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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-05-29 · 21 (29.5.1891) · p. Seite 371

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
21 (29.5.1891)
Date
1891-05-29
Page
Seite 371 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 21 Wien, 29. Mai 1891 VIII. Jahrgang i Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. 8 K. k- Postsparcasienamt Clearingverkehr Nr. 81V 976! Siebaction und Administration: | Wien,!' I, Rothenthurmstraße 39. 8k — — - - .---& ---c©S>i-- Eigenthümer: Reichsraths-Abgeordneter Dr. Bloch. Erscheint jeden Freitag. -ök - —m j; Man abonnirr bei allen i. || Postanstalten ' des Inunb Auslandes. | Bezuasvrcis: Halbjähria 4 fl. jj Einzelexemplare 25 kr. ij 31 n j e i a e it: Die 4mal ge-!> j; spaltene Petitzeile 12 fr. J An?aft: Leitartikeln: Die Verfolgungen in Rußland. — Ueber den Charakter der russischen Juden. — Das Emigrationswerk. — Korfu' — Correspondenzen: Wien. Baden. Prag. Czernowitz. Belovar. Berlin. Leipzig. Zante. — Vermischtes: Wien. Fünfhaus. Prag. Znaim. Drohobycz. Berlin. Dresden. Ratibor. Leipzig. Baden. Stuttgart. Straßburg i. E. Amsterdam. Kopenhagen. Paris. London. Constantinopel. Jaffa. Adclaine. — Familien blatt: Wvchenkalender. — Der verschleierte König. — Literatur. — Briefkasten. — Aufruf. — Inserate. Die Verfolgungen in Rußland. Die ungeheuerlichen Judenverfolgungen, welche gegenwärtig von der russischen Regierung ungeordnet werden, erinnern unwillkürlich an die spanischen Greuel, die jetzt genau vor 500 Jahren sich ereigneten. Damals 1391 tobte ein! fürchterlicher Sturm über die ganze pyrenäische Halbinsel, j dem Tausende und Abertausende von armen schuldlosen Jadeit j zum Opfer fielen. Was sich damals in Spanien vollzog, das! nnederholt sich nach einem halben Jahrtausend, unter den Augen des gebildeten Europa, jetzt in Rußland. Damals wie heute schürte ein psäffischer Zelot das Feuer. Der spanische Schänder der Religion Christi war ein Archidiakon in Ecija; sein würdiger Nachfolger in Rußland heißt Pobedoneszew. Die Berichte ans Berlin über die dort täglich anlangenden russischen Flüchtlinge lauten trostlos. „Nichts Traurigeres als der Anblick einer solchen Karawane! Daß Menschen so viel Elend ertragen können, ertragen ohne Rachedurst — es ist unglaublich. Und doch ist es so. Hier hat unsagbare Noth alles Gefühl außer dem des eigenen Wehs erstickt." „Wer lernen will, welchen Gipfelpunkt menschliche Grausamkeit zu erreichen vermag, wer erfahren will, unter welchem gehäuften Jammer der Mensch noch leben kann — der sehe sich einen solchen Flüchtlingszug an! Jeder Tag bringt mindestens einen." „Mau hat den Aermsten Alles genommen, die kärglichen Fähnchen selbst, mit denen sie ihre Dürftigkeit deckten. Was sie etwa besaßen, hatten sie werthgemäß zu veräußern nicht Zeit, und sogar den Ausgezogeuen und Ausgesogenen streckten sich zum Abschied vom Geburtslande noch begehrliche Hände entgegen." „Unter dem.Bahndamm ist ihnen in Charlottenburg eine Stätte bereitet. Sie ist nicht verlockend — doch den Verfolgten erscheint sie köstlich, und aus dem vergrämten Munde steigen laute Daukgebete empor für die Erquickung, die nur sparsam geboten werden kann." , Inzwischen nehmen die.Ausweisungen immer größere Dimensiouen an. Aus Städten, in welchen bischer eine kleine Zah? <Ovn ^Israeliten unangefochten wohnte, hauptsächlich mi^ Handel u.>d Handwerk beschäftigt, laufen Meldungen über Austreibungen ein. So erläßt der Polizeimeister von Libau in den Libauer Blättern eiue Bekanntmachung folgenden Inhaltes: „Es ist zu meiner Kenntuiß gelangt, daß sich in Li bau Hebräer befinden, die durchaus nicht das Recht haben, hier zu leben, darunter auch solche, die, obwohl sie Handwerkszeugnisse besitzen, sich doch mit Handwerken nicht beschäftigen. Dies zur allgemeinen Kenntniß bringend, füge ich hinzu, daß ich den städtischen Pristaws vorgeschrieben habe, solche Hebräer unverzüglich aus der Stadt auszutveisen und oiejenigeu, welche ihnen Uiueistand gewährt haben, zur Verantwortung zu ziehen." Ein Petersburger Correspondent meldet: „Im Gegensätze zu den jüngsten Zeitungsberichte» wird von wohlunterrichteter Seite bestätigt, daß die Maßregeln gegen die Juden von der russischen Regierung ohne Erbarmen zur Ausführung gelangen werden. Alle Familien, welche in Transkaspien sich niedergelassen haben, wurden aus dieser Provinz vertrieben. Die Zahl der Unglücklichen, welche gezwungen wurden. Moskau zu verlassen, beläuft sich derzeit aus 22.000, von welchen der größte Theil in südliche und westliche Distrikte gezogen ist. Im Laufe des nächsten Monats werden weitere 20.000 die alte Hauptstadt Rußlands verlassen müssen. In St. Petersburg wächst die Auswanderung von Tag zu Tag. Der Ausweisungsbefehl wurde aus alle Handwerker, Chemiker, Kaufleute zweiter und dritter Claffe und Geldwechsler ausgedehnt. Auf Befehl des Grasen Jgnatiew, Gouverneurs von Kiew werden auch jüdische Künstler aus dieser Stadt vertrieben werden, obwohl Musiker bisher von der Verfolgung ausgenommen waren. Der Gouverneur voa Astrachan hat soeben Ordre erhalten, alle Juden aus seiner Provinz auszuweisen." Das Elend, welches die Inden betroffen hat, ist unsäglich, aber noch Schlimmeres steht ihnen bevor. Die „Nowoje Wremja", welches Blatt als Sprachrohr der hohen Petersburger Kreise benutzt wird, kündigt an: daß die Vorgange in Moskau nur das Vorspiel sind der gräßlichen Tragödie, welche im ganzen Innern des Reiches sich abspielen werde. Unter der Ueberschrift „Die Lösung der Judenfrage" heißt es in dem Leitartikel in Nr. 5440 vom 3. Mai: „Vor einiger Zeit hielteit die Vertreter der jüdischen llaut6-1?inaae6 Berathungen datüber ab, wo die Juden, welche aus Moskau ausgewieseu werden, uuterzubringen sind. Polen, die südlichen und westlichen Gouveruemeuts Rußlands sind von früher her mit Juden bereits dermaßen überfüllt, daß sie den Moskauer Transport, welchem bald andere

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