Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 21 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 373 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Gesterreichifche Wochenschrift Seite 373 das Angesicht Christi nicht kennen, vom Jüngsten Gericht nichts gehört haben. Dem und Anderem denket nach, fahren wir nun mit der Kirche und der Kirchlichkeit fort. Gott schütze die Russen! In ihrer Mehrzahl lieben sie den Tempel des Herrn, sie lieben ihn zu bauen und zu schmücken, sie besuchen ihn sogar gern. Aber in dieses uralt heilige, reine Gebiet beginnt eine große Schwächung einzudringen. Ich wiederhole, was ich schon früher gesagt habe: Sehet, rechtgläubige Russen, die Juden gehen an ihrem Sabbath ohne Ausnahme in ihre Synagogen und beten dort zu Gott. Wohin aber gehen die Russen? Sie gehen aus die Märkte, auch wenn sie dort nichts zu thun haben, lungern sie aus den Straßen herum und füllen die Schankstellen. Sehet es an utifc denket darüber nach! Am jüdischen Sabbath, wenn die Juden feiern und nicht reisen, Pflegen die Eisenbahnzüge leer sein und die Dampfschifsahrts-Verbindung zwischen unseren Städten ist sogar ganz unterbrochen. Ich bin von Kindheit an gewohnt, zu sehen, daß in Westrußland in den Städten und Oertern jeder Handel stockt, wenn die Juden feiern, und selbst Gouvernements- Itädte nehmen ein feiertägliches Aussehen an. Nicht mit Hilfe der Gewalt, sondern mit moralischen Machtmitteln, durch die Achtung vor ihrem Gesetze und vor den Geboten der Väter bringen die Juden an ihren Feiertagen das allgemein-russische Leben zum Stillstand. Die Unserigen aber achten ihr göttliches Gesetz nicht, nicht ihre allrussischen Gebräuche und treten den russischen Namen in den Koth... Gehen wir nun zur Volkssittlichkeit über. Ehe man sich die Mühe gibt, fremde Sünden nachzuzählen, sollte es da nicht besser sein, sich selbst zu betrachten? Ich habe ohne die leidigen Zeitungsnachrichten meine eigenen Thatsachen, welche aus sicheren Quellen erhalten werden und welche besagen, daß die Sittlichkeit aus den Fugen geht; ganz besonders wird gegen das vierte und sechste Gebot gesündigt. Die Kinder schlagen die Eltern, und diese wieder ihre Eltern u. s. f. Das fällt in die Augen, ist allgemein verbreitet und tief betrübend. Fahre ich aus Odessa aus die Krywaja-Balka, so sehe ich fast an jedem Hause ein Schild mit der Aufschrift: „Restaurant mit Getränken und Tabak", immer ein und dasselbe zehnmal und ohne Zweifel hundertmal. Da sing ich denn an, die Russen in den nächsten Dörfern, durch die ich fuhr, auszufragen : „Sagt mir doch, Ihr lieben Leute, hat von Euch jemals Einer einen betrunkenen Juden gesehen?" Die Russen schweigen oder antworten: „Nein, niemals." Ich bestätige dies: „In meiner Kindheit habe ich viele Juden beim Vergnügen gesehen, gewöhnlich zum vergnüglichen Haman. Habt Ihr aber einen Juden gesehen, der sich betrunken ans der Straße wälzt?" — „Nein, niemals." Ich bekräftige auch, ich hätte noch keinen betrunkenen Juden gesehen, „denn für ihn ist es eine Schande, sich betrunken auf der Straße zu wälzen, für den Russen aber ist es keine Schande" ... „Sagt mal, betritt ein Jude jemals eine Schänke." Antwort: „Er handelt darin." — „Ja, sie halten sich darin auf, um zu handeln." — „Gehen sie aber auch dahin, um dort vergnügt zu sein, um so recht zu schwnchten. Sie antworten mit Schweigen. „Gehen die Deutschen in die Schänke?" — Nach einigem Schweigen antworteten sie: „Ja, sie geheil hinein, der Eine und der Andere tnnkt Eins, um sich zu erwärmen. Der Deutsche braucht übrigens auch gar nicht hinein zu gehen" — fügen sie hinzu — „fast jeder von ihnen hat ein Faß Wein im Keller liegen?" — Warum hat denn auch nicht jeder Russe" — so frage ich — „ein Faß Wein im Keller liegen? — Darauf allerwärts die gleiche Antwort — ich spreche die Wahrheit und lüge nicht! „Der Russe stirbt auf dem Fasse, ehe er es nicht ausgetrunken hat". Wegen der Getränke, auf welche sich der rechtgläubige