Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 21 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 375 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Gest erreichte Wochenschrift Seite 375 wandern begonnen haben. Unter den Anjou waren sie hier schon zahlreich; ihr ältestes Privilegium datirt von 1323. Dreiundsechzig Jahre später galten sie schon als so einflußreich, daß unter den Boten Korfus an den Senat Venedigs, dem sich die Insel ubergab, auch ein Jude, David Samo, genannt wird. Die Griechen mißhandelten sie, durch Steinigung und Plünderung, durch Schändung ihrer Kirchhöfe. Eine boshafte Sage machte Korfu sogar zum Geburtsort des Judas Jscharioth. Schon dem Engländer Bromton wurde am Ende des 12 Jahrhunderts ein Kastell nicht hier, sondern am apirotischen Ufer als dieser Ort gezeigt. Es ist seltsam, daß er später nach dem korsiotischen Dorfe Jskaria verlegt wurde, iu welchem man zugleich den Namen der homerischen Scharia wiederfinden wollte. So hat man die Odyssee mit dem Judenthum in Verbindung gebracht. Die venetianische Negierung verbot im Jahre 1406 die Steinigung der Juden; sie legte ihnen dafür einen Tribut von 300 Dukaten ans. Fortdauernd schützte sie die Republik; als sie im Jahre 1571 alle Inden ans ihren Staaten vertrieb, nahm sie nur die in Korfu aus. Der Marschall Schulenburg, ein Protestant, begünstigte sie. Kirkwall behauptet, daß er, um die von ihnen bei der türkischen Belagerung bewiesene Tapferkeit zu ehren, einem Fort den Namen Abramo gegeben hat. Im Jahre 1760 zählte man schon 1171 Juden in Korfu, darunter viele mit großem Reichthum. Ich habe in meiner Skizze „Der Ghetto und die Juden in Rom" die prachtvolle Procession beschrieben, welche die Synagoge Korfus im Jahre 1780 zu Ehren des katholischen Erzbischofs gehalten hat. Heute ist ihre Zahl aus 5000 a'i-gewachsen. Korfu hat also Stoff genug zur Entwickelung der „Judenfrage", während auf Zante kaum 300, aus Kephalonia etwa 40, ans dem griechischen Festland nur sehr wenige Hebräer leben. Zur Zeit der französischen Regierung wurde das gelbe Schandzeichen der Juden Korfus abgeschafft, und die Engländer haben hier wie in Zante auch den Ghetto aufgehoben. Er ist ein ansehnliches Ouartier mit guten Straßen und Häusern. Am Schlüsse seiner Wanderung durch Korfu beschreibt Gregorovius auch noch den jüdischen Friedhof: „Es sieht fast wie Ironie aus, wenn ich vom Grabe Kapodistrias unmittelbar zu dem Friedhof der Juden übergehe — aber da liegt er ganz nahe, auf einem großen ummauerten Hügel unter dem Fort Abramo. Im Schoße Abrahams ruhen hier also wirklich die Inden. Fürwahr, nirgends sonst in der Welt sind sie glücklicher als in Korfu! Cypresseu stehen auf dem Hügel; hohes, wehendes Gras bedeckt ihn, woraus weiße Leichensteine ragen. „In Gras und Blumen" scheinen die Kinder Israel gern zu liegen; denn auch im Cirkus Maximus Roms ist ihr Friedhof so mit langhalmigem Grase über und über zugedeckt." Ein deutscher Gelehrter, der in Korfu, wo er mehrmals zu Studienzwecken geweilt, gute Beziehungen unterhält, hatte sich nach Ausbruch der Unruhen an einen dortigen griechischen Collegen gewendet, um zuverlässige Auskunft über den wirklichen Stand der Angelegenheit zu erhalten. Dieser Zweck wurde zwar insofern nicht erreicht, als der Adressat diesen Winter und Frühjahr nicht aus Korfu, sondern auf Reisen verlebt hat, über Entstehung und Verlauf der Judenunruhen also nichts mitzutheilen in der Lage war. Dagegen bietet der Brief, der wörtlich in der „Straßburger Post" zum Abdruck gelangt, viele hochinteressante Ausschlüsse über die Verhältnisse überhaupt, insbesondere auch über dasjenige der christlichen Confessionen untereinander und den Juden gegenüber. Und diese Verhältnisse kennen zu lernen, ist gerade für die Beurtheilung der dortigen Judenverfolgung von großem Interesse. -Rach einer annähernd wohl richtigen Schätzung gibt es gegen 5000 Juden, meistens arme oder nur müßig bemittelte Leute, durchwegs Händler. Sie sind der Mehrzahl ' nach arme