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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-05-29 · 21 (29.5.1891) · p. Seite 374

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
21 (29.5.1891)
Date
1891-05-29
Page
Seite 374 (sequence 4)
Language
German
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Seite 374 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 21. Colonien russischer Juden zu sehen, welche argentinische Grundbesitzer auf ihren Ländereien gegründet hatten. Er fand diese Siedelungen nicht eben in blühendem Zustande, aber er erkannte, daß sie blos in Folge der Nachlässigkeit und Ungeschicklichkeit der argentinischen Unternehmer nicht gediehen, und empfing im Ganzen den Eindruck, daß die russischen Juden, im Gegensätze zu der allgemeinen Annahme, bei richtiger Behandlung ein geeignetes Menschenmaterial für Ackerbaucolonien abgeben würden. Er hatte, ehe er nach Argentinien ging, von den Leiden der Juden in Rußland gehört und auch davon gelesen, daß Baron Hirsch viele Millionen für die Besserung ihres Loses verwenden wolle. Die Wahrnehmungen, die er in den jüdischen Eolonien Argentiniens gemacht hatte, gaben ihm nun den Gedanken ein, daß Baron Hirsch seinen Zweck nicht besser erreichen könne, als indem er die russischen Juden in Argentinien ansiedle und zu Ackerbauern erziehe. Aus der Rückreise nach Europa arbeitete er einen ausführlichen Colonisationsplan aus und als er wieder in Paris eintraf, setzte er sich mit Baron Hirsch in Verbindung und legte ihm seinen Plan vor. Baron Hirsch nahm von der Arbeit Kenntniß. war von der Großartigkeit des Gesammtplans und der gleichzeitigen sorgfältigen Durcharbeitung aller Einzelheiten gepackt und entschloß sich rasch, den Versuch zu wagen und mit seiner Verwirklichung Professor Loewenthal zu betrauen, in welchem er einen Organisator ersten Ranges errieth. Nach einer Reihe von Berathungen beauftragte Baron Hirsch Professor Loewenthal, nach Argentinien zurückzukehren, und das Gebiet zu wählen, auf dem die Ansiedlungen gegründet werden sollten. Er hatte vorerst noch keine endgiltigen Landkäufe vorzunehmen, sondern blos Angebote zu prüfen und sich vorbehaltlich der Genehmigung des Barons Hirsch Kaufrechte zu sichernd Er stand als Führer an der Spitze einer förmlichen Expedition, die außer dem untergeordneten Personal von Schreibern, Dienern u. s. weinen belgischen Oberst und einen englischen Ingenieur zu Mitgliedern zählte, welch' letzterer bereits in der Anlage von Massen-Colouien in Kanada und Australien practische Erfahrungen gesammelt hatte. Professor Loewen thal verließ Europa zum zweiten Mal im Oktober vorigen Jahres, begab sich ohne Zeitverlust in's Innere Argentiniens, bereiste die Gebiete, die er für das Unternehmen von vornherein in Aussicht genonnnen hatte, und traf am 27. März, mit allen erforderlichen Verträgen versehen, wieder in Paris ein. In neuen Berathungen mit Baron Hirsch wurde nun die letzte Hand an die Organisation des Werkes gelegt, und am 5. d. M. konnte Professor Loewenthal sich in Bordeaux zum dritten Mal nach Argentinien einichiffen, diesmal zn dauerndem Aufenthalt in der südamerikanischen Republik. Er ist als alleiniger Leiter mit ausgedehntesten Vollmachten und entsprechender Verantwortlichkeit an die Spitze des großen Werkes gestellt. Die finanzielle Seite des Unternehmens ist das Gebiet des Barons Hirsch, um das Prof. Loewenthal sich nicht zu kümmern hat. Dagegen ist es seine Sache, drüben das uöthige Land zu erwerben, es zur Ausnahme vott Ansiedlern vorzubereiten nnd darauf die Eolonien russischer Juden einzurichten. Zunächst schreitet er zum Ankäufe von 2000 Geviert-Leguas Land (eine argentinische Geviert - Legua mißt 25 Geviert - Kilometer, also 2500 Geviert-Hectare oder etwa 10.000 Morgen; es handelt sich also um einen Landkauf voll zwanzig Millionen Morgen.) Von dem gekauften Land wird zuerst ein kleiner Theil durch eine Anzahl ausgewähltcr russisch-jüdischer Arbeiter in Gemeinschaft mit geübten Eingeborenen urbar gemacht und bestellt. Die Argentinier und einige europäische Landwirthe dienen dabei den Juden als Lchrmeister