Russe mit Gier und ohne Zaum und Zügel wirft, verliert er sein Vermögen, seine Arbeit, seine Kraft, seinen sittlichen Charakter, seine Ehre. Betrunken zu sein, sich auf der Straße l zu wälzen, zu schimpfen, Scandal zu machen, schämt sich der l Nichtrusse; der Russe aber schämt sich nicht". Daher ist denn; der Russe überall der Arbeiter — bei jedem Ausländer und j besonders in den Grenzgebieten, wie hier in Odessa. Es ist > für Niemanden eine Schande, ehrliche Arbeit zu thun. Die! allgemeillell Bedingungen gestalten sich indessen so, daß der! Russe gern aus Arbeit zum Juden oder Deutschen geht. Der! Deutsche aber würde sich erniedrigen, wenn er zum Russen! aus Arbeit ginge. Und wenn der Jude auch unter den Russen! Arb.it verrichtet, so ist er dabei doch mehr oder weniger Vorgesetzter, Aufseher, Rechnungsführer. Daß aber ein Jude bei einem Christen einfacher Arbeiter ist, habe ich weder gesehen, noch gehört. Der rechtgläubige Christ aber arbeitet so oft für den Ausländer nicht blos aus freiem Willen, sondern aus sclavischem Zwang. Und daran ist außer ihm selbst Niemand schuld. Durch seine eigene Schwäche begibt er sich in freiwillige Sclaverei. Er bringt Alles durch, versäuft es, macht Schulden, und in der christlichen Gesellschaft besteht keine Solidarität, wie bei den Juden und Deutschen, um den schwachen Bruder zu zügeln, um ihn zu unterstützen und ihn auf ben rechten Weg zu bringen. Andere unterstützen sich gegenseitig, wir sehen das, loben es, sind oft neidisch darüber und tadeln die Anderen oft dafür, wofür man sie loben müßte und was man annehmen sollte; selbst aber thun wir nichts. Jeder sieht nach einer anderen Seite". Das ist der Wortlaut einer Rede, welche der Erzbischof Nikano von Cherson und Odessa im September 1889 gehalten hat. Das Zeugniß dieses gefeierten Kanzelredners für die in dem russischen Juden lebenden Tugenden der jüdischen Race sind eine schlagende Widerlegung all'jener erlogenen Anklagen, 1 mit welchen die russischen Ossiciöseu die Verfolgungswuth zu rechtfertigen suchen. Das Emigrationswerk. Schon vor etwa Jahresfrist baben wir von dem Plane des Herrn Baron H i r s ch, für die aus Rußland flüchtenden Glaubensgenossen in Argentinien Ansiedlungen zu schaffen, Mittheilung gemacht. Ueber den Stand dieser Angelegenheit informirt, bringen wir nachstehende authentische Darstellung, welche der „Vossischeu Zeitung" aus Paris zugeht und sich mit den uns bereits vor längerer Zeit gewordenen Mittheilungen vollständig deckt. „Londoner Zeitungen berichten, Baron Hirsch denke daran, in „Kanada, Südamerika, Australien oder Afrika" weite Landstreckerl zur Gründung südischer Kolonien zu er-! werben und diesem Zwecke vorläufig 75 Millionen Francs j zuzuwenden; auch hätten sich ihm a.rde! e jüdische Großcapita-! listen angeschlossen, um sich an dem gewaltigen Unternehmen zu betheiligen. Fast jede einzelne dieser Angaben ist falsch. : Baron Hirsch hat niemals an „Kanada, Australien oder j Afrika" gedacht, sondern von vornherein ausschließlich Argen- - tinien und dessen Nachbarländer, also Uruguay, Paraguay i und die südlichsten Provinzen von Brasilien, vielleicht allen-! falls noch etwa Bolivien in's Auge gefaßt. Ich bin nicht! ermächtigt, den Betrag anzugeben, den Baron Hirsch für das! Werk vorläufig ausgesetzt hat, doch darf ich sagen, daß er! von 75 Millionen weit entfernt ist. Von einer „Betheiligung! anderer jüdischen Großcapitalisten" ist keinen Augenblick lang! die Rede gewesen, vielmehr geht die Sache ganz allein j von Baron Hirsch aus. Was bisher geschah und gegen- | wärtig im Werk ist, das ergiebt sich aus der folgenden l Darstellung. Die Leser der „Voss. Ztg." erinnern sich wohl j noch, daß Pros. Wilhelm Loewenthal, der Verfasser der „Hygiene des Unterrichtes" x.f im Herbste 1889 auf Einladung der argentinischen Regierung nach Argentinien reiste und die climatischen und hygienischen Verhältnisse der Republik studirte. . . Auf dieser Reise hatte er auch Gelegenheit,