Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 20 (22.5.1891)
- Date
- 1891-05-22
- Page
- Seite 368 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020868--00393-3024379- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 368 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 20. Korrespondenzen. Wien. (D er „stramme Gesinnungsgenosse",) Seit einigen Jahren wirkt der „Verein zur Errichtung und Förderung von Seehospizen", dessen Vereinsasyl das Erzherzogin Maria Theresia-Seehospiz zu St. Pelagio bei Rovigno ist. Die Mittel zur Gründung und Erhaltung dieses Hospizes wurden durch Sammlungen aufgebracht. Einen sehr bedeutenden Theil der Beiträge leisteten Juden und man darf ruhig sagen, daß die Gründung zum mindesten wesentlich durch diese Gelder gefördert, wenn nicht überhaupt ermöglicht wurde. Als Secundarzt wurde nun an dieses Seehospiz Herr Dr. D i m berufen. War für diese Berufung etwa dasselbe empfehlenswerth, was das hiesige Antisemitenblatt heute über Herrn Dr. Dim zu sagen weiß? Eine Personalnachricht des Ansisemitenorgans lautet: „Herr Med. Dr. Karl Dim, unser str ammer Gesinnun gsgenosse. verläßt Wien, da er als Secundararzt in das Maria Theresien-Seehospiz San Pelagio bei Rovigno in Istrien berufen wurde." Und dafür hat man bei Juden Beiträge gesammelt, haben die Juden ihr Geld hergegeben! Wie«. Sch önerer's Leibblatt schreibt: Herrn K. Lo. Die kostbare Geschichte von der Orientreise des Abg. Bergani, mit welchem in einem Coup« zu fahren eine größere Anzahl von Mitgliedern des Männergesangsvereines. — nicht etwa liberale, sondern antisemitisch gesinnte — sich aufs Entschiedenste weigerten, hat uns höchlichst erheitert. Wenn nur der Sultan den geschäftlich so genialen Mann nicht etwa als Finanzminister unten behält!. Vielleicht finden wir Gelegenheit, auf die Sache noch näher zurückzukommen. — Wie«, 5. Mai. (Vermählung.) Heute nachmittags fand im Bethause der inneren Stadt die Trauung des Herrn Eugen Rappaport, Banquiers aus Constantinopel, Großofficiers des Medschidjeordens und Commandeurs des Annenordens, mit der durch ihren Wohlthätigkeitssinn bekannten Frau Amalie Lothringer unter zahlreicher Betheiligung der hiesigen Finanzwelt statt. Me«. Sonntag, am 24. Mai, 1 Uhr Nachmittag findet im ist. Tempel der Seitenstettengasse die Trauung des Herrn Edmond Wolfs mit Frl. Olga Reichel, der Tochter des bestbekannten Großindustriellen Herrn Leopold Reichel in Wien statt. Breßknrg, 18. Mai. Die alte ungarische Krönungsstadt erfreut sich sett Jahren des zweifelhaften Rufes, ein Hauptheerd der anttsemitischen Hetze zu sein. Preßburg genießt die Ehre, Herrn Ivan v. Simony zu seinen Bürgern zn zählen. Preßburg war vor Jahren der Schauplatz blusiger Judenkrawalle, und die sogenannte „Intelligenz" unserer Bevölkerung bis hinauf zu den obersten Spitzen der Comitatsverwaltung huldigt jenem stillen aber intensiven Judenhasse, der sich in der gesellschaftlichen Excludirung der Juden bethätigt. In diesen herostrasischen Ruhmeskranz Preßburg ist soeben ein neues Blatt eingefügt worden. Alle Welt kennt das „Hotel Palugyay", dessen Gründen bei Lebzeiten der „erste Wirth Ungarns" genannt wurde. Der alte Palugyay war nicht blos eine liebenswürdige und vornehme Natur, sondern auch einer der edelsten und humansten Menschen. Der Sohn aber, der nach dem Tode des Vaters das Hotel und das weltberühmte Weingeschäst übernahm, wandelte auf neuen Bahnen. Er ist einer der wüthendsten Judenhasser unserer Stadt und er hat von seiner niedrigen Gesinnung soeben eine vollgewichtige Probe geliefert. Am 1. April d. I. ging das im Gebäude des Palugyay'schen Hotels „zum grünen Baum" befindliche Kaffeehaus in den Besitz des Herrn Palugyay über. Derselbe begann seine Thäügkeit als Cafetier