort aufzubringen und der Polizei- Offizier zerreißt im Gotteshause die Gesetzesrolle — das Allerheiligste der Israeliten — und wirft die Fetzen den Unglücklichen vor die Füße. Daß Gewaltthätigkeiten jeder Art, brutalste Mißhandlungen der jüdischen Frauen und Mädchen an der Tagesordnung sind, ist selbstverständlich und! die Einzelheiten sind oft so haarsträubender Natur, daß sie j sich der Wiedergabe entziehen. Und warum dies Alles? Welcher Verbrechen beschuldigt man diese Unglücklichen? — Man beschuldigt sie des in Rußland todeswürdigen Ver-! brechens, — Juden zu sein.

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