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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-05-29 · 21 (29.5.1891) · p. Seite 372

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
21 (29.5.1891)
Date
1891-05-29
Page
Seite 372 (sequence 2)
Language
German
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Seite 372 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 21. große Transporte aus allen übrigen Städten Rußlands folgen werden, unmöglich aufnehmen, geschweige die Bedingungen zu einer auch nur einigermaßeil erträglichen Existenz bieten können. Es bleibt den Auswandernden nur das westliche Europa und die amerikanische Union, aber auch hier sind und werden Barrieren gegen die Juden errichtet. Das neue amerikanische Einwanderer - Gesetz bezweckt ausschließlich, den Zustrom russischer Juden zu hemmen; obgleich dies im Texte des Gesetzes nicht ausdrücklich gesagt wurde, wird dasselbe nach dem Geständnisse der Amerikaner von den Executiv - Organen derart gehandhabt werden, daß die Grenzen der Republik für jüdisch - russische Einwanderer tatsächlich verschlossen sind. Ebenso nimmt das westliche Europa unsere Juden sehr ungern auf: die Regierungen Deutschlands, Oesterreichs und Rumäniens schicken sie mit Polizei und Gensdarmerie über die Grenze zurück. In Folge dessen richtet sich der Strom der Auswanderung nach Großbritannien, und derselbe wird verstärkt iverden, sobald die Vereinigten Staaten ihre Grenzen den jüdischen Emigranten verschließen werden. Diese Perspective beunruhigt die Engländer. In diesen Tagen sollte im Londoner Rathhaus ein Meeting stattfinden, um zu besprechen, ans welche Art das Zuströmen der zu erwartenden Tausende von Flüchtlingen zu verhindern sei. Unsere Juden haben also keine Zufluchtsstätte, es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in die Erde zu verschwinden." In diesem rnssische Tone hetzt das Blatt weiter, um dann zu dem Schlüsse zu gelangen, daß es die Pflicht der reichen Juden wäre, „den Messias zu spielen und einen großen Exodus zu schaffen"; die Juden mögen ihre Schulden an Private wie an den Staat zahlen „und dann nach allen Richtungen der Windrose ihrer Wege gehen!!" Daß man aber den Unglücklichen die Auswanderung selbst erschwert, zeigen nachstehende Meldungen: Petersburg, 24. Mai. Vor einigen Tagen traf hier ein Engländer Namens White ein. Derselbe soll im Aufträge des Baron Hirsch Verhandlungen mit der Regierung wegen der Expatriirung der russischen Juden nach der argentinischen Republik einleiten. Mr. White hat die Weisung, sich direct an den Ober-Procureur Pobedonoszew zu wenden, der ihn aber vorläufig nicht.empfing. Hier besteht die Ansicht, daß die Mission While's ohne Resultat bleiben werde. Pari s, 25. Mai. Baron H i r s ch erklärte einem ihn ittterviewenden englischen Journalisten, bei der russischen Judenfrage sei kein größeres Unglück möglich, als das Verbleibt n des gegenwärtigen Zustandes nutzloser Grausamkeit. Entweder solle der besser insormirte Czar Einhalt thun, oder, wenn die russische Regierung entschlossen ist, sich der Juden zu entledigen, möge dieselbe der Hirsch'schen Gesellschaft Zeit gewähren, die überseeische Emigration in größtem Styl durchzuführen. Die Gesellschaft würde sämmtliche Juden Rußlands in vertragsmäßig festgesetzten Zeiträumen, selbst 300.000 pro Jahr, übersiedeln, wenn inzwischen den Verfolgungen der Uebrigen Einhalt geboten würde. Ueder de» Charakter der russische» Juden. Die Katastrophe, welche über die russischen Juden hereingebrochen, erweckt Theilnahme bei der ganzen civilisirten Welt, und selbst bei den Franzosen, den politischen Freundelt der Russen. Was haben die russischen Juden verschuldet, daß sie solchen Grausamkeiten preisgegeben? Daß sie ihre Pflichten gegen den Staat treu erfüllen und dem Militärdienst keineswegs wie die Hetzer ausschreiben sich entziehen, haben wir bereits in der vorletzten Nummer gezeigt. Welcher Laster | sonst klagt man sie noch an? Hören wir