damit, daß er eine Verordnung erließ, nach welcher die in Preßburg ansässigen Juden für eine Porsion Kaffee 25 kr. zu bezahlen haben, während der Preis des Kaffees für alle übrigen Besucher des Palugyay'schen Kaffeehauses nach wie vor 15 kr. bettägt. Auf die Vorstellungen des Stadthauptmannes erklärte Palugyay, er habe diese Verfiigung erlassen, weil er verhindern wolle, daß sein Etablissement zu einem Geschästs- Kaffeehause herabsinke. Wer jedoch Herrn Palugyay kennt, weiß, was er von dieser Ausflucht zu halten hat. Die Verfügung des Hoteliers trifft nur die ansässigen Juden, unter denen nur einzelne Bevorzugte die neue „Judensteuer" nicht zu zahlen habe. Wir erachten es aber für selbstverständlich, daß auch kein auswärtiger Jude, den seine Geschäfte nach Preßburg führen, das Local des Herrn Palugyay aufsucht und so die beleidigende Maßregel desselben sanctionirt. Wir richten diese Aufforderung insbesonders an den „Verein der reisenden Kaufleute" und an die Mitglieder der Freimaurer-Loge, welche bisher ihre Versammlungen im Hotel Palugyay hielten. Kein Jude, der noch Ehre im Leib hat, er möge ein Preßburger oder von Auswärts sein, darf das Kaffeehaus und das Hotel des Herrn Palugyay fürderhin betreten. Budapest. Emanuel Löwenrosen, Hörer der Budapester Landes-Rabbinerschule, hat mit seiner Preisarbeit über „die phönizische Sprache und ihr Verhältniß zu den übrigen semitischen Dialekten" den Preis für semitische Philologie" an der königl. ung. Universität zu Budapest gewonnen. Es ist dies der erste Fall, daß ein Hörer der Rabbinerschule diesen Preis gewonnen. Mrünn. Vorigen Freitag kam ein etwa 23jähciger Mann hier an, der sich für Elieser Landau, Rabbiner aus Wolangow in Rußland ausgab, als ein Enkel von R Jescheckel Landau, aus Rußland ausgewiesen. Er legte 30—40 Zeugnisse und Karten von Rabbinern vor, welche seine große talmudische Gelehrsamkeit bezeugten Wir warnen vor demselben, als vor einem Schwindler. Derselbe war nie Rabbiner, ist ein ganz gewöhnlicher Ignorant, der den Schwindel erwerbsmäßig betreibt. Kokowea. Die hiesige israelitische Cnltusgemeinde hat einen schweren Verlust erlitten. Der Nestor der galizischen Rabbiner Sr. Ehrwürden Herrn H. Lichtenstein ist gestern im hohen Greisenalter eines sanften Todes verschieden. Der Heimgegangene zählte zu den bedeutendsten Autoritäten des orthodoxen Judenthumes in Ungarn und Galizien,war ein Mann großer talmudischer Gelehrsamkeit, hoher Frömmigkeit und strengster Religiösigkeit und verfügte über eine seltene Rednergabe. Sein Tod reißt eine Lücke die nicht ausgefüllt wird. Der Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch hat telegraphisch den israelitischen Cultusvorstand in Kolomea das Beileid ausgedrückt. Zistersdorf. (Verhaftung eine s Katech eten.) Aus Zistersdorf wird uns von heute berichtet: „Großes Auffehen erregt hier die Verhaftung des 29 Jahre alten und als Katecheten an der hiesigen sechsclassigen Volksschule wirkenden Cisterzienserpriesters aus dem Stifte Zwettl, Rudolf Körbler. Derselbe wurde von der Gendarmerie um 11 Uhr Nachts im Pfarrhofe über Anzeige von Eltern mehrerer 8 — 9 Jahre zählenden Mädchen, an welchen er während der Religionsstunde unsittliche Handlungen verübte, verhaftet und dem Bezirksgerichte in Zistersdorf eingeliefert. Körbler wird sich wegen Verbrechens der Schändung zu verantworten haben. Westety a. d. Warch. Es dürfte für Ihr Blatt von Interesse sein, zu erfahren, daß bei der in der Stadlgemeinde Wessely a. d. March, am 13. d. M stattgesundenen Bürgermeisterwahl unser Glaubensgenosse Herr Josef Ornstein mit Acclamation unter den ehrendsten Kundgebungen und seltensten Ovationen seitens seiner christlichen Mitbürger zum Bürgermeister der Stadt einstimmig wiedergewählt wurde.