Teufel, die froh sind, mit kleinem Handel ihr Leben zu fristen — es gibt auch reiche Ausnahmen, aber die leben nickt im Judenvieitel und halten nicht zu den übrigen. Die Leute sind durchwegs brav. Ihr Leben in der Familie ist ganz patriarchalisch; der Vater ist der unumschränkte Herr im Hause; die Kinder sind von großer Ehrerbietigkeit gegen die Eltern beseelt, die Geschwister häni gen mit inniger Liebe aneinander. Ihre Glaubensvorschristen j befolgen sie sehr streng. Untereinander unterstützen sie sich > nach Kräften. Ich habe sie stets ehrlich gesunden; andere i klagen freilich auch vielfach über ihre Uebervortheilungen,! aber, daß ich es nur bekenne: der christliche Kleinhändler ist - auch kein Muster. Im Ganzen ist es »xovera. gente“, wie j die Italiener sagen. Irgend etwas Ernstliches kann man; ihnen nicht nachsagen. Ein Hauptvorwurs, den die Geist-! lichkeit gegen sie erhebt, ist, daß sie an den jüdischen Feier-! tagen keine Geschäfte machen, dagegen an den christlichen! Sonntagen ihren Handel betreiben. Das könnten aber die > Ehristen selbst leicht ändern, wenn sie nur wollten. Im! Uebrigen weist die Geschichte Korfus viele Beispiele grau-! samer Judenverfolgungen aus. Die venetianischen Regie- *, rungsedicre entfalten schon Spuren davon: Verfügungen, in! welchen das Steinigen und Berauben der Juden verboten j wird n. s. w. Für diese Schonung hatte die Bewohnerschaft j des Jndenviertels jährlich einen Tribut zu zahlen. Erst die j französische Republik schaffte im Jahre 1798 die Vorschrift | ab, kraft deren alle Juden ein gelbes Abzeichen tragen! mußten, und erst der englische Lord-Obercommissär Sir Ho-! ward Douglas hob im Jahre 1840 die Bestimmung aus,! kraft deren die Juden nur im Ghetto wohnen dursten. Höhere Bildung der breiteren Volksschichten ist das einzige i wirksame Mittel zur Abhilfe. Die Engländer haben in dieser! Beziehung nichts gethan, unsere Regierung auch noch nicht j genug. Hoffen wir, daß die jetzigen traurigen Vorkomm- \ niffe, welche unseren Namen in so unerwünschter Weise in! aller Mund gebracht, den Stein des Anstoßes abgeben mögen,! daß jetzt Durchgreifendes geschehe! Ein durch die Pöbelercesse auf Korfu vertriebener und! nach Triest geflüchteter Jude, Namens Juda E b a r k o s, I richtete an seine Buhapester Verwandten einen Brief, in welchem er die Ursachen schildert, die ihn zur Flucht gedrängt haben. Er sei Freitag Abends mit Frau und Kind zu Hause gesessen, als zwei Griechen, mit blankem Handschar bewaffnet, eintraten und die Thüre hinter sich versperrten. Sie fragten ihn zunächst, ob es wahr sei, daß die Juden das Ehristenmädchen ermordet hatten, und als Ebarkos dies verneinte, banden sie ihm die Hände, ebenso seiner Frau und verlangten Geld. Da Ebarkos keine Anstalten machte, dasselbe ihnen zu geben, stopften sie ihm und seiner Frau Knebel in den Mund und raubten die ganze Wohnung aus, indem sie das Ehepaar gleichzeitig in unerhörter Weise mißhandelten. Ebarkos verlor das Bewußtsein und erinnert sich nur noch, daß die beiden Griechen ihm sagten, daß er sich nicht unterstehen solle, sie anzuzeigen; übrigens möge er thun, was er wolle, das Militär und die Polizei halten zur Bevölkerung und ebenso wie ihm werde es allen Juden aus Korfu ergehen. Als Ebarkos sich erholt hatte, verkaufte er, was ihm von seinem Eigenthum noch übrig geblieben war und schiffte sich mit seiner Frau, obwohl beide krank, nach Trieft ein, wo sie, aller Mittel entblößt, ankamen. Das „Berliner Tagblatt" hat Herrn Dr. Hans Barth nach Korfu entsendet, um genaue Informationen zu holen. Diesem Berichterstatter gegenüber hat der Erzbischof von Korfu die Erklärung abgegeben, däß „das ermordete Mädchen, Rnbina Sarda, eine Jüdin, keine Christin" war; der hohe Kirchensürst, in dem jeder ehrliche Mensch einen einwandfreien Zeugen erblicken muß, ist der Ansicht, die ermordete Kleine sei das Opfer eines Lustmordes geworden. Die Ermordung eines Judenkindes wurde vou den arischen Griechen dadurch gesühnt, daß man eine Jud enversolgung