das Urtheil eines hervorragenden russischen Kirchenfürsten über die Eharacterqualitäten des russischen Juden. Der gefeierte Krzvischof Aikanor von Odessa, hat in einer Rede im September 1889 die Russen mit den Deutschen und den Juden in Vergleich gebracht und sagte darüber Folgendes: „Bewahre mich Gott davor, daß ich gegen die bei uns wohnenden fremden Völker ein beleidigendes Wort sage. Gott der Herr lasse ihnen alle seine Schätze zu Theil werden und möge sie mit den auf Erden möglichen Wohlthateu segnen. Aber die Vergleichung der Unsrigen mit denen die nicht zu uns gehören, ist betrübend und thut dem russischen Herzen sogar wehe. Ich leihe der Meinung wissender Leute, der Geistlichen und der Polizeibeamten, der Landwirthe und der Bauern selbst, ein aufmerksames Ohr. — „Sagt mir, werden denn die Deutschen reich?" — so frage ich. Die Bauern selbst^antworten: „Wir können uns noch erinnern, daß sie (die Deutschen) arm hieher kamen, jetzt sind sie reich geworden." — Sagt, werden die Inden reich?" Danach braucht man gar nicht zu fragen. Auf , iese Frage antworten besonders die Städte, z. B. unser Odessa. — „Werden die Russen reich?" — „Ja" antworten im Allgemeinen die Wissenden — „einzelne werden reich, die Gesammtheit aber I kaum." — Welches ist die Ursache dieser Erscheinung? Diese j Ursache bestand in früheren Zeiten für die Deutschen darin, > daß sie besondere Privilegien hatten und sich besonderer j Fürsorge von Seite der Regierung erfreuten. Das war, ist aber jetzt nicht mehr. Und doch kamen die Deutschen, wie sich! jetzt lebende Menschen erinnern, arm zu diesen und werden j unter ihnen reich. Was aber die Juden angeht, so hat ihnen > das Gesetz niemals besondere Privilegien gewährt. Der Jude! und der Deutsche bahnen sich bei uns mit ihrer Arbeit und! ihrem Verstände einen Weg, zu ihrem Wohlergehen. Heute schiebt man's auf das Glück, morgen auf den Zufall, aber — um Gotteswillen, zu beständigem Erfolg gehört auch einiger Verstand. Den Grund eines so traurigen Zustandes muß man in moralischen Factoren suchen, in den Rationalcharacteren. Indem ich die Russen mit den Nichtrussen vergleiche, suche ich de» Grund in denjenigen Eigenschaften des rechtgläubigen russischen Volkes, welche meiner Beobachtung als Geistlicher nahe liegen. Fangen wir mit der Schule an. Da sehen wir dann, daß die Deutschen in einer alten russischen Ansiedlung Land kaufen und eine neue Ansiedlung gründen; sie sind noch nicht so weit, daß sie eine gut eingerichtete Schule hätten eröffnen können, aber sie engagiren sofort selbst ohne fremden Antrieb und Unterstützung einen Lehrer für ihre Kinder. In demselben Dorfe eröffnet der rechtgläubige Geistliche in seinem eigenen Hause eine Schule für seine Pfarrkinder und fordert dieselben auf, die Kinder in die Schule zu schicken. Die Eingcpfarrten schicken nicht eine einzige Seele. Ich höre, die Deutschen seien besorgt, daß nicht eines ihrer Kinder ungeschult bleibe. Ich höre, daß auch bei den Inden alle Kinder ohne Ausnahme geschult werden. Ich höre ein armer jüdischer Taglöhner hat einen ganz unbedeutenden Verdienst, aber er und seine Familie verleben davon nur einen unbedeutenden Theil, für das Uebrige unterhält er einen Sohn auf der Universität, einen andern auf lern Gymnasium u. s. w. Herr- Gott, wie das doch alles in Rußland verkehrt geworden, entgegen dem Gesetze Gottes, bar jeden gesunden Menschenverstandes. Weder die Deutschen, noch die Juden, noch auch unsere mahomedanischen Tartaren fürchten sich, bei der Erziehung ihrer Kinder zn strengen Maßregeln ihre Zuflucht zu nehmen. Es ist auch noch gar nicht so lange her, daß wir diese sclavische Furcht vor unseren Kindern nicht kannten. Dafür schlagen jetzt die Kinder ihre Eltern. Es würde indessen viel Zeit in Anspruch nehmen und zu nichts führen, wenn ich die höchst erstaunliche Unwissenheit der Bauernkinder, welche die Schule nicht besuchen, besprechen wollte, daß sie

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