in der Errichtung der Wohnhäuser und Wirthschaftsgebäude und in allen Arbeiten des Ackerbaues und der Viehzucht. Erst wenn diese erste Gruppe von Juden die erforderliche Geschicklichkeit erlangt hat und sich ihrerseits zu Lehrmeistern eignet, werden weitere Scharen hinübergeholt, mit denen dasselbe Verfahren | erneuert wird. Die Lehrgruppen, denen natürlich besondere j Vortheile zugestanden werden, dringen als Pionniere immer j weiter in die Wildniß vor und lassen urbar gemachtes Land j hinter sich, ans dem jüdische Einwanderer seßhaft gemacht j werden. Wie man sieht, kann nach diesem Plane die Hinüberleitung der russischen Inden nur ganz allmählig vor! sich gehen. Obschon Raum zur Unterbringung von anderhalb bis zwei Millionen Siedlern vorhanden ist, darf man nicht an einen malerischen Massenauszng denken, der etwa unserem Welttheil in der nächsten Zeit die Wiederholung des Schauspiels bieten würde, welches im Pentateuch geschildert ist. Es wird nach Professor Loewenthal's Annahme vier bis fünf Jahre dauern, bis er Einwanderer in großen Metigen aufnehmen nnd unterbringen kann. Auch ist das Werk nicht als ein riesiges Almosen gedacht, sondern hat eine gesunde Grundlage der Selbsterhaltung. Das Land nnrd den Juden nicht geschenkt. Sie müssen es bezahlen. Aber allerdings rechnet man ihnen blos die Selbstkosten und mäßige Verzinsung und stellt ihnen sehr lange Zahlungsfristen, so daß sie, wenn sie sich als geeignet erweisen und fleißig sind, mit einem kleinen Theil des Ertrages ihres Bodens die Schuld tilgen können und dann freie Eigenthümer ihres Landes werden. Der Versuch, den Professor Loewenthal unternimmt und zn welchem ihm Baron Hirsch die erforderlichen sehr! bedeutenden Mittel zur Verfügung stellt, ist einer der groß-! artigsten, die unsere Zeit gesehen hat. Sein Gelingen würde; Hunderttausende, vielleicht Millionen Menschen aus tiefstem Elend erlösen und zu menschenwürdigem Dasein emporheben, l Argentinien zu einem bevölkerten und in Folge dessen reichen I und mächtigen Lande machen und dem Antisemitismus sein großes Argument entwinden, daß die Juden blos schachern! und wuchern, nicht aber neue Werthe schaffende, nützliche! Arbeit leisten können. i Zwei Bemerkungen sind am Schlüsse dieser Mittheilung! nicht überflüssig. Erstens sei angesichts der Hunderte von Anstellungsgesuchen, die fortwährend für ihn eingehen, festgestellt, daß Professor Loewenthal alle Hilfskräfte und Mitarbeiter, deren er bedurfte, bereits gewählt und Anstellungeit bei dem Werke zur Zeit überhaupt nicht mehr zn vergeben sind. Zweitens mögen die russischen Juden vor jeder 'Voreiligkeit dringend gewarnt werden. Augenblicklich ist für sie noch kein Platz in Argentinien. Es ist verständlich, daß sie sich dem Druck, unter dem sie stehen, möglichst rasch entziehen möchten. Sie müssen aber vorerst ihre Ungeduld beherrschen.! Wenn drüben Alles zu ihrer Aufnahme bereit sein wird, I dann wird mit der Hinüberschaffung der jeweilig zulässigen Anzahl von Personen methodisch begonnen werden. Bis I dahin aber haben sie ruhig auszuharren, und wenn sie auf j eigene Faust nach Argentinien reisen wollten, würde ihrer! nur Enttäuschung, Elend, ja der Untergang harren." Korfu.! In seiner „Jonischen Idylle" über Korfu, einer seiner > anmuthigsten und poetischsten Schöpfungen, macht der kürzlich! verstorbene Geschichtsschreiber der Stadt Rom, Aerbinand , Gregorovins, einige interessante Mittheilungen über die Juden in Korfu, die gerade jetzt einen merkwürdigen Eindruck Hervorbringen. Gregorovius schreibt: „Den kosmopolitischeil Zug Korfus verstärkt ein zahlreiches Judenthum. Wann zuerst die Hebräer in dies ihr Elvorado der Levante eingewandert sind, weiß ich nicht zu! sagen. Die Geschichte ihrer jonischen Diaspora ist dunkel. Diese Menschen kamen truppweise, flüchtig aus dem Orient, j Im 12. Jahrhundert wollte Benjamin von Tudcla nur Einen ' Juden in Korfu gefunden haben. Ich nehme deßhalb an, daß I sie später in Folge des Umsturzes des byzantinischen Kaiser - thums durch den lateinischen Kreuzzug nach Korfu einzu-

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